Es ist ein Befund, der aufrütteln soll: Gernot Blümel, von 2020 bis 2021 österreichischer Finanzminister und heute Managing Director des KI- und Medizin-Technologieparks „Mare” am Lido von Venedig, zeichnet im exxpress-Interview ein dramatisches Bild von Europas Rückstand bei künstlicher Intelligenz. „Zum ersten Mal in der Geschichte des Abendlandes hat Europa keinen Zugang zur fortgeschrittensten Technologie, die es gibt”, so Blümel.
Nach Darstellung Blümels hat die US-Regierung das fortschrittlichste KI-Modell des amerikanischen Anbieters Anthropic für alle Nicht-Amerikaner gesperrt — mit der Begründung von Sicherheitsbedenken. Für die europäische Wirtschaft sei das „ein harter Schlag”, warnt der Ex-Minister.
„Ein Zurückkatapultieren in die Steinzeit"
Blümel spart nicht mit drastischen Vergleichen. Eine existenzielle Technologie stehe der europäischen Wirtschaft plötzlich nicht mehr zur Verfügung — das sei ungefähr so, „wie wenn Sie sagen würden: Es gibt keinen Strom mehr für die europäische Wirtschaft.” Bei der Geschwindigkeit der Entwicklung sei das „keine Bremse, das ist ein Zurückkatapultieren in die Steinzeit.”
Dabei sieht der frühere ÖVP-Politiker durchaus Potenzial: Europas starker Mittelstand verfüge über hochwertige Daten, das Land habe Talente und vorzeigbare Patentanmeldungen. Doch bei den sogenannten Frontier Models, den weltweit führenden KI-Modellen, sei Europa „global einfach weg vom Fenster”. Die Hälfte komme aus den USA, ein Drittel aus China.
Vom Steuergeld zur Gewaltenfrage
Im Gespräch schlägt Blümel, der in Wien und im französischen Dijon Philosophie studiert hat, den Bogen weit über die Wirtschaft hinaus: zur Frage, was KI mit der Demokratie macht. Wenn Tech-Konzerne mächtiger würden als Staaten, gerate der Gesellschaftsvertrag des Philosophen Thomas Hobbes ins Wanken — jenes Konstrukt, in dem Bürger dem Staat das Gewaltmonopol überlassen. Seine Forderung: Europa müsse selbst leistungsstarke KI-Modelle entwickeln, sonst höre „das Souverän auf, das Souverän zu sein.”
Wie Europa beim Energiebedarf der KI auf Atomkraft setzen soll, warum Blümel die heimische Überwachungsdebatte für „schizophren” hält und was der Fall des österreichischen KI-Pioniers Peter Steinberger über die europäische Innovationskultur verrät.

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