Die Bilder erinnern an Science-Fiction: Nach dem Start einer 63 Meter hohen Rakete schwebt deren erste Stufe senkrecht über dem Südchinesischen Meer herab. Statt auf Landebeinen aufzusetzen, wird der Booster von einem gewaltigen Seilnetz auf einem Spezialschiff eingefangen.
Damit ist China ein entscheidender Durchbruch bei wiederverwendbaren Raketen gelungen. Die Volksrepublik folgt jenem Weg, mit dem Elon Musks Raumfahrtkonzern SpaceX den weltweiten Markt für Raketenstarts revolutioniert hat.

Premiere gleich beim ersten Flug
Die „Langer Marsch 10B“ hob am Freitag um 12.15 Uhr Ortszeit vom kommerziellen Weltraumbahnhof auf der südchinesischen Insel Hainan ab. Es war der erste Flug des neuen Raketentyps.
Die Oberstufe brachte einen nicht näher bezeichneten Satelliten planmäßig in die Erdumlaufbahn. Gleichzeitig drehte die erste Stufe um und raste mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit zurück Richtung Erde.
Rund acht Minuten nach dem Start erreichte sie die mehr als 300 Kilometer vom Startplatz entfernte schwimmende Plattform. Triebwerke und Steuerflossen bremsten die Stufe fast bis zum Stillstand ab. Anschließend wurde sie vom Fangsystem erfasst und gesichert.
Keine Beine – dafür vier Haken
China setzt dabei auf eine andere Technik als SpaceX. Die Falcon-9-Raketen von Elon Musk landen selbstständig auf ausklappbaren Beinen – entweder an Land oder auf einem Drohnenschiff.
Die chinesische Raketenstufe besitzt hingegen vier Fanghaken. Diese greifen beim Absinken in ein System aus gespannten Seilen. Bewegliche Vorrichtungen auf der Plattform können die Seile dabei an die tatsächliche Flugbahn anpassen.
Nach Angaben der Entwickler spart das Gewicht: Die Rakete benötigt keine schweren Landebeine und kann dadurch mehr Nutzlast transportieren. Außerdem soll das Netz kleinere Abweichungen vom geplanten Landepunkt ausgleichen können.
Die „Langer Marsch 10B“ kann in ihrer wiederverwendbaren Konfiguration bis zu 16 Tonnen in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen. Die Falcon 9 schafft maximal rund 22,8 Tonnen.

Musks Vorsprung bleibt gewaltig
Trotz der spektakulären Premiere liegt China noch weit hinter SpaceX. Elon Musks Unternehmen landete erstmals im Dezember 2015 eine Falcon-9-Stufe nach einem Orbitalflug.
Seither hat SpaceX orbital eingesetzte Raketenstufen mehr als 600 Mal erfolgreich zurückgebracht. Aus der einstigen Sensation wurde ein industrieller Routinevorgang.
Wie groß der Vorsprung ist, zeigte sich ausgerechnet einen Tag vor Chinas Premiere: Am Donnerstag startete eine Falcon-9-Stufe bereits zu ihrem 36. Einsatz. Nach dem Flug landete sie erneut auf einem Schiff im Atlantik. Es war der bisherige Wiederverwendungsrekord für eine SpaceX-Rakete.
Der entscheidende Test folgt erst
China hat seine Raketenstufe bislang nur erfolgreich zurückgebracht. Ob sie tatsächlich wiederverwendbar ist, muss sich erst noch zeigen.
Die Entwickler wollen den geborgenen Booster überprüfen, aufarbeiten und noch vor Jahresende erneut starten lassen. Erst dann wäre der vollständige Kreislauf aus Start, Landung und Wiederverwendung gelungen.
Für Peking geht es dabei um weit mehr als einen Prestigeerfolg. Wiederverwendbare Raketen könnten die Kosten für den Aufbau chinesischer Satellitennetze massiv senken. Die Technik der „Langer Marsch 10B“ soll außerdem Erkenntnisse für Chinas geplante bemannte Mondmissionen vor 2030 liefern.
China ist damit noch nicht auf Augenhöhe mit Elon Musk. Doch erstmals hat Peking bewiesen, dass es bei einer der wichtigsten Raumfahrttechnologien der Gegenwart tatsächlich aufholen kann.

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