Heftige Aufregung um das Bowes Museum im englischen Barnard Castle: Die Einrichtung wird scharf kritisiert, weil sie Besuchern in einem „LGBTQIA+“-Flyer nahelegt, dass „gender fluidity“ keine neue Entwicklung sei. Als Beleg verweist das Museum darauf, dass im 19. Jahrhundert auch Jungen im frühen Kindesalter Kleider trugen.

Der Streit entzündet sich an einer historischen Praxis namens „breeching“. Dabei wechselten Jungen meist erst zwischen vier und sieben Jahren von Kleidern zu Hosen. Laut dem Museum geschah das zwar aus „practical reasons“, also aus praktischen Gründen – dennoch wird diese Kleidungspraxis in dem Flyer als Beispiel dafür angeführt, dass Geschlechtergrenzen in der Kindheit früher weniger starr gewesen seien.

Harte Kritik an dem Flyer

Genau das bringt Kritiker auf die Barrikaden. Sie werfen dem Museum vor, historische Gepflogenheiten mit heutigen Gender-Debatten zu vermischen. Besonders scharf formuliert es Helen Joyce von Sex Matters. Sie sagt, wie Daily Mail zitiert, die Einteilung in männlich und weiblich habe mit Biologie zu tun und „habe nichts damit zu tun, dass kleine Jungen Kleider statt Hosen trugen, weil elastische Stoffe damals neu waren und kaum verwendet wurden“.

Auch Alka Sehgal Cuthbert von Don’t Divide Us kritisiert das Museum deutlich. Ihrer Ansicht nach verfehlt es seine eigentliche Aufgabe. Ein Museum solle Artefakte bewahren und Geschichte erklären – nicht aktuelle Weltbilder in die Vergangenheit projizieren.

Worum es konkret geht

In dem Flyer mit dem Titel „Stereotype hinterfragen“ heißt es, es werde oft angenommen, dass Geschlechtergrenzen „immer strikt durchgesetzt wurden“ und dass „Genderfluidität eine neue Entwicklung sei“.

Doch laut Museum stimmt das nicht. Jungen und Mädchen hätten in früher Kindheit häufig ähnliche Kleidung getragen. Der Wechsel zur Hose – das sogenannte „Breeching“ – sei ein wichtiger kultureller Schritt gewesen.

Gerade dieser Vergleich zwischen historischer Kinderkleidung und modernen Gender-Konzepten sorgt nun für massive Kritik.

Museum bleibt bei seinem Kurs

Das Bowes Museum selbst weist die Vorwürfe zurück und verteidigt sein Projekt. Eine Sprecherin erklärt, man habe im Rahmen eines Engagements für Gleichberechtigung eine LGBTQIA+-Arbeitsgruppe gegründet.

Diese solle „unerzählte Geschichten“ aus der Sammlung sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen. Der entsprechende Rundgang existiere bereits seit über einem Jahr. Der Flyer erwähnt außerdem die Figur Herkules und weist darauf hin, dass dessen Legende oft Beziehungen nicht nur zu Frauen, sondern auch zu Männern ausblende. Auch das dürfte die Debatte weiter anheizen.