1,9 Millionen Aufrufe für eine falsche Geschichte: „35 Grad im Schatten, nicht nur wir zerfließen grad in Berlin.“ So lautet die Bildunterschrift zu einem TikTok-Video, das am Wochenende viral ging. Zu sehen: eine völlig verformte Verkehrsampel.
Internationale Accounts machten daraus rasch eine große Hitze-Erzählung: „Ampeln beginnen bei extremen Temperaturen zu schmelzen.“ Das Problem: Die Geschichte stimmt nicht.
Focus greift es auf – und lässt den entscheidenden Kontext aus
Auch Focus online berichtete über Videos von „schmelzendem Asphalt und Ampeln“. Im Text hieß es, nach dem Hitzerekord am Wochenende würden Aufnahmen nicht nur Straßen mit bröckelndem und schmelzendem Asphalt zeigen, sondern auch „eine Ampel in Berlin“. Sie solle unter den hohen Temperaturen geschmolzen sein.
Focus relativierte zwar, nicht alle Aufnahmen hätten unabhängig geprüft werden können. Den entscheidenden Kontext ließ die Redaktion aber aus: Genau diese Berliner Ampel wurde nicht durch Sommerhitze verformt, sondern durch Feuer.

Die Spur führt zur „Wilden Renate“
Faktenchecker von Mimikama ordnen das Video einer konkreten Stelle zu: der Kreuzung Markgrafendamm / Alt-Stralau in Berlin-Friedrichshain. Direkt daneben liegt der Technoclub „Wilde Renate“.
Dort brannte es in der Nacht zum 19. Juni 2025. Ein Holzzaun und eine Baracke standen in Flammen. Die Feuerwehr war stundenlang im Einsatz.
Laut rbb24 und B.Z. wurden dabei auch Fahrräder und eine Ampelanlage beschädigt. Die Anlage musste repariert beziehungsweise ausgetauscht werden. Das zuständige Landesunternehmen infraSignal ordnete die Beschädigung laut Tagesspiegel dem Brand am Clubgelände zu – nicht der Sommerhitze.
Andere Ampeln blieben heil
Das erklärt auch einen auffälligen Punkt im Video: Die Nachbarampeln sehen völlig intakt aus.
Wäre die Lufttemperatur schuld gewesen, müsste man erklären, warum ausgerechnet eine einzelne Ampel dahinschmilzt – während alle anderen unversehrt bleiben. Bei einem lokalen Brand ist das logisch. Feuer trifft punktuell. Sommerhitze nicht.
35 Grad reichen schlicht nicht
Auch technisch ist die Hitze-Erzählung nicht haltbar. Berliner Ampelanlagen bestehen aus massivem Kunststoff. Verformungen sind erst bei knapp 100 Grad Celsius möglich.
Eine Ampel schmilzt bei 35 Grad nicht wie ein Eis am Stiel. Auch knapp 40 Grad reichen dafür nicht. Für solche Schäden braucht es lokale Extremhitze. Also etwa: Feuer.
Asphalt ja – Ampel nein
Asphalt ist ein anderer Fall. Straßenbeläge können bei extremer Hitze tatsächlich weich werden, kleben, bröckeln oder sich verformen. Dunkle Fahrbahnen heizen sich stark auf. Unter Verkehrslast können sichtbare Schäden entstehen.
Das gilt aber nicht für Ampeln. Hitze kann Elektronik und Steuergeräte stören. Am Berliner Hitzewochenende waren tatsächlich rund 20 Ampelanlagen ausgefallen. Aber „ausgefallen“ ist nicht „geschmolzen“.
Mailand 2022 lässt grüßen
Das kursierende Material ist nicht nur in Berlin irreführend. Auch eine verformte Ampel aus Mailand taucht seit Jahren immer wieder auf – meist passend zur nächsten Hitzewelle.
Die Aufnahme stammt aus dem Juli 2022. Damals fing ein Motorroller nahe einer Ampel Feuer. Feuerwehr und Polizei bestätigten später gegenüber dem italienischen Faktenchecker Open.online: Nicht die Lufttemperatur hatte die Ampel geschmolzen, sondern der Brand.
Mimikama hat das Muster bereits mehrfach dokumentiert. Es ändert nichts: Bei jeder Hitzewelle taucht das Material neu auf.
Es ist jedes Mal dasselbe. Ein echtes Bild bekommt eine falsche Geschichte. Aus einem Brandschaden wird ein Hitzeschaden, verursacht durch das Klima.

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