Das Europaparlament vergibt den Orden erst seit dem vergangenen Jahr. Neben Merkel werden auch der frühere polnische Präsident Lech Wałęsa sowie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in der höchsten Kategorie ausgezeichnet.
„Falsches Signal“ an Europa
Besonders deutlich wird der frühere Chef des finnischen Militärgeheimdienstes, Pekka Toveri. Die Auszeichnung sende „ein falsches Signal“ über das sicherheitspolitische Denken Europas, sagte der heutige EU-Abgeordnete dem Nachrichtenportal ntv. Merkel habe mit ihrem politischen Kurs wesentlich zu jenen Rahmenbedingungen beigetragen, die letztlich den Krieg in der Ukraine ermöglicht hätten. Auslöser der aktuellen Kritik sind Aussagen Merkels aus dem vergangenen Jahr. In einem Interview hatte die ehemalige Kanzlerin erklärt, sie habe 2021 gemeinsam mit Frankreich ein Gesprächsformat zwischen der EU und Russland vorgeschlagen. Dieses sei am Widerstand Polens und der baltischen Staaten gescheitert.
Empörung im Baltikum
Gerade diese Darstellung sorgt im Baltikum bis heute für Empörung. Toveri weist Merkels Sichtweise entschieden zurück. Ihre Aussagen beruhten „auf so vielen falschen Annahmen“, dass sich eine detaillierte Auseinandersetzung kaum lohne. Die Argumentation erinnere an Kreml-Narrative, wonach die NATO-Osterweiterung den Krieg ausgelöst habe. Putins Angriffskrieg sei vielmehr das Ergebnis eines jahrelangen Irrglaubens gewesen, Russland durch Diplomatie und wirtschaftliche Verflechtung dauerhaft einbinden zu können, so der finnische Ex-General. Noch schärfer formuliert es der ehemalige Oberbefehlshaber der estnischen Streitkräfte, Riho Terras. Merkels Versuch, baltischen Staaten eine Mitschuld zuzuschieben, sei „schlicht erbärmlich“ und schade der europäischen Geschlossenheit.
Vergleich mit Schröder
Terras zieht sogar Parallelen zu Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der wegen seiner Nähe zu Putin seit Jahren massiv kritisiert wird. In Estland habe es durchaus Stimmen gegeben, die Merkel als möglichen „neuen Schröder“ betrachtet hätten – als Politikerin also, deren Nähe zu Russland politisch genutzt werden könne. Im Zentrum der Kritik steht vor allem die deutsche Energiepolitik nach der Annexion der Krim 2014. Statt Konsequenzen aus Russlands Vorgehen zu ziehen, habe Deutschland mit dem Pipelineprojekt Nord Stream 2 die Abhängigkeit von Moskau weiter vertieft. Für Terras wurde Nord Stream 2 zum Symbol einer europäischen Fehleinschätzung: der Überzeugung, Russland lasse sich durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und Dialog dauerhaft verändern – trotz zahlreicher Warnungen aus Osteuropa.

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