Ein Bericht der BBC sorgt international für Entsetzen – und für einen wütenden Shitstorm im Netz. BBC zeigt weinende Väter – doch verkauft werden kleine Mädchen.

Unter dem Titel „Kinder verkaufen, um zu überleben“ berichtet die britische Rundfunkanstalt aus der afghanischen Provinz Ghor. Der Bericht kreist um Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit – und um Väter, die ihre Kinder verkaufen wollen, um den Rest der Familie zu ernähren. Was BBC dabei nicht thematisiert: Es sind nicht einfach „Kinder“, die verkauft werden. Es sind vor allem Mädchen. Kleine Mädchen. Töchter, teils erst fünf oder sieben Jahre alt.

Lädt...

Im BBC-Bericht sagt ein Vater, Abdul Rashid Azimi, er sei bereit, eine seiner siebenjährigen Zwillingstöchter zu verkaufen. Für Ehe oder Hausarbeit. Denn: Wenn er eine Tochter verkaufe, könne er die übrigen Kinder mindestens vier Jahre lang ernähren. Ein anderer Vater, Saeed Ahmad, berichtet, er habe seine fünfjährige Tochter bereits an einen Verwandten verkauft – damit sie später dessen Sohn heiratet.

Lädt...

„Warum sind die Väter die Opfer – und nicht die Mädchen?“

Auf X explodierte daraufhin die Kritik. Viele Nutzer werfen der BBC vor, die Geschichte moralisch falsch zu erzählen. Nicht die Männer, die ihre Töchter verkaufen, müssten im Zentrum stehen – sondern die Mädchen, die mit den Folgen leben müssen.

Der afghanische Menschenrechtsaktivist Jahanzib Wesa bemerkte: Man müsse im langen BBC-Artikel erst weit hineinlesen, bis klar werde, dass es konkret um Töchter gehe – verkauft in Kinderehe oder häusliche Sklaverei. Die Verzweiflung der Väter sei real und tragisch, schrieb er sinngemäß. Aber ebenso real sei, dass diese Mädchen wie Ware behandelt würden.

Lädt...

Auch andere Stimmen reagierten empört. Ein viel geteilter Vorwurf: Die BBC spreche von „unmöglichen Entscheidungen“ – und klinge damit, als handle es sich um ein tragisches Dilemma. Kritiker sehen darin eine Verharmlosung von Kindeshandel und sexuellem Missbrauch.

Lädt...

Spiked: Die BBC erzählt die falsche Geschichte

Besonders scharf kritisierte die Journalistin Janet Murray im Online-Magazin Spiked den Aufbau des BBC-Berichts. Ihr Vorwurf: Die BBC erzähle die Geschichte zunächst als humanitäres Drama armer Väter – obwohl die eigentliche Geschichte eine andere sei: kleine Mädchen, die in Kinderehe und häusliche Ausbeutung verkauft werden.

Murray betont: Das Problem sei nicht unbedingt eine falsche Tatsache, sondern die Gewichtung. Die BBC schildere ausführlich die Tränen, die Verzweiflung und sogar Selbstmordgedanken der Väter. Die Mädchen selbst blieben dagegen beinahe stumm. Auch ihre Mütter kämen kaum vor. Die Väter sprächen für alle.

Ein weiterer Punkt: Der BBC-Bericht stelle kaum Fragen an jene Männer, die diese Mädchen kaufen oder später heiraten sollen. Wer sind diese Käufer? Wer sind die künftigen Ehemänner? Warum gibt es überhaupt einen Markt für fünf- oder siebenjährige Mädchen?

Spectator: Mit wem hat man Mitleid?

Noch härter ging der britische Spectator mit der BBC ins Gericht. Autor Brendan O’Neill stellt die zentrale Frage: Wenn ein Mann seine siebenjährige Tochter in Ehe oder Hausarbeit verkaufen will – mit wem soll man Mitleid haben? Mit dem Vater oder mit dem Mädchen?

Für O’Neill ist klar: Die BBC habe die moralische Perspektive verschoben. Die Verzweiflung der Männer werde ausführlich beschrieben – ihre müden Gesichter, ihre leeren Mägen, ihre Tränen. Das Schicksal der Mädchen, die in Hausarbeit, Kinderehe oder Missbrauch landen könnten, wirke dagegen fast wie ein Nachgedanke.

Besonders scharf kritisiert auch O’Neill die BBC-Formulierung vom „Heiratsgeschenk“. Was harmlos klingt, bedeute in Wahrheit: Geld für Mädchen. Die BBC verharmlose damit eine brutale Praxis sprachlich, statt sie klar zu benennen.

Kinderehe ist keine neue Hunger-Reaktion

Besonders heikel: Kinderehen sind in Afghanistan keine neue Erscheinung der aktuellen Hungerkrise. Die Armut verschärft das Problem. Sie hat es aber nicht erfunden.

UNICEF-Daten zeigen: In Afghanistan wurden zuletzt rund 29 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. In der besonders betroffenen Provinz Ghor, aus der die BBC berichtet, liegt der Anteil laut Child Marriage Data Portal sogar bei rund 50 Prozent.

UNICEF warnte bereits früher, dass Mädchen in Afghanistan zunehmend von Kinderehen bedroht sind. Schon vor der jüngsten Machtübernahme der Taliban registrierten Partnerorganisationen in einzelnen westafghanischen Provinzen Fälle, in denen Kinder verkauft wurden – teils im Alter zwischen sechs Monaten und 17 Jahren.

Lädt...

Kulturrelativismus oder Feigheit vor der Wahrheit?

Der Spectator sieht hinter dem BBC-Framing ein größeres Problem westlicher Medien: Aus Angst vor dem Vorwurf kultureller Herabsetzung würden brutale Praktiken in islamisch geprägten Gesellschaften oft sprachlich abgefedert – statt sie klar als Ausbeutung und Gewalt gegen Mädchen zu benennen.

Nicht die Väter sind die Hauptopfer dieser Geschichte. Sie leiden an Hunger. Aber die Mädchen verlieren ihre Kindheit und ihre Zukunft.

Taliban-Herrschaft verschärft das Elend

Dazu kommt die politische Dimension. Afghanistan wird seit 2021 wieder von den Taliban beherrscht. Mädchen und Frauen wurden systematisch aus Bildung und Arbeit gedrängt. Damit verlieren Töchter in vielen Familien noch mehr als zuvor jede Aussicht auf ein selbständiges Leben.

Das ist der bittere Kern der Geschichte: In einem Land, in dem Mädchen keine Zukunft haben dürfen, werden sie noch leichter zur Ware. Die richtige Schlagzeile wäre aus Sicht vieler Kritiker nicht: „Afghanische Väter müssen unmögliche Entscheidungen treffen.“ Sondern: „Afghanische Mädchen werden in Kinderehe und Sklaverei verkauft.“