Autonome Roboter als zusätzliche Wächter. Eine Initiative mit hebräischem Namen. Ein Investor, der Geschäft, Sicherheit und Solidarität verbindet. Auslöser: der 7. Oktober 2023. Was Raphael Nagel gegen den Judenhass plant, ist so ungewöhnlich wie konkret.
Ein koscherer Gin soll helfen, jüdische Einrichtungen besser zu schützen. Roboter könnten künftig sensible Orte überwachen. Anwälte und Psychologen sollen Betroffenen von Antisemitismus zur Seite stehen.
Klingt ungewöhnlich? Ist es auch. Im exxpress-Studio erklärt Investor Raphael Nagel im Gespräch mit Stefan Beig, wie das zusammenpasst.
Der Gründungspartner der Beteiligungsgesellschaft Tactical Management pendelt zwischen München und Dubai. Was er aus dieser Distanz über Europa beobachtet, ist ernüchternd. Seine These ist hart: Europa hat alles – und verschenkt es.
Europas totes Geld
Vermögen sei reichlich da, sagt Nagel. Nur arbeite es nicht. Die Europäer investieren nicht. „Es liegt sehr viel totes Geld bei den Menschen“, sagt der Investor. Sein Bild dafür: Schließfächer voller Bargeld, das niemandem Wohlstand bringt. In Gelsenkirchen, rechnet er vor, seien in rund 3.000 Fächern stolze 500 Millionen Euro zusammengekommen.
Geld müsse zirkulieren, sonst entstehe Armut. Während die USA Milliarden ins Silicon Valley pumpten und selbst Israel trotz Krieg investiere, fehle es im deutschsprachigen Raum an Mut zum Unternehmertum – und an staatlichen Anreizen. Darum geht es auch in seinem Buch: „Warum Europa alles hat und trotzdem verliert“.
Der Schock einer Nacht
Auslöser für Nagels Engagement gegen Antisemitismus war der 7. Oktober 2023. „Es war kaum zu fassen – dieses Ausmaß und die exzessive Gewalt“, sagt Nagel über das Massaker der Hamas-Terroristen.
Was danach kam, traf ihn fast genauso: eine Welle des Hasses. Aktuelle Zahlen stützen Nagels Eindruck. In Spanien stieg die Zahl dokumentierter antisemitischer Vorfälle bis 2024 um 321 Prozent – der steilste Anstieg Westeuropas (Observatorio de Antisemitismo). Auch in Österreich erreichte die Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien mit 1.532 Vorfällen im Jahr 2025 den höchsten Wert seit Beginn der Erfassung – ein Plus von 33 Prozent.
Wie tief das Problem sitzt, zeigen auch EU-Daten: Laut der Grundrechteagentur FRA betrachten 84 Prozent der befragten Juden Antisemitismus in ihrem Land als großes Problem, 91 Prozent sehen ihn im Internet und in sozialen Medien als großes Problem. 76 Prozent verstecken zumindest gelegentlich ihre jüdische Identität, 34 Prozent meiden jüdische Veranstaltungen oder Orte aus Sicherheitsgründen.
Besonders bitter sei, wen es treffe. Oft jüdische Kinder in der Schule – selbst wenn sie gar keinen Bezug zu Israel haben.
„Erst der Jude, dann die Demokratie“
Antisemitismus ist für Nagel nichts Neues. Den gebe es seit mehr als 2000 Jahren. Neu sei nur die Wucht. Das Muster dahinter aber sei dasselbe wie eh und je. „Es geht häufig mit dem Juden los und endet bei unserer Demokratie. Dazwischen liegen die anderen Minderheiten.“
Einzelnen Gruppen gibt der studierte Jurist bewusst nicht die Schuld. Oft seien es junge Menschen mit „einer zu vereinfachten Botschaft“ – befeuert von schnellen Antworten aus Social Media und KI.
Seine Gegenstrategie heißt Bildung. Dazu hat er ein Buch geschrieben: „Antisemitismus – Ursprung, Entwicklung und globale Schutzmechanismen“. Gewidmet ist es seiner Urgroßmutter, die im Holocaust Angehörige verlor. Die Widmung lautet: „Für meine Urgroßmutter – für das, was sie ertragen musste, ohne es in Worte fassen zu können.“
Eine Angel statt eines Fisches
Spenden allein reichen Nagel nicht. „Man darf der Synagoge nicht nur täglich einen Fisch geben“, sagt er. „Man muss ihr eine Angel geben.“
Diese Angel heißt HAGANAH – hebräisch für „Verteidigung“. Koordiniert wird die Initiative von Jabad Barcelona (Casa Jabad). Sie richtet sich an jüdische und israelische Unternehmer. Und an Studenten und Universitätsangehörige, die zunehmend unter Druck geraten.
Das Projekt ruht auf vier Bausteinen. Es gibt eine Anlaufstelle per Telefon und E-Mail, vertraulich oder öffentlich. Wer sich meldet, bekommt rechtliche Hilfe durch Anwälte und Juristen aus der Gemeinschaft und emotionale Unterstützung durch Psychologen und freiwillige Fachkräfte. Und es soll abschrecken: durch konsequente rechtliche Schritte gegen die Täter.
Eines ist Nagel wichtig: keine Bürgerwehr. Es geht um die Einhaltung der Rechtsordnung. Im Notfall helfe man auch Menschen anderer Konfessionen.
Auf Unabhängigkeit legt das Projekt Wert: Laut Nagels Buch darf kein einzelner Spender mehr als 20 Prozent des Jahresbudgets beisteuern. Ein Forum aus Spendern und Freiwilligen soll als Board fungieren – zuständig für strategische Aufsicht, Ziele und die Weiterentwicklung des Projekts.
Ein Gin mit Kaiser-Geschichte
Unterstützt werden soll das Projekt auch über ein überraschendes Produkt: TANNENBLUT, einen koscher zertifizierten Black-Forest-Gin.
Der Name hat Geschichte. Er geht auf Jakob Ferdinand Nagel zurück. Der holte 1873 auf der Wiener Weltausstellung eine Goldmedaille – damals noch unter Kaiser Franz Joseph.
Die erste Serie heißt Bereshit – „Im Anfang“, das erste Wort der Tora. Auflage: 3.000 einzeln nummerierte Flaschen. Einstiegspreis: 149 Euro.

Ein eigenes Finanzierungsmodell?
Nach oben ist die Spanne gewaltig. Der Anbieter ordnet die Flaschen nach einer „Sammlerpyramide“ – mit symbolträchtigen Nummern auf den oberen Stufen. An der Spitze steht Flasche Nr. 770, „The Rebbe“, reserviert für Institutionen und große Förderer: 77.000 Euro.
Nagel will mit dem Produkt langfristig auch Schutzmaßnahmen jüdischer Einrichtungen mitfinanzieren. Einzelne Flaschen sollen für den guten Zweck versteigert werden.
Sein Kalkül: Koscherer Alkohol sei ein wachsender Markt. Durch die Begrenzung der Auflage könne jede ungeöffnete Flasche auch Sammlerwert entwickeln.
Das Positionierungspapier selbst nennt die Risiken: Ein Sammlermarkt baut sich über Jahre auf, eine Rendite ist nicht garantiert, auch Lagerung und spätere Verkäuflichkeit sind heikel. Zu haben ist die Edition unter tannenblut.co.

Roboter als zusätzliche Wächter
Den konkretesten Schutz aber sollen Maschinen liefern. Nagels Unternehmen Quarero Robotics baut autonome Sicherheitsroboter, die Gelände selbstständig abfahren und überwachen – gedacht auch für gefährdete jüdische Einrichtungen.
Vermietet werden die Roboter als „Robotics-as-a-Service“, ab rund 3.500 Euro im Monat, ohne Kauf. Gegründet wurde die Firma 2021 in der Schweiz; ihren Entwicklungs- und Betriebsstandort hat sie seit Ende 2025 in Filderstadt bei Stuttgart.
Das eigentliche Einsatzfeld des Patrouillenroboters QR-2 ist bislang kritische Infrastruktur: Umspannwerke, Wasseranlagen, Industrie, Logistik. Hintergrund sind auch neue Sicherheits- und Resilienzpflichten für solche Anlagen, etwa durch die KRITIS- und NIS-2-Regeln.

Bei Synagogen, Kindergärten oder Schulen kämen die Roboter erst perspektivisch zum Einsatz, sagt Nagel im Interview – sofern Datenschutz und Rechtslage das zulassen.
Sein Argument: Sicherheitsdienste kämpfen mit hoher Fluktuation und niedrigen Margen. Roboter seien kein Ersatz für Menschen, sondern „ein Komplement, eine Zusatzleistung“.
Europa müsse endlich wieder in eigene Sicherheitstechnologie investieren, fordert Nagel.
Reden, früh anfangen
Zum Schluss wird der Investor konkret. Sein Mittel gegen Judenhass ist kein Verbot und keine Mahnung, sondern eine Kulturtechnik: das offene Gespräch.
Im Judentum, sagt Nagel, sei die Diskussion zentral. „Tun sich drei Juden zusammen, bekommt man fünf Meinungen.“ Genau diesen Respekt vor Widerspruch könne Europa gebrauchen.
Sein Vorschlag ist praktisch: Begegnung statt Feindbild. Anfangen müsse das früh – schon in der Schule, wo Kinder lernen sollten, was Religionen verbindet, statt was sie trennt. Als Vorbild auf größerer Bühne nennt er die Abraham Accords und damit verbunden die Annäherung zwischen Golfstaaten und Israel: Wo Menschen wirtschaftlich und kulturell zusammenarbeiten, sinke das Misstrauen.
„In jeder Krise liegt auch die Chance auf einen Neustart.“
Für Nagel ist Antisemitismus ohnehin mehr als ein Minderheitenthema. Er sei ein Warnsignal für die ganze Gesellschaft. Der Schutz jüdischen Lebens, sagt er, sei deshalb keine rein jüdische Angelegenheit.
Die Fakten im Überblick
- Zur Initiative HAGANAH:
Sie ist ein Schutz- und Unterstützungsnetzwerk für jüdische und israelische Gemeinschaften, gegründet als Reaktion auf den Anstieg antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023. Koordiniert wird sie von Jabad Barcelona (Casa Jabad). Sie richtet sich an jüdische und israelische Unternehmer sowie an Studierende und Universitätsangehörige und ruht auf vier Bausteinen: einer Anlaufstelle, rechtlicher Unterstützung, psychologischer und emotionaler Hilfe sowie aktiver Abschreckung. Getragen wird sie von Anwälten, Psychologen, Gemeindeführungen und einem Board aus Spendern und Freiwilligen. - Zum Gin TANNENBLUT:
Die Bereshit-Serie ist ein koscher zertifizierter Black-Forest-Gin der JFN Spirituosen Hamburg GmbH. Der Name „Bereshit” bedeutet „Im Anfang”, das erste Wort der Tora; benannt ist das Produkt nach Jakob Ferdinand Nagel, der 1873 auf der Wiener Weltausstellung eine Goldmedaille erhielt. Die Auflage ist auf 3.000 einzeln nummerierte Flaschen begrenzt, eine Neuauflage ist nicht geplant. Positioniert wird sie als Sammlerobjekt mit Solidaritätskomponente, gestaffelt von 149 bis 77.000 Euro (Flasche Nr. 770 „The Rebbe”). Der Erlös soll langfristig auch Schutzmaßnahmen jüdischer Einrichtungen mitfinanzieren. Wichtig: keine garantierte Rendite, begrenzte Liquidität, Lagerungsrisiken. Bezug: tannenblut.co

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