Der Zyklon tötete die Hühner und Enten einer Familie in Bangladesch. Daraufhin verheiratete die verwitwete Mutter ihre 15-jährige Tochter mit einem fremden Mann. Die drei Brüder blieben bei der Mutter. Für Australiens öffentlich-rechtlichen Rundfunk ABC führt die entscheidende Spur in die Atmosphäre.
ABC entdeckt einen neuen Klimaschaden
„Der Klimawandel wird in Asien und im Pazifikraum zu einem wichtigen Treiber von Kinderehen“, titelt der Bericht.
ABC ist Australiens nationaler öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Nach eigenen Angaben erreicht der Sender über Fernsehen und seinen Streamingdienst jede Woche 12,5 Millionen Menschen. Die Botschaft erreicht somit ein Millionenpublikum. Sie lautet: Der Klimawandel lässt Mädchen früher heiraten.
Die Tochter geht, die Söhne bleiben
Im Mittelpunkt des ABC-Berichts steht Runa aus einem Camp in Cox’s Bazar. Sie war 15 Jahre alt, als der Zyklon Remal die Tiere ihrer Familie tötete. Hühner und Enten hatten Nahrung und Einkommen geliefert.
Runas Vater war ein Jahr zuvor gestorben. Ihre Mutter verlor nach dem Sturm zusätzlich mehrere Wochen Arbeit. Sie konnte Runa und deren drei Brüder nicht mehr ernähren. „Sie hatte das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als meine Heirat zu arrangieren“, berichtet Runa.
Runa musste die Schule abbrechen. Kurz darauf wurde sie selbst Mutter. ABC zufolge sollen allein in diesem Jahr weltweit zwölf Millionen Mädchen zu Kinderbräuten werden. In Bangladesch werde mehr als die Hälfte vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet.
Ein erschütterndes Schicksal. Nur: Was genau hat der Zyklon entschieden? Er zerstörte die Lebensgrundlage der Familie. Er bestimmte aber nicht, dass die 15-jährige Tochter gehen musste – und nicht einer ihrer drei Brüder.
Der entscheidende Satz steht bei ABC
Die eigentliche Antwort liefert ABC selbst. „Finanzieller Druck ist der Auslöser“, erklärt Tanushree Soni von Plan International. Viele Familien betrachteten Mädchen nicht als Teil der eigenen Familie, sondern bereits als Teil der Familie ihres künftigen Ehemanns. Deshalb könnten sie es sich nicht leisten, in ihre Töchter zu investieren.
Die Katastrophe erzeugt Armut. Die gesellschaftliche Norm erklärt das Mädchen zur entbehrlichen Belastung. Der Zyklon tötete die Hühner. Menschen verheirateten die Tochter.
Trotzdem landet das Klima in der Schlagzeile
ABC verweist auf Hilfsorganisationen, denen zufolge die Zahl der Kinderehen in Bangladesch nach Naturkatastrophen um bis zu 39 Prozent steigen könne. Ein starkes El Niño könnte die Gefahr weiter erhöhen.
Der Artikel räumt sogar ein, dass Kinderehen mit Geschlechterungleichheit, Familienehre, Mitgift, Armut und gesellschaftlichen Normen zusammenhängen.
In der großen Überschrift steht dennoch das Klima. Es sei mittlerweile ein „führender Faktor“ für häufigere und frühere Eheschließungen. Familienväter, religiöse Autoritäten, Ehegesetze und die Vorstellung vom geringeren Wert der Tochter treten dagegen in den Hintergrund. Schließlich haben sie keinen CO₂-Ausstoß.
Die Studie ist vorsichtiger als der Sender
ABC beruft sich auf Forschung von Plan International und der University of Technology Sydney. Die öffentlich zugängliche Kurzfassung beruht auf einer qualitativen Untersuchung mit 392 Teilnehmern in Bangladesch, Nepal und auf den Salomonen. Befragt wurden Mädchen, Buben, Eltern und Gemeindeführer.
Näher besehen ist die Studie aber präziser als die Schlagzeile von ABC: Sie nennt ausdrücklich „ungleiche Geschlechternormen und Erwartungen“ als Fundament von Kinderehen. Mädchenbildung werde weniger geschätzt als die Bildung von Buben. Diese Normen würden insbesondere von Vätern und Brüdern aufrechterhalten. Auch religiöse und familiäre Autoritäten beeinflussten die Eltern.
Der Studie zufolge verschärfen Klimaereignisse vor allem bereits bestehende Benachteiligungen. ABC dreht die Blickrichtung um.
Erst die Diagnose, dann die Geldforderung
Am Ende folgt der politische Nutzen der Klimadiagnose: Hilfsorganisationen fordern, mehr Mittel gegen Kinderehen in Klima- und Katastrophenprogramme zu lenken. Die australische Regierung stellt Klima und Geschlechtergleichstellung bereits ins Zentrum ihrer Entwicklungshilfe.
Sie finanzierte auch die Untersuchung. Hilfsorganisationen liefern die Diagnose, ABC verbreitet sie – und anschließend verlangen dieselben Organisationen mehr Geld für passende Programme. Auch Kreisläufe können klimaresilient sein.
Gad Saad liefert die Pointe
Der kanadische Autor und Verhaltensforscher Gad Saad von der Concordia University reagierte mit einem wenige Minuten langen Video. Darin ordnet er den ABC-Beitrag seinem sogenannten „Ostrich Parasitic Syndrome“ zu – dem Straußen-Parasiten-Syndrom.
Damit bezeichnet Saad die Neigung, eine offenkundige kulturelle oder ideologische Realität mit immer längeren Ersatzkausalitäten zu umgehen.
Kinderehen in islamisch geprägten Gesellschaften seien nun offenbar ebenfalls auf den Klimawandel zurückzuführen, spottet er. Saad verweist auf einen bedeutsamen Präzedenzfall der klassischen sunnitischen Überlieferung und dessen Wirkung auf Teile der islamischen Rechtslehre. In Sahih al-Bukhari – einer der wichtigsten Hadith-Sammlungen – heißt es, der Prophet Mohammed habe Aisha im Alter von sechs Jahren geheiratet und die Ehe vollzogen, als sie neun war.
Diese religiös und rechtlich folgenreiche Überlieferung habe nach der neuen Logik offenbar wenig mit Kinderehen zu tun. „Es liegt am Klimawandel“, schließt Saad. „Viel Glück euch allen.“
Schon der Terror von Paris führte zum Klima
Für Saad ist das Muster nicht neu. Bereits 2015 hatte der US-Fernsehmoderator Bill Nye eine Verbindung zwischen syrischem Wetter und den islamistischen Anschlägen in Paris hergestellt.
Wassermangel habe kleine und mittlere Bauern gezwungen, ihre Höfe zu verlassen, erklärte Nye. Junge Männer seien in die Städte gezogen, hätten dort keine Arbeit gefunden und seien deshalb leichter von Terrororganisationen zu rekrutieren gewesen. Am Ende landeten sie „in Paris und erschossen Menschen“.
Es sei daher „sehr vernünftig“, die damaligen Ereignisse in Paris als Folge des Klimawandels zu betrachten, meinte Nye. Vom fehlenden Regen über den arbeitslosen Jugendlichen zum islamistischen Massenmörder: Mit genügend Zwischenschritten führt offenbar jede Spur zum Klima. Nun also auch die vom Zyklon zum Ehemann einer 15-Jährigen.
So verschwindet die menschliche Entscheidung hinter dem Wetter. Die kulturelle Norm wird zur Klimafolge. Und aus einer Gesellschaftsordnung, in der ein 15-jähriges Mädchen verheiratet wird, wird beinahe ein weiteres Opfer der Erderwärmung.

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