Stammgäste haben die MQ Kantine im Wiener MuseumsQuartier schon immer geschätzt: die Linsensuppe, die frischen Salate, den speziellen Kantine-Burger, die entspannte Atmosphäre mitten im Kulturareal. Doch seit Lisa Wegenstein ihr Lokal als Israel-Fancafé beim Eurovision Song Contest geöffnet hat, ist vieles anders.

Überall hängen Israel-Fahnen. Laufend kommen Gäste: Israelis, Israel-Fans, Künstler – manchmal auch Kamerateams. Nur manchmal, etwa zu Mittag, wirkt alles fast wie früher. Dann ist die einzige Auffälligkeit ein Polizist, der an den Gästen vorbeimarschiert und freundlich „Mahlzeit“ wünscht.

Derzeit sorgen zwei Polizisten für Sicherheit. Noch ist unklar, ob die Stadt Wien die Kosten übernimmt. Klar ist aber jetzt schon: Für ihren Einsatz und ihre natürliche Menschlichkeit hat Wegenstein enormen Zuspruch erfahren – aus Wien, aus Israel und weit darüber hinaus.

MAZEL-LOV-Shirts vor der MQ Kantine: Sichtbarkeit und Solidarität als leise Antwort auf wachsenden Judenhass.
MAZEL-LOV-Shirts vor der MQ Kantine: Sichtbarkeit und Solidarität als leise Antwort auf wachsenden Judenhass.

Wie die MQ Kantine zum Israel-Fancafé wurde

Beim Song Contest in Wien wurden heimische Lokale eingeladen, als „Eurofan Cafés“ Delegationen und Fans aus den teilnehmenden Ländern aufzunehmen. Für Israel fand sich zunächst kein Gastgeber. Kein Wiener Lokal für Israel? Für Lisa Wegenstein und ihren Mann Johannes ein Unding. Sie sprangen ein.

Seit 23 Jahren führen sie die MQ Kantine. Nun ist ihr Lokal Treffpunkt für Israels ESC-Fans und Unterstützer des israelischen Sängers Noam Bettan, der mit dem Lied „Michelle“ antritt. Für Wegenstein war die Entscheidung mehr als eine organisatorische Frage. Sie wollte ein Zeichen setzen.

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„Eine Art von Fame“

„Es ist eine Art von Fame auf mich gekommen, der mir sehr absurd erscheint“, sagt sie im Gespräch mit dem exxpress. „Aber ich glaube, es ist wichtig auch für dieses Signal, das wir aussenden.“ Was hat sich konkret verändert? „Es ist viel lustiger als vorher.“

„Danke, dass du das machst“

Die Reaktionen, erzählt Wegenstein, seien überwältigend. „Es gab nur positive Reaktionen, aber wirklich ganz tolle, positive, aber auch sehr traurige Reaktionen“, erzählt sie. „Sehr berührende Reaktionen von Leuten, die herkommen und sagen: Danke, dass du das machst, weil für uns Juden wird’s ja gerade wieder so schlimm und wir sind froh, dass wir hierherkommen können.“

Besonders nahe gingen ihr ältere jüdische Frauen aus der Umgebung: „Sie sind irrsinnig rührend und sagen mir: Ich bin so froh, dass ich hierherkommen kann.“

Sichtbarer Schutz: Vor der MQ Kantine sorgen Polizisten für Sicherheit. Noch ist offen, ob die Stadt die Kosten dafür übernimmt.
Sichtbarer Schutz: Vor der MQ Kantine sorgen Polizisten für Sicherheit. Noch ist offen, ob die Stadt die Kosten dafür übernimmt.

„Verlogenes Hashtag Nie wieder“

Dieser Satz – „wieder so schlimm“ – geht Wegenstein nahe. Sie muss an politische Rituale denken, die oft folgenlos bleiben.

„Das erinnert mich immer an dieses verlogene Hashtag ‚Nie wieder‘, das jeder Politiker an gewissen Tagen im Jahr irgendwohin postet. Und dann haben sie es damit erledigt. Es ist gerade wieder schlimm, und das berührt mich sehr.“

Falafel, Hummus und viel Humor

Neben den traurigen Momenten gibt es auch viele heitere. Etwa, wenn jüdische Frauen ins Lokal kommen, sich bedanken – und gleich Tipps für Falafel und Hummus geben. Auch eine jüdische Schule aus Chicago war da. „14-jährige Jugendliche. Die haben sich bedankt und gefreut, sind Song-Contest-Fans.“

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Künstler helfen ehrenamtlich

Wegenstein berichtet: „Es unterstützen uns Künstler, Musiker, Sänger und Autoren, die hier lesen, spielen, reden und Musik machen.“

Am Wochenende gab es eine Burlesque-Show von Kitty Willenbruch und ihrer Revue. Auch Roman Grinberg, einer der bekanntesten jüdischen Musik-Allrounder Wiens, trat unplugged auf; Götz Schrage und Harry Bergmann lasen. Weitere Veranstaltungen folgen – mit israelischem Fingerfood, Begegnungen. Aus einem Café wurde ein kleiner Kulturort – mit Israel-Fahnen und koscherem Wein.

„ESC Jerusalem Teller“ und Shakshouka

Auch die Speisekarte wurde angepasst. Aus dem Antipasti-Teller wurde der „ESC Jerusalem Teller“. Dazu gibt es Shakshouka, Cheesecake mit Mangosauce und neue Bagel: „New York“ mit Lachs, Zwiebel-Cream-Cheese und Dillsauce sowie „Tel Aviv“ mit Falafel, Hummus und Salat.

Auch koscherer Wein steht auf der Karte. Der rote kam über eine koscher lebende Freundin. Den weißen bot ein jüdischer Mann an – Wegenstein kaufte ihm gleich zehn Flaschen ab.

Israels ESC-Teilnehmer Noam Bettan wird allerdings nicht persönlich vorbeischauen. Die Sicherheitsmaßnahmen wären zu aufwendig. Aber die MQ Kantine schickte ihm eine Nachricht – und wünschte ihm viel Glück. Der Ernst der Lage ist durch die beiden Polizisten an den Eingängen ohnehin sichtbar. Das Lokal wurde im Vorfeld sicherheitstechnisch überprüft.

Israel-Herz und jüdische Musik: Vor der MQ Kantine ist die neue Rolle als Israel-Fancafé unübersehbar.
Israel-Herz und jüdische Musik: Vor der MQ Kantine ist die neue Rolle als Israel-Fancafé unübersehbar.

Überschwängliche Reaktionen aus Israel

Besonders stark sind die Reaktionen aus Israel. Viele feiern Lisa Wegenstein auf Instagram und X überschwänglich. Ein Nutzer schreibt: „Wenn wir Wien besuchen, kommen wir zu euch auf Kaffee und Kuchen. Ihr habt Integrität – und die ist süßer als der Zucker in meinem Kaffee oder die Creme auf dem Kuchen.“

Eine andere Reaktion: „Das ist moralische Klarheit und Würde. Leider ist das in unserer Zeit auch Mut.“ Und schlicht: „So sieht eine Heldin aus.“

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„Der Song Contest sollte für Einheit stehen“

Viele kündigen an, die MQ Kantine nun bewusst zu besuchen. „Ich komme in dieses Café und werde es unterstützen! Der Song Contest sollte für Einheit stehen – nicht für Hass“, heißt es in einem Kommentar.

Ein anderer schreibt: „Wir werden nach dem Eurovision Song Contest vorbeikommen und Kaffee kaufen – und alles, was wir können. Ihr habt unsere Unterstützung fürs Leben. Danke!“

Auch internationale Unterstützer melden sich: Ein Eurovision-Besucher schreibt, er sei „nicht Israeli und nicht jüdisch“, werde aber „ganz sicher“ in die MQ Kantine kommen. Eine iranische Frau kommentiert: „Als iranische Frau: Lang lebe Israel.“

Für die MQ Kantine ist das mehr als Social-Media-Applaus. Viele Menschen haben genau verstanden, worum es Wegenstein geht: Darum, Juden und Israelis nicht auszugrenzen und dem wachsenden Antisemitismus die Stirn zu bieten.

Lisa Wegenstein mit exxpress-Redakteur Stefan Beig in der MQ Kantine: Ihr Lokal ist derzeit das Israel-Fancafé des Eurovision Song Contest.
Lisa Wegenstein mit exxpress-Redakteur Stefan Beig in der MQ Kantine: Ihr Lokal ist derzeit das Israel-Fancafé des Eurovision Song Contest.

Hass im Netz – und Schmierereien am WC

Ganz ohne Anfeindungen bleibt es nicht. „Die Negativen gibt’s auch, aber die spielen sich im Internet ab. In den sozialen Medien gibt’s so ein bisschen Hasskommentare, aber auch Gott sei Dank relativ wenig.“

Im Lokal selbst gab es allerdings einen Vorfall. „Es hat jemand das Klo beschmiert“, sagt Wegenstein. „Tod der IDF“ stand dort, und „Boykott Israel“. Wegenstein nimmt es nach außen gelassen.

„Viele haben einfach Angst gehabt“

Warum wollten andere Lokale Israel nicht übernehmen? Wegenstein urteilt nicht pauschal. „Viele wussten es nicht, viele wurden einfach nicht gefragt und viele wollten’s einfach nicht.“

Manche hätten Gründe gehabt, „die mir nicht gefallen“. Aber viele hätten auch schlicht Angst gehabt: „Viele lassen sich unter Druck setzen von diesem Irrsinnsmob, der hier den Leuten Angst macht.“

Nach dem 7. Oktober: „Ein Teil hat sich total verrannt“

Für Wegenstein ist klar: Nach dem 7. Oktober hat sich etwas verändert. „Dass es diesen Antisemitismus immer gegeben hat und dass der auch von links existiert hat – aus anderen Gründen als der von rechts – das haben wir ja alle immer gewusst. Aber dass sich das so extrem verstärkt nach dem 7. Oktober, damit habe ich nicht gerechnet.“

Besonders hart geht Wegenstein mit Teilen der Kunst- und Kulturszene ins Gericht. Sie kennt diese Szene gut. Seit 19 Jahren betreibt sie mit Anderen das Filmfestival „This Human World“.

„Das ist ein sehr linkes Festival, ein sehr linkes Publikum“, sagt sie. „Wir hatten sehr tolle Jahre. Wir hatten diese ganze LGBTIQ-plus-Bewegung bei uns, und die ist es immer noch teilweise.“ Das Publikum sei jung, queer, woke, cool, weltoffen, intelligent, kunst- und kulturinteressiert gewesen. „Und leider hat sich ein Teil von denen total verrannt.“

Was sie damit meint? „Die finden, dass jetzt jüdische Künstler zu boykottieren sind. Was ich überhaupt nicht verstehen kann. Ich verstehe es auch nicht bei der Biennale. Ich verstehe es nirgends. Ich verstehe es nicht, wie man das tun kann.“

Dann wird sie noch deutlicher: „Das ist für mich völlig absurd und es ist purer Antisemitismus. Es ist Judenhass.“

Netanyahu-Kritik rechtfertigt keinen Judenhass

Kritik an Israels Regierung sei das eine. Jüdische Künstler, israelische Besucher oder Juden in der Diaspora unter Druck zu setzen, sei etwas anderes. „Man kann das nicht mit einer Regierung begründen, die einem nicht gefällt oder einem Netanyahu, den man nicht mag.“

Natürlich werde sie auch mit Vorwürfen gegen Israel konfrontiert: Gaza-Krieg, zivile Opfer, Genozid-Anklagen. Wegenstein weicht dem Thema nicht aus. „Krieg ist immer schrecklich. Krieg ist eine schreckliche Sache und es gibt so viele Kriege auf der Welt, die schrecklich sind, über die niemand redet.“ Aber Israel werde anders behandelt: „Israel wird mit ganz anderen Standards gemessen.“

Niemand muss sich erst distanzieren

Wegenstein zieht eine klare Grenze. Kritik an einer Regierung ist legitim. Aber einzelne Menschen dürften nicht in Haftung genommen werden – schon gar nicht Juden oder Israelis, die einfach ein Café besuchen oder den ESC feiern wollen.

Man werde ja auch nicht gefragt: „War dein Urgroßvater oder dein Großvater ein Nazi?“ Genauso wenig müsse sie zuerst wissen, wie eine israelische oder jüdische Person zur Politik stehe. „Es ist für mich nicht interessant, wie sie zur Politik steht. Nicht im ersten Moment.“

Und vor allem: Juden müssten sich nicht ständig rechtfertigen. „Es ist auch nicht wichtig, dass Juden sich von Netanyahu distanzieren müssen. Das wird verlangt. Was ich schlimm finde.“

„Ich rede auch mit Kickl-Wählern“

Viele der Menschen, die jetzt in die MQ Kantine kommen, seien politisch links und würden Netanyahu nicht wählen. Aber selbst wenn sie es täten – soll man ihnen daraus einen Strick drehen?

Dann zieht sie den Vergleich zu Österreich. Auch dort kennt sie Menschen, deren politische Entscheidungen sie nicht teilt – und redet trotzdem mit ihnen „Ich kenne auch Leute, die Kickl wählen. Ich habe am Land ein Haus. Ich kenne Leute, die wählen Kickl und die erzählen mir warum und ich sage ihnen, warum ich es nicht mache und damit ist die Sache erledigt.“

Genau hier verläuft für Wegenstein die Grenze: Man kann politisch streiten. Man kann Regierungen ablehnen. Man kann einander widersprechen. Aber man darf Menschen nicht ausgrenzen, bedrohen oder kollektiv verantwortlich machen.

Unterstützung von Muslimen

Wegenstein will nicht, dass die Geschichte nur auf sie verengt wird. Sie ist nicht allein. Viele andere helfen, unterstützen, kommen vorbei, zeigen Gesicht. „Es gibt Muslime, die herkommen und das unterstützen“, sagt sie.

Sie hebt vor allem Abdulhkeem Alshateraus von der syrischen Gemeinde hervor. „Der setzt ein riesiges Zeichen, indem er fast täglich hier ist.“ Mit ihm sei sie mittlerweile gut befreundet. „Mit solchen Leuten muss man reden.“ Auch andere Aktivisten, Künstler und Unterstützer seien da.

Viele haben Angst, etwas zu sagen

Wegenstein glaubt, dass es noch eine Zivilgesellschaft gibt, die sieht, was gerade passiert. Aber viele trauten sich nicht. „Es gibt schon viele Leute, die einfach Angst haben, was zu sagen.“

Unter jungen Menschen gebe es viele, die merkten, „dass das alles in eine Richtung läuft, die nicht mehr geht“. Viele bekämen mit, wie es jungen Juden derzeit geht.

„Die Leute sollen den Mund aufmachen“

Gerade deshalb formuliert Wegenstein ihre Erwartung an Politik und Gesellschaft klar: „Ich erwarte mir einfach, dass die Leute den Mund aufmachen und sagen: Diese Art von Antisemitismus, Judenhass, der gerade wächst, muss aufhören.“

Sie konkretisiert: „Es gibt eine Regierung in Israel, gegen die kann man sein.“ Aber eines gehe nicht: „Man muss doch einfach die Menschen in Ruhe leben lassen. Auch wenn sie jüdische Menschen sind oder Israelis sind, kann man die doch nicht einfach canceln, bedrohen, rausschmeißen. Das geht nicht. Das geht nicht.“

„Runtersteigen vom intellektuellen Hohn“

Dann folgt noch eine Spitze gegen den akademischen Überbau, mit dem heute viel Judenhass schöngeredet wird. „Ich brauche keine postkoloniale Theorie von Judith Butler. Da muss man einmal von diesem intellektuellen Hohn runtersteigen und schauen, was hier wirklich passiert.“

Postkoloniale Debatten werden in der MQ Kantine nicht geführt. Auffällig sind vielmehr die gute Stimmung, die Freude und die Dankbarkeit der Gäste. Worum es eigentlich geht: Menschen nicht auszugrenzen. Ein kleines Lokal kann manchmal mehr Haltung zeigen als große Institutionen.