Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den ihm verliehenen Orden des Weißen Adlers an Polen zurückgeschickt. Zuvor war ihm die höchste polnische Auszeichnung aberkannt worden. Die Entscheidung sorgte auf beiden Seiten für heftige Reaktionen und könnte die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten belasten, berichtet oe24.
Streit um umstrittene Weltkriegshelden
Auslöser der Auseinandersetzung ist eine Entscheidung Selenskyjs vom Mai. Der Präsident verlieh einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrennamen „Helden der UPA“.
Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) gilt in Teilen der Ukraine als Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft und als Bestandteil des Kampfes um nationale Unabhängigkeit. In Polen wird die Organisation hingegen mit den Massakern in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht.
Nach polnischen Angaben wurden zwischen 1943 und 1945 rund 100.000 Polen von ukrainischen Nationalisten getötet. Die Ereignisse zählen bis heute zu den schmerzhaftesten Kapiteln der gemeinsamen Geschichte beider Länder.
Selenskyj reagiert mit Rückgabe des Ordens
Der ukrainische Präsident zeigte sich enttäuscht über die Aberkennung seiner Auszeichnung. Auf der Plattform X erklärte Selenskyj, er habe den Orden stets als Zeichen der Solidarität mit dem ukrainischen Volk und den Streitkräften verstanden.
Deshalb habe er die Auszeichnung nun nach Warschau zurückgesandt. Gleichzeitig betonte er seine Dankbarkeit für die Unterstützung Polens seit Beginn des russischen Angriffskrieges und sprach sich für einen offenen Dialog über historische Fragen aus.
Selenskyj erklärte, unterschiedliche Interpretationen der Vergangenheit dürften nicht dazu führen, die Zusammenarbeit der Gegenwart zu gefährden.
Weitere Spitzenpolitiker ziehen nach
Der Protest beschränkte sich nicht auf den ukrainischen Präsidenten. Auch hochrangige Politiker in Kiew reagierten demonstrativ.
Der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Kyrylo Budanow, kündigte an, seinen polnischen Verdienstorden ebenfalls zurückzugeben. Er bezeichnete die Entscheidung Warschaus als politischen Fehler und warnte davor, dadurch Russland in die Hände zu spielen.
Später schlossen sich auch zwei ehemalige ukrainische Präsidenten dem Protest an. Sowohl Leonid Kutschma als auch Viktor Juschtschenko erklärten, auf ihre polnischen Ehrungen verzichten zu wollen. In Polen versucht die politische Führung inzwischen, die aufgeheizte Debatte zu entschärfen.
Ministerpräsident Donald Tusk appellierte an beide Seiten, besonnen zu handeln. Auch Präsident Karol Nawrocki betonte, dass sich die Aberkennung des Ordens nicht gegen die ukrainische Bevölkerung richte.
Die strategische Partnerschaft mit Kiew stehe weiterhin außer Frage. Dennoch müsse Polen seine historische Sicht auf die Ereignisse von Wolhynien verteidigen.
Geschichte bleibt eine offene Wunde
Der aktuelle Konflikt zeigt, wie unterschiedlich die Erinnerungskultur in beiden Ländern bis heute ausgeprägt ist.
Während die UPA in der Ukraine von vielen Menschen als Freiheitsbewegung betrachtet wird, steht sie in Polen für eines der schwersten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Diese gegensätzlichen Perspektiven sorgen regelmäßig für politische Spannungen.
Historiker weisen seit Jahren darauf hin, dass eine gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit bislang nur teilweise gelungen ist. Der Streit kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Polen gehört seit Beginn des russischen Angriffskrieges zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine und hat Millionen Flüchtlinge aufgenommen.
Gleichzeitig haben Diskussionen über Getreideimporte, wirtschaftliche Interessen und historische Fragen zuletzt für zunehmende Spannungen gesorgt. Auch in der polnischen Bevölkerung ist die Unterstützung für die Ukraine nicht mehr so geschlossen wie in den ersten Kriegsjahren.
Der aktuelle Orden-Streit macht deutlich, dass selbst enge Bündnispartner von historischen Konflikten eingeholt werden können. Beide Regierungen stehen nun vor der Herausforderung, die politischen Beziehungen zu stabilisieren, ohne ihre jeweiligen historischen Positionen aufzugeben.

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