Mehr als zehn Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs beginnt nun die juristische Aufarbeitung zentraler Figuren des alten Regimes. In Damaskus steht mit Atef Najib erstmals ein enger Verwandter von Baschar al-Assad vor Gericht. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Sicherheitschef wiegen schwer, und dieser Prozess könnte erst der Anfang einer größeren Welle von Verfahren sein. Die Daily Mail berichtete.
Erster Prozess gegen Assad-Vertrauten
Atef Najib, Cousin des gestürzten syrischen Machthabers Baschar al-Assad, ist der erste mit dem Regime verbundene Amtsträger, der sich vor Gericht verantworten muss. Der 65-Jährige zeigte keine Regung, als er in gestreifter Gefängnisuniform in einem Käfig im Zentralen Justizpalast in Damaskus vorgeführt wurde.
Ihm werden unter anderem Massenerschießungen und die Folterung von Kindern vorgeworfen. Najib war früher Brigadegeneral und leitete die politische Sicherheit in der südlichen Provinz Daraa, die 2011 zum Ausgangspunkt der Aufstände gegen das Regime wurde.
Brutale Ereignisse lösten Proteste aus
Im Februar 2011 ordnete Najib die Festnahme von Personen an, die regimekritische Graffiti gesprüht hatten. Zwei Teenager wurden festgenommen, nachdem ihre Namen neben den Parolen gefunden worden waren. Während der Haft wurden die Jugendlichen geschlagen und gefoltert, bis die tatsächlichen Täter im Alter zwischen 18 und 30 Jahren ein Geständnis ablegten. Die Behandlung der Schüler löste weitere Proteste aus.
Am 18. März eröffnete die Polizei das Feuer auf Demonstranten und tötete mehrere Menschen. Wenig später verschwand der 13-jährige Hamza al-Khateeb nach einer Demonstration. Seine stark verstümmelte Leiche wurde seinen Eltern zurückgegeben.
Nach diesen Ereignissen wurde Najib zunächst aus seinem Amt entlassen, später jedoch in derselben Funktion in der Provinz Idlib wieder eingesetzt.
Bürgerkrieg mit verheerenden Folgen
Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die friedlichen Pro-Demokratie-Proteste führte schließlich zum Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs. Dieser forderte mehr als eine halbe Million Menschenleben und zwang Millionen zur Flucht.
Im Verlauf der 13 Jahre wurde Najib innerhalb des Regimes zunehmend an den Rand gedrängt. Nach dem Sturz der Regierung im Dezember 2024 blieb er in Damaskus, wo er im Januar 2025 festgenommen wurde.
Parallel dazu floh Baschar al-Assad nach Moskau, wo ihm Asyl gewährt wurde. Er und sein Bruder Maher werden in Abwesenheit vor Gericht gestellt. Assad wird unter anderem wegen vorsätzlichen Mordes, Folter und Anstiftung zum Bürgerkrieg gesucht.
Start der Übergangsjustiz in Syrien
Der Prozess gegen Najib ist Teil einer Initiative der neuen syrischen Regierung unter Präsident al-Scharif, zentrale Verbrechen der Assad-Ära juristisch aufzuarbeiten.
Zum Prozessauftakt erklärte Richter Fakhr al-Din al-Aryan: „Heute beginnen wir mit den ersten Verfahren der Übergangsjustiz in Syrien. Dazu gehören sowohl ein inhaftierter Angeklagter, der auf der Anklagebank sitzt, als auch Angeklagte, die sich der Justiz entzogen haben.” Eine Quelle aus dem Justizapparat erklärte, das Verfahren sei auch ein Schritt in Richtung weiterer Prozesse gegen führende Mitglieder des früheren Regimes.
Erst kürzlich wurde mit Amjed Youssef ein weiterer Verdächtiger festgenommen, der mit dem sogenannten „Massaker von Tadamon” in Verbindung gebracht wird.
Der Prozess gegen Najib soll am 10. Mai fortgesetzt werden. Auch weitere ehemalige Funktionäre, darunter Verwandte Assads sowie Militär- und Sicherheitsbeamte, sollen an den Verfahren teilnehmen.

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