Es war der Moment, in dem Klimapolitik Popcorn bekam: Al Gore, von 1993 bis 2001 US-Vizepräsident unter Bill Clinton, stand vor riesigen Grafiken, zeigte schmelzende Gletscher, sterbende Eisbären, überflutete Städte – und erklärte der Welt die Zukunft.
Der Film hieß „Eine unbequeme Wahrheit“, im Original „An Inconvenient Truth“. Er gewann einen Oscar, machte Gore zum globalen Klima-Gewissen und wurde in Schulen, Medien und Politik fast wie eine Pflichtlektüre behandelt.
Nun zieht Bjorn Lomborg in der kanadischen Financial Post eine harte Bilanz. Der dänische Politikwissenschaftler ist international vor allem für ökonomische Kosten-Nutzen-Analysen bekannt. Den Klimawandel bestreitet er nicht. Seine Kritik ist präziser: Gore habe reale Risiken dramatisiert und politisch in Panik verwandelt.
Lomborg formuliert es scharf: Die wichtigste Lehre aus Gores Film sei, dass „Panik ein furchtbarer politischer Ratgeber“ ist. Der Film war enorm wirkungsvoll. Aber Wirkung ist noch kein Beweis.
Der Sieben-Meter-Schock
Bereits 2007 landete Gores Film vor dem britischen High Court wegen mehrere Fehler und Übertreibungen. Insgesamt wurden neun Punkte genannt, die beim Einsatz des Films in Schulen erklärt und eingeordnet werden mussten.
Eines der berühmtesten Bilder war der steigende Meeresspiegel. Gore zeigte, was passieren würde, wenn große Eisschilde schmelzen: Florida unter Wasser, Manhattan bedroht, Millionen Menschen auf der Flucht.
Das Problem: Ein Anstieg um rund sieben Meter ist kein realistisches Kurzfrist-Szenario. Solche Größenordnungen betreffen sehr lange Zeiträume – eher Jahrhunderte oder Jahrtausende. Aktuelle IPCC-Projektionen bis 2100 liegen weit darunter.
Gore präsentierte das Grundrisiko so, als stehe die Flut schon fast vor der Haustür. Hollywood konnte das. Die Wissenschaft war vorsichtiger.
Pazifikinseln: Behauptung ohne Beleg
Noch klarer war der Fall der pazifischen Inselstaaten. Gore behauptete sinngemäß, Bewohner hätten bereits nach Neuseeland evakuiert werden müssen.
Das britische Gericht stellte fest: Dafür gab es keinen Beleg.
Das ist kein Streit über komplizierte Klimamodelle. Das ist eine konkrete Tatsachenbehauptung. Und sie hielt nicht.
Eisbären als Klima-Stars
Kaum ein Bild blieb so stark hängen wie der Eisbär. Gore sprach von Tieren, die wegen fehlenden Eises lange Strecken schwimmen müssten und ertrinken würden.
Auch hier war die Darstellung stärker als die Belege. Das Gericht fand nur eine Studie über vier ertrunkene Eisbären nach einem Sturm. Daraus wurde ein weltweites Symbol.
Der Eisbär war damit weniger ein harter Beweis als das perfekte Werbegesicht der Klima-Angst: fotogen, traurig, emotional sofort verständlich.
Arktis-Eis: Der Countdown lief ab
Besonders peinlich wurden später extreme Prognosen zum arktischen Sommer-Eis. Gore verwies mehrfach auf Warnungen, wonach die Arktis im Sommer schon sehr bald eisfrei sein könne – teils war von wenigen Jahren die Rede.
Das trat nicht ein.
Ja, das arktische Eis ist langfristig zurückgegangen. Aber die apokalyptischen Kurzfrist-Prognosen waren zu forsch. Der Countdown lief. Nur die Katastrophe kam nicht pünktlich.
Kilimandscharo, Tschadsee, Katrina
Auch andere Schockbilder waren weniger eindeutig, als der Film nahelegte.
Der schwindende Schnee am Kilimandscharo wurde als sichtbarer Beweis der Erderwärmung präsentiert. Doch die klare Zuschreibung an den menschengemachten Klimawandel war wissenschaftlich nicht sauber belegt.
Der schrumpfende Tschadsee wurde ebenfalls zum Klima-Symbol. Dabei spielen dort auch Wasserverbrauch, Bevölkerungswachstum, Überweidung, regionale Dürre und Landnutzung eine große Rolle.
Hurrikan Katrina wurde stark mit globaler Erwärmung verbunden. Seriös ist: Klimawandel kann Stürme feuchter machen, Sturmfluten verschärfen und einzelne Systeme beeinflussen. Aber eine konkrete Katastrophe einfach als direkten Klimabeweis zu verkaufen, war zu schlicht.
Das Klima ist kein Täter, der seine Visitenkarte am Tatort liegen lässt.
Weniger Tote, nicht mehr
Lomborgs stärkster Punkt betrifft die große Erzählung hinter dem Film: Die Welt werde immer gefährlicher, Naturkatastrophen würden immer tödlicher, die Menschheit stehe schutzlos vor der Klimamaschine.
Die langfristigen Daten zeigen ein anderes Bild. Todesraten durch Naturkatastrophen sind über das vergangene Jahrhundert massiv gesunken – trotz stark gewachsener Weltbevölkerung.
Der Grund ist nicht, dass die Natur harmlos geworden wäre. Der Grund ist, dass Menschen gelernt haben, sich zu schützen: bessere Warnsysteme, stabilere Gebäude, bessere Infrastruktur, mehr Wohlstand, bessere medizinische Versorgung.
Lomborgs Pointe lautet: „Anpassung und Widerstandsfähigkeit“ funktionieren weit besser, als der Alarmismus nahelegt. Das ist eine unbequeme Wahrheit für die Panikindustrie.
Die Energiewende, die nicht kommt
Lomborgs eigentliche Abrechnung ist politisch. Gore habe eine Richtung vorgegeben: weniger Emissionen, koste es, was es wolle. Reiche Länder sollten vorangehen, Verbote und Subventionen sollten den Umbau erzwingen.
Doch trotz gewaltiger Ausgaben hängen Weltwirtschaft und Wohlstand weiter massiv an fossiler Energie. Kohle, Öl und Gas sind nicht verschwunden. Sie bleiben Grundlage von Industrie, Verkehr, Heizung, Landwirtschaft und Versorgungssicherheit.
Lomborg verweist auf Zahlen der Internationalen Energieagentur: 2006 stammten 82,6 Prozent der weltweiten Energie aus fossilen Quellen. 2023 waren es noch immer 81,1 Prozent.
Sein Befund: In diesem Tempo würde es „mehr als sechs Jahrhunderte“ dauern, bis die Welt bei null fossiler Energie angelangt wäre. Der Westen feiert seine Klimaziele. Die Welt verbraucht weiter fossile Energie.
Moral ersetzt kein Kraftwerk
Der blinde Fleck liegt vor allem außerhalb Europas. Schwellenländer brauchen billige und verlässliche Energie. Sie wollen wachsen, heizen, bauen, kühlen, produzieren und transportieren.
Wer diesen Ländern erklärt, sie sollten ausgerechnet jetzt auf jene Energie verzichten, mit der der Westen reich wurde, hat ein Problem. Moral ersetzt kein Kraftwerk.
Darum fordert Lomborg nicht weniger Klimaschutz, sondern klügeren Klimaschutz: mehr Forschung, bessere Speicher, moderne Kernkraft, neue Technologien, Anpassung, Hochwasserschutz, dürreresistente Landwirtschaft. Seine Formel lautet: „Innovation, Anpassung und Entwicklung“ statt Panik. Nicht Alarm zuerst. Sondern Wirkung zuerst.

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