Das neue digitale Grenzsystem der EU sollte den Reiseverkehr ins 21. Jahrhundert holen. Stattdessen liefert es eine Panne nach der anderen – zuletzt scheiterte es an einer Aufgabe, die selbst ein Grenzbeamter mit bloßem Auge lösen würde: der Unterscheidung eineiiger Zwillinge.

Betroffen war eine Britin, die Ende Mai von Cluj-Napoca in Rumänien zurück nach Großbritannien fliegen wollte. Wie Politico berichtet, hielten die rumänischen Behörden die Frau plötzlich fest – mit der Begründung, sie halte sich illegal im Schengen-Raum auf. Angeblich sei ihre Ausreise nach einem Aufenthalt in Amsterdam im April 2026 nie ordnungsgemäß erfasst worden.

Nur: In Amsterdam war die Frau nie. Dafür ihre eineiige Zwillingsschwester. Als sie das den Beamten erklärte, wurde ihr zunächst unterstellt, ihren Pass verliehen zu haben. Auch das stimmte nicht – die Schwester saß zum fraglichen Zeitpunkt in Großbritannien und hat rumänischen Boden nie betreten. Rund 15 Minuten dauerte die Befragung, ehe die Frau ihren Flug schließlich antreten durfte. Sie ließ sich anonymisieren, um künftige Scherereien an der Grenze und die Privatsphäre ihrer Schwester zu schützen.

„Anchoring Bias": Wenn der erste Eindruck alles überschreibt

Das Entry-Exit-System (EES) verwechselte die beiden Frauen offenbar aufgrund ihrer identischen Gesichtsscans – möglicherweise verstärkt durch gleichen Nachnamen, gleiches Geburtsdatum und gleiche Staatsangehörigkeit. Alles andere unterscheidet sie: verschiedene Fingerabdrücke, verschiedene Vornamen und jeweils ein eigener Reisepass.

Für Niovi Vavoula, Inhaberin des Lehrstuhls für Cyber-Politik an der Universität Luxemburg, deutet der Fall auf ein doppeltes Behördenversagen hin. Die Wissenschaftlerin, die Gesetzgeber zu den technischen Details des EES beraten hat, vermutet zum einen eine fehlerhaft registrierte Ausreise der Schwester in Amsterdam. Der Check dort sei vermutlich durchgeführt worden, als das System „not fully ready” gewesen sei oder eine Störung vorlag – kein Wunder, lag das Reisedatum am 12. April doch nur zwei Tage nach dem Start des Systems.

Zum anderen hätten die rumänischen Beamten in Cluj schlicht schlecht gearbeitet. Laut EES-Vorschriften darf ein Reisender nie allein über das Gesichtsbild identifiziert werden – Fingerabdruck oder Passdaten müssen abgeglichen werden, und die wären in beiden Fällen unterschiedlich gewesen. Vavoula spricht von „anchoring bias” – man klammere sich an das erste Beweisstück und blende alles andere aus.

Weder das niederländische Innenministerium noch die rumänische Grenzpolizei reagierten zunächst auf Anfragen. Die EU-Kommission wollte sich zu Einzelfällen nicht äußern, betonte aber, dass die Mitgliedstaaten für die im EES gespeicherten Daten verantwortlich seien – die Kommission selbst habe darauf keinen Zugriff. Betroffene könnten eine Berichtigung ihrer Daten bei den zuständigen nationalen Behörden verlangen.

Vier Jahre Verzug – und von der Leyen räumt Probleme ein

Die Zwillings-Panne reiht sich in eine ganze Serie von Schwierigkeiten ein. Das EES soll den physischen Passstempel durch eine EU-weite Datenbank mit biometrischen Daten ersetzen und ging am 10. April an den Start – vier Jahre später als geplant. Seither stauen sich die Reisenden an den Grenzen, während Gesichter gescannt und Fingerabdrücke genommen werden. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumte heuer selbst ein, das System habe ungelöste „technical problems” und brauche noch „quite a lot of work”.

Besonders hart trifft es ausgerechnet die Briten – eine Spätfolge des Brexit. Das EES gilt nur für Besucher von außerhalb der EU und des Schengen-Raums. Während die Bürger der meisten Nachbarländer mit großen Besucherströmen ausgenommen sind, fallen die Briten voll darunter – und das, obwohl sie allein 2024 mehr als 63 Millionen Reisen in die EU unternahmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Großbritannien mit den sogenannten „juxtaposed controls” am Londoner Bahnhof St Pancras und am Kanaltunnel selbst EU-Grenzkontrollen auf britischem Boden abwickelt – die Insel muss die Störungen des neuen Systems also mittragen. 30,5 Millionen Pfund an eigenen Mitteln hat London bereits angekündigt, um die Kapazitäten an Häfen und Bahnhöfen auszubauen. Verkehrsministerin Heidi Alexander traf sich am Dienstag mit EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas, um vor dem Sommeransturm über die drohenden Verzögerungen zu sprechen.