Kaum ein Gebiet der Welt sorgt für so viel Streit wie das Westjordanland. Und kaum eines wird so schlecht verstanden. Tuvia Tenenbom, israelisch-amerikanischer Autor und Journalist, wollte es genau wissen – und zog für acht Monate zu den Siedlern.

Sein Befund im Gespräch mit dem exxpress: Die meisten Journalisten blieben nur wenige Stunden, begleitet von Aktivisten und NGOs, und lieferten danach ihre fertige Geschichte ab. „Das ist etwas völlig anderes”, sagt Tenenbom über seinen eigenen Ansatz. Er und seine Frau Isi hätten geschlafen, gegessen und geredet – acht Monate lang.

Schon der erste Eindruck ist bezeichnend: Als er in der Siedlung Elon Moreh ein Zimmer mieten will, zieren sich die Verantwortlichen. Bei einer eigens einberufenen Sitzung nehmen ihn die Siedler ins Kreuzverhör: Über sie werde fast nur negativ berichtet, als „gnadenlose Kolonialisten”, klagen sie – von Journalisten, die ohnehin nur ein paar Stunden blieben. Tenenbom überzeugt sie. Schon am nächsten Tag darf er einziehen, zuvor bewirtet ihn der Leiter der Regionalverwaltung mit einer warmen Mahlzeit. Insgesamt stößt Tenenbom bei den Siedlern auf sehr viel Gastfreundschaft.

„Die Siedler" gibt es nicht

Im Westen gilt „der Siedler” oft als Karikatur – militant, fanatisch, gefährlich. Tenenbom widerspricht: „‚Die Siedler’ gibt es nicht.” Von insgesamt rund 500.000 Siedlern seien nur etwa ein Fünftel ideologisch motiviert. Rund 37 Prozent seien Haredim, ultraorthodoxe Juden, für die es schlicht eine Immobilienfrage sei: „Sie bekommen dort eine Wohnung oder ein Haus zu einem Bruchteil dessen, was sie innerhalb Israels zahlen müssten.” Andere leben in Städten wie Ariel, weil es „bequem, günstiger” ist. „Der Westen weiß im Grunde nicht, was Siedler sind”, sagt Tenenbom.

Es gibt aber auch den ideologischen Kern. Die stärkste Figur dazu liefert das Buch selbst: Daniella Weiss, frühere Generalsekretärin der Siedlerbewegung Gusch Emunim und Gründerin der Organisation Nachala. „Ich liebe das Wort ‚Siedler’. Ich liebe es so sehr!”, sagt sie Tenenbom. Gespräch ordnet Tenenbom sie präzise ein: Sie sei zwar „eindeutig” eine ideologische Siedlerin – aber eben eine von hunderttausend, nicht von einer halben Million.

Radikale gibt es ebenfalls, das verschweigt Tenenbom nicht. Die sogenannte „Hilltop Youth” ist dabei keine Organisation, sondern eine lose Subkultur junger Aussteiger, die sich auf abgelegenen Hügeln niederlassen. Ariel Danino, selbst aus diesem Umfeld, beziffert die Extremisten auf 200 bis 300 Personen, davon rund 150 gewaltbereit. Eine kleine, laute Randgruppe also. Im Gespräch zieht Tenenbom die Trennlinie: „Auf israelischer Seite sind die Radikalen eine sehr kleine Minderheit. In der palästinensischen Welt ist das Radikale dagegen normal.”

Enthüllungen über einen Oscar-Film

Scharf geht Tenenbom mit dem Oscar-prämierten Film „No Other Land” ins Gericht. Selbst die linksliberale Haaretz habe dem Film nur drei von fünf Sternen gegeben und geschrieben, ein Oscar-Gewinn wäre „aus politischen, nicht aus filmischen Gründen” zu erklären. Tenenbom sah sich den Film viermal an und reiste anschließend an die Drehorte. Sein Befund: „Die Höhlen, die im Film dunkel und arm erscheinen sollten, waren hell und schön.” Zudem fehle die Vorgeschichte: „Palästinenser dort hatten zuvor Siedler erschossen – ihre Nachbarn. Das erzählt der Film nicht.” Sein bitteres Fazit: „Schreib ein langweiliges Drehbuch, stütze dich auf fragwürdige Tatsachen, und der Oscar ist dir sicher.”

Die EU zahlt – und keiner sieht hin

Im Gespräch wird Tenenbom auch bei der Rolle Europas deutlich: „Die NGOs B’Tselem und „Breaking the Silence“ werden stark unterstützt, auch von Deutschland. Die EU ist in dieser Gegend finanziell sehr involviert.” Besonders brisant sind leerstehende palästinensische Neubauten, die überall in Zone C – dem Bereich unter israelischer Verwaltung – stehen, ohne Fenster, ohne Bewohner. Tenenbom fand heraus: Sie werden von der EU finanziert. „Der Zweck ist, Platz zu besetzen – und die EU zahlt dafür.”

Große Worte, keine Annexion

Der politisch brisanteste Teil betrifft ausgerechnet die israelische Rechte. Finanzminister Bezalel Smotrich weicht der Annexionsfrage aus: „Der Ausdruck ‚Annexion’ ist nicht der richtige Ausdruck. Denn wenn man etwas annektiert, dann annektiert man etwas, das einem nicht gehört. Judäa und Samaria gehören uns. Wir müssen es nicht annektieren.” Auf die Nachfrage, was bei einem Nein aus Washington geschehe, sagt er nur: „Ich möchte diese Frage nicht beantworten.” Auch Minister Ben-Gvir verschiebt das Thema: „Kommen Sie wieder, wenn ich die 20 Mandate habe.”

Im Gespräch liefert Tenenbom die Erklärung dazu: „Ich habe mit vielen führenden Leuten gesprochen – und sie wollen das Land nicht annektieren.” Israel habe derzeit die rechteste Regierung seiner Geschichte, und trotzdem rühre sich nichts: „Sie sind bürgerlich geworden. Die Siedlerbewegung hat ihren inneren Boden verloren.”

Die Annexion, die es nie gab

Das Buch endet aktuell wie kaum ein anderes: US-Präsident Donald Trump erklärt laut Nachrichtenagentur AP, er werde Israel nicht erlauben, das Westjordanland zu annektieren – „das wird nicht passieren”. Die Knesset stimmt trotzdem symbolisch mit knapper Mehrheit dafür. Einen Tag später droht Trump im Time-Magazin, Israel würde „die gesamte Unterstützung der Vereinigten Staaten verlieren”. Die Regierung lässt das Gesetz fallen.

Tenenboms Fazit: „Eine Annexion – wie bequem für die Führungsebene der Siedler – wird es so bald nicht geben, wenn überhaupt je. Sie haben sie nie wirklich gewollt.”

Eine Lösung liefert Tenenbom nicht. „Ich bin kein Politiker”, sagt er selbst. Aber er zeigt, was der Westen sich seit Jahren erspart: hinzuschauen, bevor man urteilt.

Buch-Cover vom Suhrkamp-Verlag
Buch-Cover vom Suhrkamp-Verlag