Ein 85-jähriger Priester feiert die Messe. Dann stürmen zwei Islamisten in die Kirche und töten Père Jacques Hamel vor den Besuchern des Gottesdienstes.
Kurz vor dem zehnten Jahrestag des Mordes von Saint-Étienne-du-Rouvray erinnert Frankreich erneut an eines der erschütterndsten Terrorverbrechen der vergangenen Jahre.
Mord während der Messe
Jacques Hamel wurde am 26. Juli 2016 in der Kirche Saint-Étienne in Saint-Étienne-du-Rouvray nahe Rouen ermordet. Zwei junge Islamisten drangen während der Messe in die Kirche ein. Die Täter bekannten sich zum Islamischen Staat. Hamel wurde am Altar getötet, ein weiterer Kirchgänger schwer verletzt.
Der Mord erschütterte Frankreich weit über die katholische Kirche hinaus. Das Land stand damals bereits unter dem Eindruck einer Serie dschihadistischer Anschläge – von Charlie Hebdo über den Bataclan-Terror bis zum Anschlag von Nizza. Der Mord an Hamel war Teil dieser Terrorwelle, die Frankreich tief geprägt hat.
Papst Franziskus nannte ihn Märtyrer
Papst Franziskus fand nach dem Mord deutliche Worte. Er bezeichnete Hamel als Märtyrer und sprach von einem Mann der Brüderlichkeit und des Friedens gesprochen. Töten im Namen Gottes sei „satanisch“, erklärte Franziskus.
Besonders bemerkenswert: Der Papst verzichtete auf die übliche Wartefrist für ein Seligsprechungsverfahren, die normalerweise mindestens fünf Jahre beträgt. Bei Jacques Hamel durfte die Diözese Rouen deutlich früher starten.
11.000 Seiten in Rom
Die diözesane Phase wurde 2019 abgeschlossen. Das Dossier zur Seligsprechung kam danach nach Rom. Es umfasst laut Vatican News 11.000 Seiten, mehr als 100 Kilo Papier, rund 10.000 Arbeitsstunden, 600 transkribierte Predigten und 60 befragte Zeugen.
Damit liegt der Fall nun bei den zuständigen Stellen im Vatikan. Für viele Gläubige ist Hamel längst ein Märtyrer. Offiziell aber läuft sein Weg zur Seligsprechung weiter.
Aus der Kirche wird ein Pilgerort
Heute zieht die Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray immer mehr Besucher an – eine Entwicklung, die mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum registriert wird: Das katholische Portal kath.net berichtete bereits über die wachsende Pilgerbewegung. Laut der französischen Wochenzeitung Famille Chrétienne, über die auch Vatican News berichtete, kommen Schulgruppen, Mitglieder kirchlicher Bewegungen und Priesterbruderschaften – nicht nur aus Nordfrankreich und der Region Paris, sondern sogar aus England und Japan.
Der 92-jährige Mesner, der noch von Jacques Hamel selbst ernannt worden war, berichtet: Früher sei die Kirche oft geschlossen gewesen, heute bleibe sie den ganzen Tag offen.
Besonders eindrücklich: Pilger verehren das beim Angriff entweihte Kreuz und küssen den schlichten Holzaltar, der bis heute Spuren der Messerstiche trägt. In ein Anliegenbuch schreiben Besucher Gebete und Bitten – für kranke Kinder, Freunde oder die eigene Ehe.
Pfarrhaus soll Pilgerzentrum werden
Die Pfarre und das Komitee der Freunde von Père Hamel wollen auch das frühere Pfarrhaus renovieren. Es soll zu einem kleinen Pilgerzentrum werden – mit Informationen über Hamels Leben, einem Film, Glaubenszeugnissen und Raum zum Innehalten.
Alain Quibel, der dem Komitee vorsteht, beschreibt die Entwicklung so: Viele Menschen kämen aus Neugier, reisten aber im Glauben gestärkt wieder ab.
Kein glattgebügelter Heiliger
Der heutige Pfarrer Jacques Simon will Hamel nicht idealisieren. Der ermordete Priester sei betagt gewesen, habe Stimmungsschwankungen gehabt und nicht gerne improvisiert – schon gar nicht in der Liturgie.
Gerade darin zeige sich aber seine Botschaft: die Heiligkeit eines einfachen Alltagslebens und die Spiritualität eines Diözesanpriesters.
Hamel galt als Mann des Friedens. Er setzte sich für ein gutes Verhältnis zu Muslimen in seiner Umgebung ein. Auch deshalb bekommt das Gedenken in Saint-Étienne-du-Rouvray eine besondere Note: Laut Diözese Rouen ist am Vorabend des Jahrestags auch ein Austausch zwischen Muslimen und Katholiken geplant.
Ausstellung und Gedenken in Rouen
Am 25. und 26. Juli wird in der Normandie das offizielle Gedenken an Jacques Hamel stattfinden. In der Kathedrale Notre-Dame de Rouen wurde zudem die Ausstellung „Leben und Dienst von Père Jacques Hamel“ eröffnet, die bis 31. August 2026 zu sehen sein wird. Sieben Schautafeln zeichnen sein Leben nach – seine Familie, seinen Dienst als Diözesanpriester, sein Gebetsleben, seine Nähe zu den Menschen und sein Martyrium –, ergänzt durch eigene Texte Hamels und Fotos.
Vier Männer verurteilt
Juristisch wurde der Fall ebenfalls aufgearbeitet. 2022 wurden in Paris vier Männer wegen terroristischer Verschwörung im Zusammenhang mit dem Mord verurteilt. Die beiden unmittelbaren Täter waren bereits am Tag des Anschlags von der Polizei erschossen worden.
Doch das Gedenken an Jacques Hamel ist längst mehr als ein Rückblick auf ein Gerichtsverfahren. In Frankreich steht sein Name für einen Priester, der bis zuletzt seinen Dienst tat – und für eine Terrorwunde, die Europa bis heute nicht vergessen hat.

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