Diversity soll benachteiligte Gruppen fördern. Doch an den berühmtesten Universitäten des Westens zeigt sich nun etwas anderes: Wer arm ist, aber weiß, gilt oft nicht als Problemgruppe.
Ein Bericht des britischen Telegraph sorgt zurzeit für Aufsehen. Demnach gibt es an Oxford und Cambridge mehr als ein Dutzend Stipendien und Förderprogramme, die sich gezielt an schwarze, asiatische und andere ethnische Minderheiten richten.
Weiße Studenten aus Arbeiterfamilien schauen bei fast allen dieser Programme durch die Finger. Dabei zählen gerade sie in Großbritannien selbst zu den am stärksten unterrepräsentierten Gruppen im Hochschulsystem.
Das wirft vor allem eine Frage auf: Zählt Armut noch – oder zählt vor allem Hautfarbe?
„Bürger zweiter Klasse“
Besonders brisant ist der Fall eines 20-jährigen weißen Studenten aus einer Arbeiterfamilie. Er musste einen Platz an einer führenden Universität ablehnen. Der Grund, wie er dem Telegraph schilderte: Er sei wegen seiner ethnischen Herkunft von Förderprogrammen ausgeschlossen gewesen, die ihm Unterkunft und Lebenshaltungskosten erleichtert hätten. Er fühle sich wie ein „Bürger zweiter Klasse“.
Auch Suella Braverman, Bildungssprecherin der Oppositionspartei Reform UK, wird deutlich. Weiße Arbeiterfamilien seien von einem System verraten worden, das darauf ausgelegt sei, gegen sie zu arbeiten. Oxford und Cambridge sollten Menschen nach Talent beurteilen – nicht nach Hautfarbe.
Stipendien nach Herkunft
Der Telegraph nennt konkrete Programme. In Cambridge gibt es das Stormzy Scholarship: Bis zu zehn schwarze britische Studenten erhalten jährlich 20.000 Pfund, finanziert von der Großbank HSBC UK und der #Merky Foundation des Rappers Stormzy. Dazu ein Formel-1-Stipendium über 20.000 Pfund jährlich für BAME-Studenten ((Black, Asian and Minority Ethnic – die britische Sammelbezeichnung für nicht-weiße Bevölkerungsgruppen) oder Frauen im Ingenieurstudium.
Auch Oxford bietet ethnisch definierte Programme an. Das Black Academic Futures Scholarship kann die gesamten Studienkosten plus Lebensunterhalt abdecken. Ähnliches gibt es für britisch-bangladeschische und britisch-pakistanische Studenten. An der Saïd Business School winkt schwarzen MBA-Studenten das Oxford Black Leaders Scholarship mit bis zu 30.000 Pfund.
Kaum Chancen für weiße Arbeiterkinder
Weiße Frauen aus Arbeiterfamilien kommen laut Telegraph nur für zwei von mehr als einem Dutzend Oxbridge-Diversity-Programmen infrage. Weiße Männer aus Arbeiterfamilien offenbar nur für eines. Gleichzeitig zählen Oxford und Cambridge zusammen mindestens 15 Outreach-Programme für nicht-weiße BAME-Studenten.
Die Zahlen verschärfen die Debatte. Ein Bericht des National Education Opportunities Network kam 2019 zum Ergebnis: Weiße Studenten aus Arbeiterfamilien machten weniger als drei Prozent der Oxbridge-Studenten aus. Zum Vergleich: 30 Prozent der neu aufgenommenen Oxford-Studenten identifizierten sich zuletzt als BAME, in Cambridge 2023 sogar 34 Prozent.
Diversity soll Unterrepräsentation bekämpfen. Doch eine Gruppe, die selbst massiv unterrepräsentiert ist, wird von vielen Programmen kaum erreicht: weiße Arbeiterkinder.
Oxford und Cambridge wehren sich
Die Universitäten verweisen auf allgemeine Hilfen für einkommensschwache Haushalte. Oxford lehnte eine offizielle Stellungnahme ab, verwies aber intern auf ein Stipendium von bis zu 6.150 Pfund jährlich für britische Studenten aus einkommensschwachen Familien. Cambridge nannte sein Bursary Scheme mit jährlich über zehn Millionen Pfund.
Beide Unis erklären, sich an den Equality Act 2010 zu halten. Dieser erlaubt „positive Maßnahmen“ gegen Unterrepräsentation. Kritiker sagen: Wenn Programme nach Ethnie statt nach Bedürftigkeit vergeben werden, schaffen sie neue Ungleichheiten.
USA: Der Streit eskaliert
In den USA geht es längst nicht mehr nur um Stipendien, sondern um den Zugang zu den mächtigsten Bildungsinstitutionen des Landes. Anders als in Großbritannien trifft es dort nicht nur arme Weiße: Auch asiatische Bewerber gelten trotz eigenem Minderheitenstatus oft als Verlierer des Systems, weil sie akademisch überdurchschnittlich abschneiden. Der Wendepunkt war 2023: Der Supreme Court erklärte die race-conscious admissions-Programme von Harvard und der University of North Carolina für verfassungswidrig. Hautfarbe dürfe in der Zulassung nicht als Nachteil für andere Bewerber wirken.
Im Februar 2026 verklagte das US-Justizministerium Harvard erneut – allerdings nicht wegen eines neuen Diskriminierungsvorwurfs, sondern weil die Universität seit April 2025 angeforderte Zulassungsdaten nicht herausgegeben hat. Das Ministerium will damit erzwingen, dass Harvard offenlegt, ob es nach dem Supreme-Court-Urteil wirklich auf rassebezogene Kriterien verzichtet hat.
Yale: 29-mal höhere Chancen
Deutlich schwerer wiegt der Befund bei Yale. Laut US-Justizministerium habe die Yale School of Medicine nach einjähriger Untersuchung Bewerber gezielt nach Rasse ausgewählt und dabei sogenannte „racial proxies“ geprüft – Ersatzkriterien, um Race-Effekte zu erzielen, ohne Hautfarbe offen zu nennen.
Die Zahlen dahinter sind drastisch. Dem Justizministerium zufolge hatte ein schwarzer Bewerber bis zu 29-mal höhere Chancen auf ein Interview als ein akademisch gleich starker asiatischer Bewerber. Bei Notendurchschnitt und Aufnahmetest lagen weiße und asiatische Bewerber laut Auswertung des Justizministeriums durchgehend vor schwarzen und hispanischen Bewerbern – trotzdem hatten Letztere höhere Zulassungschancen.
Yale erklärte, man sei vom eigenen, strengen Auswahlverfahren überzeugt und werde das Schreiben des Ministeriums prüfen.
Nicht nur Harvard und Yale
Der Konflikt reicht weiter. Das US-Bildungsministerium ermittelt gegen rund 45 Universitäten wegen möglicher rassebezogener Ausschlusspraktiken – darunter Cornell, Duke, Georgetown, MIT und Carnegie Mellon. Auch Stanford steht unter Beobachtung: Dort geht es um ein Programm, das Lehrern, die sich als „person of color“ identifizieren, volle Finanzierung für Zertifizierungen bot.
Der Grundkonflikt ist überall derselbe: Darf eine Universität Menschen nach Identitätsgruppen bevorzugen? Oder verletzt genau das jene Gleichbehandlung, die Diversity eigentlich schaffen soll?
Die unsichtbare Gruppe
Für weiße Arbeiterkinder ist das besonders heikel. Sie sind weiß – und gelten damit nicht als Minderheit. Sie sind arm – aber Armut allein zählt oft weniger als Identität. Sie haben keine akademischen Eltern – doch das reicht selten, wenn Programme zusätzlich ethnisch zugeschnitten sind.
Sie sind das Problem, das viele Diversity-Programme kaum sehen: sozial schwach, aber nicht nicht-weiß. Eine real benachteiligte Gruppe wird so politisch unsichtbar.
Soll Bildungspolitik jenen helfen, die tatsächlich die schlechtesten Startchancen haben? Oder soll sie Menschen nach Hautfarbe sortieren? Das ist die große Frage hinter dem Streit. Für weiße Kinder aus Arbeiterfamilien ist sie existenziell. Ausgerechnet im Namen der Gerechtigkeit droht ihnen eine neue Form der Benachteiligung.

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