Es ist eine steile These: „Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert.” Mario Derntl, Geschäftsführer der Personalberatung Talents&Company, war zuletzt mit einer Delegation heimischer Vorzeigebetriebe in den USA unterwegs. Sein Befund: Ausgerechnet die größte Wirtschaftsmacht der Welt entdeckt gerade jenes Ausbildungsmodell, das Österreich und Deutschland seit Jahrzehnten pflegen – und das man hierzulande zunehmend als Notlösung abtue.
Auslöser der Debatte ist eine Entscheidung aus Washington. US-Präsident Donald Trump unterzeichnete am 23. April 2025 die Executive Order 14278 mit dem Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future”. Laut dem im Weißen Haus veröffentlichten Text sollen die Ministerien für Arbeit, Handel und Bildung einen Plan vorlegen, um die Zahl der aktiven Lehrlinge (Apprentices) um mehr als eine Million zu steigern. Ein begleitendes Fact-Sheet framt die Order als Abkehr vom Leitbild „College for All”.
Die Order ist Teil einer breiteren Reindustrialisierungsstrategie und wird flankiert von handfesten Fördermitteln: Erst am Montag vergab das US-Arbeitsministerium nach eigenen Angaben 162 Millionen Dollar an Zuschüssen, um „Registered Apprenticeships” in Schlüsselbranchen wie Halbleiter, KI-Infrastruktur und Schiffbau auszubauen.

„Köpfe, die mit den Händen denken"
Derntl, der bei seiner USA-Reise mit österreichischen Betrieben wie Palfinger, KNAPP oder STIWA sprach, sieht darin einen Weckruf. Der aktuelle KI- und Rechenzentren-Boom brauche eine ganz bestimmte Sorte Arbeitskraft: „Für moderne Wartung, Automation und Mechatronik braucht es High-Tech-Servicekräfte, die komplexe Probleme direkt an der Maschine lösen können. Kurzum: Wir brauchen Köpfe, die mit den Händen denken. Genau dieses System kopieren die Amerikaner gerade in einem atemberaubenden Tempo bei uns.”
Tatsächlich holen die USA auf. Nach Angaben Derntls wurden seit Amtsantritt der aktuellen US-Regierung bereits über 134.000 neue Apprentices registriert – von einem allerdings niedrigen Ausgangsniveau. Das Analysezentrum CSET der Georgetown University hält indes fest, dass es bislang keinen öffentlichen Plan gibt, wie das ambitionierte Millionen-Ziel konkret erreicht werden soll. Auch die National Skills Coalition, ein US-Bildungsnetzwerk, mahnte nach Unterzeichnung der Order, dass Ankündigungen allein keine Jobs schaffen – die USA investierten bislang weniger in Arbeitsmarktpolitik als fast jedes andere Industrieland.
Die paradoxe Lage am heimischen Arbeitsmarkt
Der zweite Teil von Derntls Argument betrifft Österreich – und hier lohnt der genaue Blick auf die Zahlen. Fest steht: Die Arbeitslosigkeit steigt seit April 2023 nahezu durchgehend. Im Juni 2026 waren laut AMS rund 369.000 Menschen arbeitslos oder in Schulung, um 1,2 Prozent mehr als im Jahr davor. Auffällig ist dabei, dass der Anstieg mit steigendem Bildungsniveau höher ausfällt – wenn auch, wie das AMS betont, von einem deutlich niedrigeren Ausgangsniveau. Personen mit maximal Pflichtschulabschluss bleiben die am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffene Gruppe.
Dass Akademiker ihre Jobsicherheit einbüßen, bestätigt auch das Magazin „profil”: Selbst Absolventen technischer Studiengänge, lange als krisensicher gehandelt, spürten die schwächelnde Industrie und Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst. Ein wesentlicher Treiber sei die Künstliche Intelligenz – sie trifft laut mehreren Analysen vor allem textlastige Bürojobs, weniger das Handwerk.
Gleichzeitig suchen Betriebe händeringend nach Fachkräften mit Lehrabschluss. Der „Arbeitskräfteradar” von WKO und dem Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) beziffert den ungedeckten Fachkräftebedarf für Frühjahr 2025 auf rund 176.000 offene Stellen. Derntl verweist auf noch deutlichere Zahlen: Nach der von ihm zitierten Unternehmensbefragung klagen 60,9 Prozent der Betriebe über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen – Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht.
Auch die Jugend denkt um
Bemerkenswert ist, dass die junge Generation den Trend längst mitträgt. Die Ö3-Jugendstudie 2026, für die im März 13.457 junge Menschen zwischen 16 und 25 befragt wurden, zeigt: 38 Prozent sehen in einer handwerklichen Lehre die besten Zukunftschancen nach der Schule. Und was ist der GenZ im Job am wichtigsten? 78 Prozent nennen, „ernst genommen zu werden” – noch vor einem sicheren Arbeitsplatz (74 Prozent).
Für Derntl ist die Botschaft klar. Europa müsse aufhören, die Lehre kleinzureden: „Wir haben einen massiven Überschuss an Akademikern, während viele Betriebe händeringend nach Lehrabgängern suchen. Es ist für den Wirtschaftsstandort Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf.” Wenn man jetzt keinen „echten, stolzen Aufbruch für das Handwerk” inszeniere, ziehe die größte Wirtschaftsmacht der Welt „mit unserem eigenen Erfolgsmodell im Sprint an uns vorbei.”
Ob der amerikanische Kraftakt gelingt, ist offen – der große Plan aus Washington lässt bislang auf sich warten. Die Frage, die Derntl aufwirft, bleibt für Österreich aber bestehen: Bilden wir noch am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei?

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