London. Bei der Alliance for Responsible Citizenship – einer riesigen konservativ-liberalen Konferenz – warnte die gebürtigen Somalierin Ayaan Hirsi Ali den Westen. „Ich kam Anfang der 1990er Jahre in diese Gesellschaft und konnte Tag und Nacht frei gehen, theoretisch 24 Stunden am Tag, wenn ich wollte, und tragen, was ich wollte“, sagte sie. „Und jetzt, wenige Jahrzehnte später, sind wir an einem Punkt, an dem Frauen Angst haben hinauszugehen.”

Ihre Worte – der exxpress ist auch vor Ort – werden mehrmals von Applaus unterbrochen. Hunderte Konservative aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Österreich hören ihr zu.

Hirsi Alis Urteil fällt hart aus: Kein westeuropäischer Regierungschef könne heute noch in die Dritte Welt reisen und dort Vorträge über Menschenrechte halten. Nicht bei solchen Gräueltaten im eigenen Land. Sie erwähnte die Grooming-Gangs: Ungefähr 250.000 junge Frauen in Großbritannien wurden von Banden missbraucht. „Und irgendwie haben wir es zugelassen.“

Konservative aus den USA, aus Großbritannien, aus Deutschland, Österreich und dem Rest der Welt sind angereist zur ARC-Konferenz in London.
Konservative aus den USA, aus Großbritannien, aus Deutschland, Österreich und dem Rest der Welt sind angereist zur ARC-Konferenz in London.

Wer diese Frau ist – und warum man zuhört

Hirsi Ali wurde in Somalia als Muslimin geboren. Sie floh 1992 vor einer erzwungenen Ehe. In den Niederlanden wandte sie sich vom Islam ab und wurde zur bekanntesten atheistischen Islamkritikerin der Welt. 2023 konvertierte sie zum Christentum.

Seit 2004 lebt sie unter Polizeischutz. Damals wurde ihr Freund und Filmpartner Theo van Gogh auf offener Amsterdamer Straße erschossen und erstochen. Ein islamistischer Attentäter heftete mit einem Messer einen Brief an den sterbenden Körper – adressiert an Hirsi Ali. Eine Todesdrohung. Gemeinsam hatten sie den Film „Submission“ gedreht: über die Unterdrückung von Frauen im Islam.

1992: Schock der Freiheit

Interviewt wurde sie von dem russisch-britischen Satiriker und Podcaster Konstantin Kisin – selbst Einwanderer, als Kind aus der Sowjetunion nach England gekommen. Bei der Konferenz sprach Hirsi Ali über den Kulturschock, den sie damals im Westen erlebte.

„Das Erste, was mir auffiel, waren Mädchen und Frauen auf den Straßen“, sagte sie. Im Juli 1992 sei sie geflohen – vor einer Ehe, die ihr Vater für sie vorgesehen hatte. Was sie beeindruckte: Junge Frauen konnten selbst den Menschen wählen, den sie liebten, und frei ihre eigenen Familien gründen.

Für Europäer selbstverständlich. Für Hirsi Ali ein Schock.

„Meine Beziehung zu Gott war von Angst geprägt“

Auch Religion erlebte sie im Westen anders. Menschen konnten glauben – oder nicht. Diese Wahl habe sie nie gehabt. „Meine Beziehung zu Gott war von Angst geprägt“, sagte Hirsi Ali.

Zwanzig Jahre lang war sie überzeugte Atheistin. 2023 konvertierte sie. In einem Essay auf der britischen Plattform UnHerd erklärte sie, warum. Ihr Argument: Atheismus allein könne für den Zivilisationskampf nicht rüsten. In ihrem Essay schrieb sie, sie entdecke bei jedem Sonntagsgottesdienst etwas Neues.

Ihr Weg führte von erzwungener Frömmigkeit über radikale Gottlosigkeit zu einem nüchternen, spirituellen Glauben. In London sagte sie frei heraus: „Es gibt keine Alternative zu dem, was die christliche westliche Zivilisation aufgebaut hat.“ Tosender Applaus. Sogar einzelne Muslime unter den Anwesenden klatschten.

Die Schulstunde

Bildung sei im Westen ein Ort des Wissens und der Charakterbildung. Im Kommunismus und Islamismus diene Schule der Indoktrination.

Hirsi Ali erzählte eine Geschichte. Als Dolmetscherin in einer niederländischen Schule erlebte sie: Ein somalisches Kind hatte ein niederländisches Kind geschlagen. Die Lehrerin erklärte der Mutter, das sei nicht erlaubt. Die Mutter antwortete: Sie habe dem Kind gesagt, es solle zurückschlagen, wenn jemand es belästige.

„Für mich brachte das kristallklar auf den Punkt, aus welchen Gesellschaften ich kam“, sagte Hirsi Ali. Dort benutze man rohe Gewalt, um Gewalt zu stoppen. Die Lehrerin erklärte: Es gibt andere Wege.

Polizisten, die wirklich helfen

Den Rechtsstaat habe sie neu entdeckt. In Mogadischu, Äthiopien, überall wo sie gelebt hatte: Kleine Händler lebten in Angst vor dem Staat. Waren wurden gestohlen, aber niemand rief die Polizei. „Ein Polizist war niemand, dem man vertraute.“

Kisin ergänzte aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher in Osteuropa mit russischen Freunden unterwegs, wollte er einen Polizisten nach dem Weg fragen. Die Freunde packten ihn am Arm: „Sprich nicht mit dem Polizisten, das ist gefährlich.“

In den Niederlanden erlebte Hirsi Ali das Gegenteil. Man kann Polizisten rufen. Und sie helfen wirklich.

„Warum seid ihr überhaupt hier?"

Dann wurde Hirsi Ali direkt.

Im Westen wüchsen Kräfte, die genau diese Ordnung abbauten. Islamisten und Kommunisten arbeiteten daran, westliche Institutionen vom Individuum weg zum Kollektiv zu verschieben. Weg von persönlicher Verantwortung und Freiheit – hin zu Gruppe und Ideologie.

Das Ergebnis kenne sie. Es sei die Welt, aus der sie geflohen sei.

„Geben Sie den Forderungen der Islamisten nicht nach“, sagte sie. „Konfrontieren Sie sie mit der Frage: Warum seid ihr hier, wenn das Scharia-Recht so fantastisch ist? Warum ziehen so viele Menschen aus muslimischen Ländern in den ungläubigen Westen?“

Links, kommunistisch, gescheitert – immer wieder

Dasselbe gelte für den Sozialismus. Die romantische Erzählung, beim nächsten Versuch werde es anders, sei falsch. „Wenn man Freiheit atmet, ist es sehr leicht, in einen wahnhaften Zustand zu geraten und zu glauben, dass es irgendwo eine Utopie gibt“, sagte Hirsi Ali.

Es werde genau dasselbe hervorbringen wie immer: „Von Mogadischu über Caracas bis zur Sowjetunion – Tod, zerstörte Hoffnungen, Hunger, Elend.“

„Dann will ich eine weiße Suprematistin sein“

Kisin fragte: Was sagt man Menschen, die behaupten, gerade der Individualismus habe die Probleme gebracht? Hirsi Ali: Ja, Individualismus könne in Narzissmus enden. Aber die christlich-westliche Zivilisation habe das Gegenmittel eingebaut: Rechenschaft, Verantwortung, Selbstkritik. Diese Schichten seien systematisch abgetragen worden – unter dem Vorwurf der weißen Vorherrschaft.

„Ich werde seit langer Zeit als weiße Suprematistin bezeichnet“, sagte Hirsi Ali. „Wenn Rechenschaft weiße Vorherrschaft ist, und wenn individuelle Verantwortung weiße Vorherrschaft ist, dann will ich eine weiße Suprematistin sein.“

Der Westen schreibt Autopsien – und das ist seine Stärke

Was sie am Westen liebe, sei nicht seine Fehlerlosigkeit. Sondern seine Fähigkeit zur Selbstkorrektur. „Selbstkritik, kritisches Denken, Selbstreflexion, Rechenschaft, Verantwortung – das sind die Säulen, die den Westen anders gemacht haben.“

In Somalia und Saudi-Arabien sei das anders gewesen. Wenn gefragt wurde, warum das Leben so schlecht sei, standen die Schuldigen schnell fest. Die Juden. Der Westen. Andere. „Wir übernahmen nie individuelle Verantwortung, weil wir gar nicht erlaubt waren, Individuen zu sein.“

Zwei Einwanderer, eine Bühne

Kisins Buch „An Immigrant’s Love Letter to the West“ („Der Liebesbrief eines Einwanderers an den Westen“) wurde 2022 ein Sunday-Times-Bestseller. Seine These: Der Westen hat aufgehört, an sich selbst zu glauben. Das ist selbstzerstörerisch.

Das Gespräch war die Begegnung zweier Einwanderer, die den Westen verteidigen. Gegen Menschen, die in ihm aufgewachsen sind und ihn zersetzen wollen.

„Zeit, unsere Institutionen zu retten"

Für Hirsi Ali steht fest: „Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, unsere Institutionen vor diesen schlechten Ideen zu retten.“

Der Westen ist nicht perfekt. Aber er ist der Ort, in den Menschen fliehen. Wer ihn von innen zerstören will, sollte erklären müssen, warum er nicht dorthin geht, wo seine Ideale längst gelten.

Ayaan Hirsi Ali weiß, wie die Antwort lautet. Sie lebt seit mehr als zwanzig Jahren unter Polizeischutz damit.