Als Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) Ende April in Kronstorf den Spatenstich für Googles erstes Rechenzentrum in Österreich feierte, ließ er extra einen „Googlhupf” backen. Von einem „starken Signal für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Oberösterreich” war die Rede, von 100 Arbeitsplätzen, Milliardeninvestment und Zukunftstechnologie. Knapp drei Monate später ist von der Feierstimmung wenig übrig. Rund um die Serverstadt an der Enns tobt inzwischen ein handfester Streit – und kaum jemand versteht mehr, worum es dabei eigentlich genau geht.

Der Auslöser: Kaum liefen die Bagger, reichte Google Anfang Juli den Vollausbau des gesamten 50-Hektar-Areals zur Genehmigung ein. Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner (ÖVP) bestätigte, dass der neue Antrag den kompletten Campus umfasst – „wesentlich größer als die bisher genehmigte erste Baustufe”. Aus einem überschaubaren Projekt wurde über Nacht einer der größten Google-Standorte weltweit. Und mit der Dimension explodierte die Debatte.

Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) am Donnerstag, 23. April 2026, anl. eines Spatenstichs im Rahmen einer PK Land Oberösterreich
Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) am Donnerstag, 23. April 2026, anl. eines Spatenstichs im Rahmen einer PK Land Oberösterreich "Google-Rechenzentrum in Kronstorf" in Kronstorf.

Der große Streitpunkt: Wie viel Strom schluckt der Gigant?

Im Zentrum steht eine Zahl, auf die sich niemand einigen kann. Die Netz Oberösterreich rechnete der APA vor, dass allein die erste Ausbaustufe auf bis zu 1,3 Terawattstunden (TWh) im Jahr kommen dürfte – so viel wie 375.000 Haushalte. Beim Vollausbau mit 500 Megawatt Spitzenleistung wären es demnach bis zu 4,4 TWh, fast ein Drittel dessen, was ganz Oberösterreich 2024 laut Energiebericht verbraucht hat.

Genau diese Alarmzahl bestreitet die Landespolitik. Achleitner trat den hohen Schätzungen entgegen: Selbst der Gesamtausbau benötige „weniger als die Hälfte” jener Energiemengen, die teilweise genannt worden seien. Andere Prognosen bewegen sich zwischen 1,5 und 3,5 TWh – der Übertragungsnetzbetreiber APG schätzte zwischenzeitlich sogar das Niveau von 900.000 Haushalten. Google selbst hält sich bedeckt und äußert sich zum erwarteten Jahresverbrauch nicht. Nur so viel ließ der Konzern durchblicken: Ein früher kursierender Wert von 1.000 MW sei „fälschlicherweise kommuniziert” worden.

Für Entwarnung sorgt ausgerechnet die Regulierungsbehörde. E-Control-Vorstand Alfons Haber sieht auch im Endausbau mit 500 MW kein Problem für die Stromversorgung: Großverbraucher dieser Größe seien in den Szenarien bis 2030 bereits berücksichtigt, auch das Ziel von bilanziell 100 Prozent Ökostrom sei nicht gefährdet. Zur Einordnung: Google ist nicht allein. Der neue Elektro-Hochofen der voestalpine braucht laut Unternehmen „weit über 100 MW”, die OMV-Elektrolyse in Bruck an der Leitha liegt bei 140 MW. APG-Chef Gerhard Christiner sieht darin laut „Salzburger Nachrichten” sogar einen volkswirtschaftlichen Vorteil, weil sich die ohnehin nötigen Netz-Milliarden auf mehr Abnehmer verteilen.

Der wunde Punkt: Woher kommt der Strom

Damit rückt weniger der Verbrauch als die Versorgung ins Zentrum. Um einen Abnehmer dieser Dimension überhaupt anzuschließen, braucht es laut Netzbetreibern einen neuen 220-kV-Versorgungsring und den Ausbau der Umspannwerke zwischen Ernsthofen und Kronstorf – und das in einem Bundesland, das durch die Voest-Elektrifizierung und den Wegfall des russischen Gases ohnehin unter Druck steht. Die entscheidende Frage lautet also nicht nur, wie viel Strom Google zieht, sondern woher dieser Strom künftig kommen soll. SPÖ-Landesrat Martin Winkler fordert deshalb einen massiven Ausbau von Hybridkraftwerken, Speichern und Pumpspeichern. Achleitner verweist darauf, dass in Oberösterreich bereits 64 Windkraftanlagen in Genehmigungsverfahren seien und in Ebensee ein Pumpspeicherkraftwerk mit 170 MW entstehe.

UVP-Streit: Für das Windrad ja, für die Serverhalle nicht

Der zweite große Konfliktpunkt: Für das Milliardenprojekt ist keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nötig. SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr will das in die laufende UVP-Novelle einbringen und formuliert es zugespitzt: „Es kann nicht sein, dass kleine Windkraftprojekte streng auf ihre Umweltwirkung geprüft werden, während riesige Server-Hallen auf der grünen Wiese ohne Überprüfung auskommen können.” Der grüne Landesrat Stefan Kaineder, in dessen Ressort die UVP-Behörde fällt, hält den Standort für „mehr als problematisch” und kritisiert die Verbauung von „fruchtbarstem Ackerland”. Unterstützung kommt von Global 2000, WWF, Greenpeace und der Umweltorganisation VIRUS, die eine UVP-Pflicht für große Rechenzentren fordern.

Von der ÖVP kommt ein klares Nein. Eine pauschale UVP-Pflicht sei „der falsche Weg”, so Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner: „Wir können nicht mehr europäische Souveränität bei KI fordern und gleichzeitig jene Infrastruktur durch immer neue Hürden ausbremsen, auf der sie beruht.”

Wasser aus der Enns: Fischsterben oder vernachlässigbar?

Auch beim Kühlwasser prallen die Darstellungen aufeinander. Kritiker warnen, dass täglich bis zu 5,8 Millionen Liter bis zu 30 Grad warmes Wasser in die Enns geleitet werden könnten – zu heiß für einen Fluss, der laut „Wiener Zeitung” Anfang Juli bereits 21 Grad hatte. Google hält dagegen: Laut dem Gutachten der wasserrechtlichen Bewilligung sei die Auswirkung von den Amtssachverständigen als „vernachlässigbar” eingestuft worden. Achleitner beziffert die Erwärmung der Enns mit „unter 0,005 Grad”.

emonstration der
emonstration der "Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf" mit dem Titel "Digitalisierung braucht Demokratie" am Freitag, 17. Juli 2026, an der Baustelle des Google-Rechenzentrums in Kronstorf.

Die Bürgerinitiative wittert ein abgekartetes Spiel

Vor Ort formiert sich der Widerstand. Bei einer Kundgebung an der Baustelle demonstrierten Mitte Juli laut Veranstalter 300 bis 400 Menschen. Die „Bürgerinneninitiative Rechenzentrum Kronstorf” fordert die Offenlegung aller Verträge zwischen Politik und Konzern sowie ehrliche Gesamtprüfungen zu Lärm, Verkehr und Netzsicherheit. Ihr Sprecher Harald Müllner ärgert, dass sich die Landespolitik oft bedeckt halte, während die Dinge längst durchgezogen würden. Sein zugespitztes Urteil im Gespräch mit „MOMENT.at”: „Es wird null Wertschöpfung geben in Österreich” – Gewinne und Steuern wanderten ohnehin ins Ausland.

Was bleibt für die Region? Die Wertschöpfungs-Frage

Dem halten die Befürworter handfeste Zahlen entgegen. Bürgermeister Christian Kolarik (ÖVP) betont, der Bau mache sich schon jetzt „positiv in den Gemeindebilanzen bemerkbar” – Steuerzuckerl erhalte der Konzern keine, versichert er laut „Wiener Zeitung”, Google zahle den üblichen Kommunalsteuersatz von drei Prozent. Rückenwind kommt vom wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria, der den Kritikern „ein paar Zahlen gegen die Hysterie” entgegenhält: Google zahle sehr wohl in Österreich Steuern – zusätzlich zur Kommunalsteuer falle wegen des hohen Stromverbrauchs eine „stattliche Netzgebühr” an, und weil das Rechenzentrum von der österreichischen Tochter Volo Zwei GmbH gebaut werde, komme auch Körperschaftssteuer hinzu. Beim Wasser relativiert der Thinktank ebenfalls: Google leite maximal 99 Liter pro Sekunde ab, während die Enns mehr als 200.000 Liter pro Sekunde führe – jährlich nutze das Zentrum maximal 2,1 Millionen Kubikmeter, „die voestalpine braucht so viel in einem Monat”. Auch beim Strom sieht Agenda Austria keinen Grund zur Panik: Der Verbrauch der ersten Ausbaustufe von 1,31 TWh entspreche „knapp weniger als zehn Prozent des oberösterreichischen Gesamtverbrauchs”, und selbst beim Anstieg auf bis zu 4,4 TWh rechne die E-Control „nicht mit Problemen”. Das schärfste Argument des Thinktanks zielt aber auf den Standort selbst: Ein seit fast 20 Jahren geplantes Projekt jetzt mit Rufen nach Gesetzesänderungen zu bremsen, sende „ein fatales Signal für den Wirtschaftsstandort” – Unternehmen bräuchten Verlässlichkeit, um Großinvestitionen zu finanzieren.

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