Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in Frankreich und den USA. Thomas Ribi sieht darin in seinem NZZ-Kommentar mehr als eine kurzfristige religiöse Modeerscheinung.

Junge Erwachsene entdecken den Glauben neu

Der NZZ-Kommentator beschreibt eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien: Gerade in stark säkularisierten Ländern erlebt die katholische Kirche wieder Zulauf. In Frankreich etwa lassen sich auffallend viele Erwachsene und Jugendliche taufen. Viele von ihnen stammen aus Familien, in denen Religion kaum oder gar keine Rolle spielte.

Auch die Deutsche Welle berichtete über den Boom in Frankreich. Besonders in Paris seien viele Pfarren mittlerweile mit einer unerwartet hohen Zahl an Taufbewerbern konfrontiert. Geistliche sprechen von jungen Erwachsenen, die nach Orientierung, Gemeinschaft und spirituellem Halt suchen.

In den USA zeigt sich ein ähnliches Bild. Laut Vatican News verzeichnen zahlreiche Diözesen und katholische Hochschulgemeinden seit Jahren steigende Zahlen bei Erwachsenentaufen. Priester führen das unter anderem darauf zurück, dass die katholische Kirche in einer unsicheren Welt Stabilität und klare Werte vermittle.

Die Sehnsucht nach Halt in unsicheren Zeiten

Im Zentrum von Ribis NZZ-Kommentar steht die These, dass viele Menschen genug von einer Gesellschaft haben, in der alles ständig infrage gestellt wird. Gerade junge Erwachsene sehnten sich wieder nach Verbindlichkeit, Tradition und festen moralischen Maßstäben.

Ribi argumentiert, dass die katholische Kirche genau dort wachse, wo sie sich dem Zeitgeist nicht anbiedere. Frankreich und die USA seien Beispiele für Kirchen, die stärker an traditionellen Glaubensinhalten festhalten und sich enger an Rom orientieren. Dort stünden Debatten über Frauenpriestertum, Segnung homosexueller Partnerschaften oder eine Lockerung kirchlicher Regeln deutlich weniger im Vordergrund als etwa in Deutschland.

Deutschland: lokale Zuwächse, aber kein Boom

Anders präsentiert sich die Lage in Deutschland und teilweise auch in der Schweiz. Zwar gibt es auch dort einzelne Bistümer mit mehr Taufbewerbern. Doch im Gesamtbild wird dieser Zuwachs von den hohen Austrittszahlen klar überlagert.

Laut Domradio ist in Deutschland daher kein bundesweiter „Tauf-Boom“ festzustellen. In Städten und in ostdeutschen Diaspora-Bistümern gebe es zwar Interesse, doch daraus ergebe sich noch kein flächendeckender Trend.

Thomas Ribi sieht in seinem NZZ-Kommentar einen Zusammenhang mit den umfangreichen Reformdebatten innerhalb der deutschen Kirche. Der sogenannte „Synodale Weg“ habe versucht, die Kirche stärker an moderne gesellschaftliche Vorstellungen anzupassen. Der Mitgliederschwund sei dadurch jedoch nicht gestoppt worden.

Auch die Deutsche Welle verweist darauf, dass französische Kirchenvertreter derzeit weniger über Strukturreformen diskutieren als vielmehr darüber, wie die vielen neuen Gläubigen langfristig in die Gemeinden integriert werden können.