10.650 zusätzliche Todesfälle in nur einer Woche: Eine Reuters-Meldung, die auch Meiden übernahmen, sorgte mit dieser Zahl für Aufsehen. Mehr als 9000 der Betroffenen waren über 65 Jahre alt.
Das starke Übersterblichkeitssignal während der Hitzewelle Ende Juni ist real. Die extreme Hitze ist die plausibelste Erklärung. Doch im langfristigen Vergleich zeigt sich ein überraschend anderes Bild.
Acht zu eins
Eine 2024 in The Lancet Public Health veröffentlichte Modellstudie untersuchte die temperaturbedingte Sterblichkeit in 1368 europäischen Regionen. Der betrachtete Zeitraum reichte von 1991 bis 2020.
Das Ergebnis: Jährlich wurden im Median rund 363.800 Todesfälle niedrigen Temperaturen zugerechnet. Bei hohen Temperaturen waren es rund 43.700. Das Verhältnis lag damit bei 8,3 zu 1.
Niedrige Temperaturen waren in der historischen Langzeitbilanz Europas also mit mehr als achtmal so vielen Todesfällen verbunden wie hohe.
Meist ist es kein Frost
Das bedeutet nicht, dass jedes Jahr Hunderttausende Menschen erfrieren. Der größte Anteil der statistischen Kältelast entsteht an vielen mäßig kühlen Tagen. Das zusätzliche Risiko eines einzelnen Tages ist meist klein. Über lange Zeiträume und große Bevölkerungen summiert es sich jedoch.
Die Forscher bestimmen dafür zunächst die örtliche Temperatur, bei der die geringste Sterblichkeit auftritt. Anschließend berechnen sie, wie viele Todesfälle statistisch mit Temperaturen ober- oder unterhalb dieses Optimums verbunden sind.
„Kältetote“ sind daher überwiegend keine Menschen, bei denen Kälte als unmittelbare Todesursache auf dem Totenschein steht. Es handelt sich um eine statistische Zuordnung – genau wie bei den Schätzungen zu Hitzetoten, über die Reuters berichtet.
Drei Studien, dasselbe Muster
Die europäische Untersuchung steht mit diesem Befund nicht allein. Eine internationale Studie analysierte 2015 mehr als 74 Millionen Todesfälle an 384 Orten in 13 Ländern. Sie rechnete 7,29 Prozent der untersuchten Todesfälle niedrigen Temperaturen zu. Bei hohen Temperaturen waren es lediglich 0,42 Prozent.
Die Wissenschaftler betonten auch damals: Der größte Teil der Belastung entstand nicht durch extreme Kälte oder Hitze, sondern durch häufigeres, mäßig vom örtlichen Optimum abweichendes Wetter.
Eine weitere Modellstudie untersuchte die Jahre 2000 bis 2019. Weltweit standen demnach jährlich 8,52 Prozent aller Todesfälle mit niedrigen und 0,91 Prozent mit hohen Temperaturen in Zusammenhang.
Allerdings zeigte sich bereits eine Verschiebung: Die statistische Kältelast ging zurück, die Hitzelast nahm zu.
Die Junihitze bleibt real
Widerlegt die hohe Kältelast die Übersterblichkeit Ende Juni? Nein.
Die Lancet-Studien vergleichen die Folgen hoher und niedriger Temperaturen über Jahre oder Jahrzehnte. Die aktuell diskutierte Zahl beschreibt dagegen einen außergewöhnlichen Ausschlag innerhalb einer Woche.
Eine hohe jährliche Kältelast und eine akute Sterblichkeitsspitze während extremer Hitze schließen einander nicht aus. Beides kann gleichzeitig stimmen.
Die Kältebilanz ist daher ein wichtiger, oft übersehener Kontext.
Was die 10.650 wirklich bedeuten
Die Zahl stammt aus Daten des europäischen Mortalitätsnetzwerks EuroMOMO. Dieses erfasst sämtliche Todesfälle unabhängig von ihrer Ursache und vergleicht sie mit einem statistisch erwarteten Wert.
EuroMOMO stellt ausdrücklich klar, dass das System die Ursache eines Anstiegs nicht bestimmen kann. Die 10.650 sind daher keine medizinisch bestätigten Hitzeopfer, sondern zusätzliche Todesfälle aller Ursachen in der Woche vom 22. bis 28. Juni.
Dass die extreme Hitze den größten Teil der Übersterblichkeit erklärt, ist plausibel. Die Temperaturen waren außergewöhnlich, der zeitliche Zusammenhang auffällig.
Die punktgenaue Zahl bleibt dennoch vorläufig. EuroMOMO warnt bei den jüngsten drei Wochen ausdrücklich vor möglichen Ungenauigkeiten durch verspätete Meldungen und statistische Korrekturen. Reuters weist ebenfalls darauf hin, dass der Wert später revidiert werden kann.

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