Es ist ein Befund, der eine ganze Bildungspolitik infrage stellt: Weiße Kinder aus der Arbeiterschicht sind in Englands Schulsystem die am schlechtesten abschneidende große Bevölkerungsgruppe – und werden von einem System im Stich gelassen, das „nicht ihren Interessen dient”. Das ist das Ergebnis einer großangelegten unabhängigen Untersuchung, die sogar vom britischen Bildungsministerium unterstützt wurde. Der Nachrichtendienst Brussels Signal berichtet über die Ergebnisse.

Die „Independent Inquiry into White Working Class Educational Outcomes” wertete Daten von mehr als 1,25 Millionen weißen britischen Schülern aus, die Anspruch auf kostenlose Schulmahlzeiten haben – dem üblichen Maßstab für soziale Benachteiligung. Beauftragt wurde sie vom Schulträger Star Academies, den Vorsitz führten dessen Chef Sir Hamid Patel und die frühere Bildungsministerin Baroness Estelle Morris. Der am 30. Juni veröffentlichte Bericht fordert Reformen, „wie es sie nur einmal pro Generation gibt”, und legt 24 Empfehlungen vor.

Die Zahlen sind ernüchternd: Nur 48 Prozent dieser Kinder erreichen mit fünf Jahren ein altersgemäßes Entwicklungsniveau – gegenüber 75 Prozent der weißen britischen Kinder ohne Anspruch auf Gratis-Mahlzeiten. Nur 36 Prozent schaffen im Abschlussexamen einen Standard-Pass in Englisch und Mathematik, während es bei den übrigen Schülern 72 Prozent sind.

Doppelt so viele Fehlstunden

Auch beim Schulbesuch klafft die Lücke: Weiße Kinder aus der Arbeiterschicht versäumen mit 13 Prozent der Unterrichtseinheiten fast doppelt so viel Schule wie der Durchschnitt von 7 Prozent. Und nur 52 Prozent erwarten überhaupt, einmal zu studieren – gegenüber 82 Prozent ihrer Altersgenossen.

Interessant ist, worauf die Untersuchung die Kluft ausdrücklich nicht zurückführt: nicht auf mangelnden Ehrgeiz oder fehlende Anstrengung. Verantwortlich seien vielmehr systemische Probleme – schlechtere Startbedingungen, eine schwächere Bindung zwischen Familie und Schule sowie ein Lehrplan, der die konkreten Herausforderungen dieser Gruppe ausblendet. Viele betroffene Familien, so der Bericht, glaubten inzwischen schlicht nicht mehr daran, dass Bildung noch ein Aufstiegsversprechen einlöst.

Besonders brisant ist ein Punkt, den der auf das Thema aufmerksam machende Nachrichtendienst Brussels Signal hervorhebt: Bereits ein Bericht des britischen Unterhaus-Bildungsausschusses aus dem Jahr 2021 mit dem Titel „The forgotten” hatte argumentiert, dass spaltende Begriffe wie „white privilege” zur Vernachlässigung benachteiligter weißer Gemeinschaften beigetragen hätten. Der Verdacht: Eine bestimmte Identitätspolitik hat reale Verlierer produziert – und lange niemanden interessiert.

„Um Chancen betrogen"

Bemerkenswert offen fällt die Reaktion aus dem Regierungslager aus. Bildungsministerin Bridget Phillipson (Labour) räumte ein, dass Generationen junger Menschen aus diesem Milieu „um ihre Chancen betrogen” worden seien. „Die Gemeinschaften in diesem Bericht sind meine Gemeinschaften”, so Phillipson. „Ich weiß, was sie diesem Land gegeben haben – und was dieses Land ihnen schuldig geblieben ist.”

Deutlicher wird die Opposition. Suella Braverman, Bildungssprecherin von Reform UK, erklärte, das System versage bei weißen Kindern aus der Arbeiterschicht, und machte den „Tod der technischen und beruflichen Bildung” dafür verantwortlich. Sie fordert eine radikale Reform.

Der Bericht empfiehlt unter anderem, leistungsstarke Schulen zur Aufnahme von mehr benachteiligten Kindern zu bewegen, die frühkindliche Förderung auszubauen und die berufliche Bildung zu stärken. Und er warnt davor, „Benachteiligung” weiter als einheitliche Kategorie zu behandeln – statt genauer hinzusehen, wen sie konkret trifft.