Großbritannien erlebt einen stillen Umbruch. Nicht durch einen einzigen Beschluss. Nicht durch eine Wahl. Sondern durch Geburtenzahlen.
Neue Daten des britischen Office for National Statistics zeigen: In England und Wales kamen 2025 nur noch 585.396 Kinder zur Welt. Das ist ein Minus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und der niedrigste Stand seit Jahrzehnten.
Noch brisanter ist die Fruchtbarkeitsrate. Sie fiel auf nur noch 1,39 Kinder pro Frau. Damit liegt Großbritannien weit unter dem Wert von rund 2,1, der nötig wäre, damit eine Bevölkerung sich ohne Zuwanderung langfristig selbst erhält.
Nur noch 1,39 Kinder pro Frau
Die Zahlen zeigen eine Entwicklung, die viele westliche Länder trifft: Kinder werden später geboren – oder gar nicht. Das Durchschnittsalter der Mütter liegt inzwischen bei 31,1 Jahren, jenes der Väter bei 34 Jahren.
Als Gründe nennen Demografen hohe Wohnkosten, teure Kinderbetreuung, wirtschaftliche Unsicherheit und veränderte Lebensentwürfe. Doch die politische Sprengkraft liegt nicht nur im Rückgang selbst. Sondern darin, wer überhaupt noch Kinder bekommt.
Denn während die Geburtenzahlen insgesamt fallen, steigt der Anteil der Kinder mit im Ausland geborenen Eltern weiter.
Vier von zehn Babys mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil
2025 hatten 40,2 Prozent aller Neugeborenen in England und Wales mindestens einen Elternteil, der nicht im Vereinigten Königreich geboren wurde. 2024 waren es noch 39,5 Prozent. 2023 lag der Anteil bei 37,3 Prozent, 2022 bei 35,8 Prozent.
Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Eltern keine britischen Staatsbürger sind. Die Statistik erfasst den Geburtsort der Eltern, nicht zwingend die Staatsangehörigkeit.
Dennoch zeigt sie eine klare Verschiebung: Die Zukunft Großbritanniens wird immer stärker von Migration geprägt. Bei nicht in Großbritannien geborenen Müttern stehen Indien, Pakistan, Nigeria, Rumänien und Bangladesch besonders weit oben.
Nur noch 56 Prozent mit zwei in Großbritannien geborenen Eltern
Besonders deutlich wird der Wandel bei einer anderen Zahl: Nur noch 330.040 der 2025 geborenen Kinder hatten sowohl eine Mutter als auch einen Vater, die im Vereinigten Königreich geboren wurden. Das entspricht 56,4 Prozent.
Zum Vergleich: 2008 waren es noch 458.381 Kinder mit zwei in Großbritannien geborenen Eltern. Das ist also ein langfristiger demografischer Trend.
Migration fällt – aber die Abhängigkeit bleibt
Interessant ist: Die britische Nettomigration ist zuletzt deutlich gesunken. 2025 lag sie laut dem nationalen Statistikamt des Vereinigten Königreichs bei 171.000 – nach 331.000 im Jahr davor und einem Höchststand von 944.000 im Jahr 2023.
Doch auch diese gesunkene Zahl verdeckt eine tiefer liegende Entwicklung. Insgesamt wanderten 2025 noch immer 813.000 Menschen langfristig nach Großbritannien ein, während 642.000 das Land verließen. Bei britischen Staatsbürgern war der Saldo sogar negativ: Mehr Briten gingen, als zurückkamen.
Das Land wächst also immer weniger durch eigene Geburten – und bleibt dennoch auf Zuwanderung angewiesen, um Arbeitsmarkt, Sozialsystem und Bevölkerungszahl zu stabilisieren.
Der große Umbau einer Gesellschaft
Der Zensus von 2021 zeigte bereits, wie stark sich England und Wales verändert haben. Damals identifizierten sich 74,4 Prozent der Bevölkerung als „White: English, Welsh, Scottish, Northern Irish or British“. 2011 waren es noch 80,5 Prozent, 2001 sogar 87,5 Prozent.
Der Oxford-Demograf David Coleman warnte schon vor Jahren, dass die Gruppe „White British“ bei fortgesetzten Trends im Laufe der zweiten Hälfte des Jahrhunderts unter die 50-Prozent-Marke fallen könnte. Solche Prognosen hängen von vielen Annahmen ab: Migration, Geburtenraten, Selbstidentifikation, Politik.
Doch die neue Geburtenstatistik zeigt: Die Richtung ist real.
Die eigentliche Frage: Wer trägt den Staat von morgen?
Für Großbritannien geht es längst nicht mehr nur um Kulturdebatten. Es geht um Schulen, Wohnraum, Gesundheitssystem, Pensionen, Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Eine alternde Bevölkerung braucht junge Beitragszahler. Aber wenn die einheimische Geburtenrate dauerhaft einbricht und der Staat gleichzeitig auf Migration angewiesen bleibt, verändert sich das Land tiefgreifend – demografisch, kulturell und politisch.
Die Zahlen aus London sind daher eine Warnung an ganz Europa: Wer Familie unbezahlbar macht, bekommt am Ende eine Bevölkerung, die sich nicht mehr selbst erneuert. Und wer diese Lücke fast nur durch Migration schließt, verändert sein Land – ob er es ausspricht oder nicht.

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