10 Prozent gegen 94 Prozent. Manchmal erklären zwei Zahlen den Kulturkampf besser als tausend Kommentare.
Genau so ist es bei „Citizen Vigilante“, dem neuen Thriller von Uwe Boll mit Armie Hammer. Auf Rotten Tomatoes kommt der Film Stand Redaktionsschluss bei professionellen Kritikern nur auf 10 Prozent positive Wertungen. Beim Publikum steht er dagegen bei 94 Prozent – bei mehr als 2500 Zuschauerbewertungen. Die Kritiker zerreißen ihn. Viele Zuschauer feiern ihn.
Rotten Tomatoes ist eine der wichtigsten amerikanischen Sammelplattformen für Filmkritiken und Zuschauerwertungen. Die Plattform zeigt nicht die Durchschnittsnote, sondern den Anteil positiver Bewertungen. Genau deshalb ist die Kluft so bemerkenswert: Bei Kritikern fällt der Film fast komplett durch – beim Publikum wird er zum Hit.
Ein Film wird zum Politikum
Die Handlung ist explosiv: Ein Mann verliert das Vertrauen in Polizei, Justiz und Politik. Er nimmt das Recht in die eigene Hand und jagt Kriminelle. Seine Selbstjustiz-Kampagne wird zur Social-Media-Sensation – und bringt ihn zugleich in Konflikt mit den Behörden.
Im Film selbst geht es aber nicht nur um Kriminalität. Es geht um Migration, Messergewalt, Vergewaltigungen, milde oder untätige Richter – und um ein Europa, das im Film an seinen eigenen Tabus zerbricht.
In Deutschland bekam „Citizen Vigilante“ keine reguläre FSK-Freigabe. Das ist kein klassisches Totalverbot. Aber es blockiert praktisch viele übliche Wege der Bewerbung, Kinoauswertung und Verbreitung. Nach Angaben Bolls blieb der Film gleich in zwei Prüfverfahren ohne Altersfreigabe. Damit fehlt ihm in Deutschland ein offizielles Kennzeichen, das für eine reguläre Kinoauswertung notwendig ist.
Gegenüber Medien sagte Boll, er habe einen Anwalt eingeschaltet, sei aber in einer Sechs-zu-zwei-Abstimmung gescheitert. Als Begründung sei ihm genannt worden, der Film könne zu Gewalt gegen Migranten anstacheln. Eine verweigerte FSK-Freigabe ist kein staatliches Verbot, hat aber erhebliche kommerzielle Folgen: Große Kinoketten, Händler und Plattformen meiden solche Filme in der Regel.
Musk machte ihn zum X-Ereignis
Dann kam Elon Musk. Nach der deutschen FSK-Blockade war „Citizen Vigilante“ für 48 Stunden frei auf X abrufbar. Boll hatte die Aktion angekündigt, Musk machte sie mit seiner enormen Reichweite zum globalen Ereignis. Aus einem umstrittenen Low-Budget-Thriller wurde ein Symbol für Redefreiheit.
Auf Social Media entwickelte sich ein regelrechter Hype um „Citizen Vigilante“. Nach Musks X-Aktion kursierten nicht nur Jubelkommentare und Verrisse, sondern auch Ausschnitte aus dem Film – teils gerade aus jenen besonders brutalen Szenen, die Kritiker als gefährlich und gewaltverherrlichend empfinden.
Der Effekt war enorm. Tom’s Guide berichtete von mehr als elf Millionen Aufrufen binnen 24 Stunden auf X. Der Guardian schrieb, Musks Intervention habe dem Film weltweite Aufmerksamkeit und einen massiven Schub für sein kommerzielles Profil gebracht. Musk selbst legte nach und postete: „Citizen Vigilante 2 will be even better“ – der zweite Teil werde noch besser.
Nummer eins bei Amazon, Nummer zwei bei Apple
Der Hype blieb nicht auf X beschränkt. „Citizen Vigilante“ schoss auch auf digitalen Verkaufs- und Leihplattformen nach oben.
Mehrere Entertainment-Seiten berichteten, der Film habe auf Amazon Prime Video beziehungsweise Amazons US-Leihcharts Platz eins erreicht. World of Reel schrieb, „Citizen Vigilante“ sei auf Amazons Leihcharts die Nummer eins und auf Apples „Top Movies“-Liste die Nummer zwei. Auch Parade berichtete, der Film sei der derzeit meistgekaufte beziehungsweise meistgeliehene VOD-Film auf Amazon Prime Video.
Für Apple TV ist die Platzierung besonders gut belegt: Die Associated Press listete Citizen Vigilante in den US-„Top Movie Purchases and Rentals“ auf Platz zwei – hinter „Project Hail Mary“ und vor „Michael“.
Damit wurde aus einem Film, der in Deutschland nicht regulär ausgewertet werden kann, binnen weniger Tage ein internationaler Streaming-Erfolg. Genau das ist der Streisand-Effekt: Je stärker ein Werk ausgebremst wird, desto interessanter wird es für ein Publikum, das darin Zensur und Bevormundung erkennt.
Kritiker: „faschistisch“ und „inkompetent“
Die bei Rotten Tomatoes gelisteten Kritiker urteilen hart. Rebecca Onion von Slate nennt eine zentrale Wohnungsszene eine „Horrorshow“, beinahe „Snuff“, verbunden mit einer selbstgefälligen politischen Belehrung. Peter Bradshaw vom Guardian schreibt, der Film wolle offenbar in der Tradition von „Death Wish“, „Dirty Harry“ oder „Taxi Driver“ stehen – doch diesen Filmen hätten Leidenschaft, Stil, Witz, Ziel, Vision und handwerkliche Qualität nicht gefehlt.
Noch härter fällt Sonny Bunch von The Bulwark aus: „Sicher, er ist faschistisch. Wichtiger: Er ist inkompetent.“ Todd Gilchrist von Variety meint, der Film sei so erstaunlich schlecht, dass es fast wirke, als wolle Uwe Boll das Comeback seines Hauptdarstellers Armie Hammer absichtlich sabotieren. Nur vereinzelt gibt es Zustimmung: Alan Ng von Film Threat schreibt, „Citizen Vigilante“ verstehe genau, welchen Nerv er treffe – auch wenn er weiter gehe, als die meisten Filmemacher es wagen würden.
„Es geht darum, eine Botschaft zu senden“
Die Publikumskritiken zeigen, warum der Film so einschlägt. Viele loben nicht in erster Linie Kamera, Drehbuch oder Schauspiel. Sie feiern die Botschaft.
Ein Zuschauer schreibt: „Es geht nicht um den Film. Es geht darum, eine Botschaft zu senden.“ Ein anderer nennt ihn „einen frischen Wind, der sagt, wie es ist“. Ein weiterer meint, der Film erzähle die Wahrheit über die Lage in westlichen Ländern und zeige, was passieren könne, wenn Regierungen nicht handelten.
Andere Reaktionen sind noch euphorischer. In den ausgewerteten Publikumsstimmen heißt es etwa: „Der beste Film, den ich seit Jahren gesehen habe. Er zeigt, was in Europa und Großbritannien wirklich passiert.“ Ein anderer schreibt: „Die Botschaft allein war jeden Cent wert.“ Wieder ein anderer bringt die Stimmung auf den Punkt: „Citizen Vigilante“ sei „weniger ein Film als ein Statement“.
Viele Zuschauer bewerten nicht nur ein Werk. Sie stimmen einem Gefühl zu: Die Behörden schützen die Falschen. Die Medien schauen weg. Die Bürger sind allein.
Jetzt meldet sich Douglas Murray
Nun hat sich auch Douglas Murray zu Wort gemeldet. Er ist einer der bekanntesten konservativen Publizisten im englischsprachigen Raum, Kolumnist bei The Free Press und Bestsellerautor von sieben Büchern. Bekannt wurde Murray vor allem mit seinem Buch „Der Selbstmord Europas: Immigration, Identität, Islam“. Darin deutet er Masseneinwanderung, Islamisierung und Europas kulturelle Selbstaufgabe als existenzielle Krise. Es ist eine Analyse über sinkende Geburtenraten, unkontrollierte Masseneinwanderung und Europas Unfähigkeit, seine Interessen zu verteidigen.
Murray steht für eine harte Kritik an Masseneinwanderung, Multikulturalismus und westlicher Selbstverleugnung. Gerade deshalb ist seine Reaktion so interessant. Er tut den Film nicht als bloße rechte Panikmache ab. Aber er feiert ihn auch nicht.
Seine Kolumne in The Free Press trägt den Titel: „What Really Makes ,Citizen Vigilante‘ So Dangerous“ – was Citizen Vigilante wirklich so gefährlich macht. Die Unterzeile bringt Murrays Haltung auf den Punkt: Der Film über Migrantenkriminalität klage Europas Eliten zu Recht an – könne aber neben berechtigter Empörung auch maßlose Wut schüren.
Murray nennt ihn „hässlich“
Murray beginnt brutal nüchtern: „Citizen Vigilante“ sei „ein hässlicher Film“. Man könne ihm nicht ausweichen – und solle es auch nicht.
Besonders heikel findet Murray den Schluss. Dort blickt die Hauptfigur direkt in die Kamera und sagt: „Denkt daran: Ich tue das für euch. Bis ihr gelernt habt, es selbst zu tun.“ Danach wird der Film „den Tausenden Vergewaltigungs- und Mordopfern in Europa“ gewidmet, „die von unserem Rechtssystem verraten wurden“. Murray schreibt: Nicht zum ersten Mal habe er dabei das Gesicht verzogen.
Murray beschäftigt sich seit einem Vierteljahrhundert mit Vergewaltigungsbanden und Europas Migrationspolitik, wie er selbst schreibt. Seine Verachtung für Behörden, die solche Verbrechen vertuscht hätten, und für Medien, die weggesehen hätten, sei groß. Doch genau deshalb warnt er. Wenn reale Missstände in Selbstjustiz-Fantasien kippen, kann aus berechtigter Wut etwas Gefährlicheres werden.
Uwe Boll: „Ich will keine Gewalt“
Murray sprach auch mit Regisseur Uwe Boll. Der Deutsche sagte ihm, er habe die illegale Migration in Europa jahrelang beobachtet und die Reaktion der politischen Elite als „Wunschdenken“ empfunden.
Das habe ihn so wütend gemacht, dass er diesen gewalttätigen Vigilante-Film geschrieben habe. Die Menschen bräuchten einen Weckruf, sagte Boll. „Wenn ihr nicht aufwacht, endet es in einem Bürgerkrieg.“
Boll weist aber zurück, selbst Gewalt zu wollen. Sein Satz an Murray: „Ich will keine Gewalt. Ich will strenge Politik.“ Wer mit einer Axt durch eine Stadt laufe, müsse binnen einer Woche außer Landes gebracht werden – nicht erst nach Jahren, Anwälten, Gutachten und teuren Verfahren.
Das ist Bolls Verteidigung: Der Film sei kein Aufruf zur Nachahmung. Er sei eine Warnung. Murray glaubt ihm diesen Punkt nicht vollständig.
Europas Pulverfass
Murray verweist auf den Fall Darren Osborne. Osborne fuhr 2017 mit einem Lieferwagen in eine Gruppe von Muslimen vor der Finsbury-Park-Moschee in London. Ein Mann starb, mehrere wurden verletzt. Im Prozess wurde deutlich, dass Osborne sich nach dem BBC-Drama „Three Girls“ über die Rochdale-Vergewaltigungsbanden rasch radikalisiert hatte.
Murray unterstreicht: Osborne war für seine Tat selbst verantwortlich. Aber der BBC-Film habe ihn zum Handeln angestoßen. Daraus zieht Murray seine Warnung: Großbritannien und Europa seien in vieler Hinsicht ein Pulverfass. Es sei nicht schwer zu erraten, welches Szenario es entzünden könne.
Trotzdem sagt Murray nicht: Der Film muss verboten werden. Er hält das deutsche Vorgehen nicht für richtig. Sein Punkt ist ein anderer: Boll sei zu sorglos, wenn er glaube, sein Film werde nur als Ventil öffentlicher Wut verstanden.
Das Vakuum wird gefüllt
Am Ende wird Murrays Text zu einer Diagnose über Europa. Der Erfolg von Citizen Vigilante zeige einen wichtigen, wenn auch verstörenden kulturellen Moment. Europa habe sich durch die Grenz- und Einwanderungspolitik seiner Politiker verändert. Der politische und kulturelle Mainstream habe sich aber geweigert, die Folgen offen zu behandeln.
Genau daraus entsteht laut Murray das Vakuum, in das nun Filme wie „Citizen Vigilante“ stoßen. Wenn über Migrantenkriminalität, Vergewaltigungsbanden, Messergewalt und Justizversagen nicht offen diskutiert wird, greift irgendwann jemand anderer das Thema auf – drastisch, brutal, geschmacklos oder gefährlich.
Murrays Schlusssatz: „Das Vakuum wird gefüllt werden, geschmackvoll oder anders.“
Der eigentliche Skandal
Kritiker sehen Hetze, Gewalt, rechte Rachefantasien. Viele Zuschauer sehen dagegen endlich ausgesprochen, was sie in Politik und Medien vermissen: die Angst vor Kriminalität, die Wut über milde Urteile, die Entfremdung von Eliten und das Gefühl, dass Bürger mit ihren Sorgen allein gelassen werden.
„Citizen Vigilante“ ist kein subtiler Film. Vielleicht nicht einmal ein guter. Aber er trifft einen Nerv.
Douglas Murray warnt deshalb vor zwei Dingen zugleich: vor dem Wegsehen der Eliten – und vor der Lust an Selbstjustiz. Der Erfolg des Films sei ein Symptom. Wo Politik und Medien reale Konflikte verdrängen, entstehen Gegenbilder. Und je länger das Vakuum bleibt, desto härter wird das, was es füllt.

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