Von den 1.532 registrierten antisemitischen Vorfällen im vergangenen Jahr wurden 433 Fälle dem linken Spektrum zugeordnet. Das entspricht 28,3 Prozent. Dahinter folgen 375 Fälle mit muslimischem Hintergrund (24,5 Prozent) und 308 Fälle aus dem rechten Spektrum (20,1 Prozent). 416 Fälle waren nicht zuordenbar.

Linker Antisemitismus ist in Österreich damit kein Randphänomen mehr. Bei den ideologisch eindeutig zuordenbaren Fällen liegt er 2025 vorne und hat den muslimischen Antisemitismus, der 2024 noch an erster Stelle lag, überholt. Besonders stark zeigt er sich dort, wo es nicht bloß um spontane Entgleisungen geht.

433 antisemitische Fälle werden dem linken Spektrum zugeordnet.
433 antisemitische Fälle werden dem linken Spektrum zugeordnet.

Massenzuschriften: Jeder zweite Fall von links

Bei den Massenzuschriften ist der Befund besonders klar. Von 439 Fällen wurden 219 dem linken Spektrum zugerechnet. Das ist exakt die Hälfte.

Zum Vergleich: „Nur“ 114 Fälle hatten einen muslimischen Hintergrund. 68 Fälle wurden rechts eingeordnet. 38 Fälle waren nicht zuordenbar. Massenzuschriften entstehen häufig im Umfeld politischer Kampagnen und organisierter Empörung. Sie richten sich gegen jüdische Personen und Institutionen – und erzeugen gezielt Druck.

Auch bei den gezielten Sachbeschädigungen liegt links vorne. Von 205 Fällen entfielen 92 auf das linke Spektrum. 50 wurden rechts eingeordnet, 7 hatten einen muslimischen Hintergrund. Solche Sachbeschädigungen richten sich meist gegen symbolträchtige Orte, Plakate, Gedenkstätten, jüdische Einrichtungen oder mit Israel verbundene Zeichen.

Israelhass als Tarnung

Laut IKG betrafen 77,4 Prozent der Vorfälle 2025 israelbezogenen Antisemitismus. Das passt zu den Beobachtungen des österreichischen Verfassungsschutzes. Ihm zufolge ist in der linksextremen Szene vor allem der antizionistische Antisemitismus anzutreffen. Er verwischt die Grenze zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und Dämonisierung des jüdischen Staates. Kampf gegen Zionismus, Kapitalismus, Imperialismus – in dieser Logik fällt alles zusammen. Im Namen einer angeblichen Solidarität mit den Palästinensern wird Israel zum universellen Feindbild.

Dar al Janub im Fokus

Ein besonders heikler Fall ist der Wiener Verein Dar al Janub. Die Dokumentationsstelle Politischer Islam beschrieb ihn 2023 als Beispiel dafür, wie islamistische und linksextreme Positionen ineinandergreifen können. Im Rahmen postkolonialer Debatten würden dabei auch antisemitische Ressentiments verbreitet.

Laut Dokumentationsstelle teilten Aktivisten des Vereins zudem Botschaften der palästinensischen Terrororganisation Hamas.

Deutschland warnt ebenfalls

Auch der deutsche Verfassungsschutz widmet sich diesem gefährlichen Trend. Im Verfassungsschutzbericht 2024 gibt es ein eigenes Kapitel zu Antisemitismus und Israelfeindschaft im Linksextremismus.

Demnach vertreten viele Linksextremisten israelfeindliche Positionen, die sich oft aus antiimperialistischer Denkweise speisen. Israel erscheint dann als verlängerter Arm der USA oder als imperialistischer Staat.

Der Bericht warnt auch vor dogmatischen und antiimperialistischen Linksextremisten, die propalästinensische Debatten und Demonstrationen ideologisch beeinflussen wollen. Es geht also nicht nur um Parolen. Es geht um Milieus mit Deutungsmacht und Kampagnenfähigkeit.

Alter Hass in neuer Sprache

Der neue linke Antisemitismus unterscheidet sich vom rechten Antisemitismus in Sprache und Begründung. Er tritt selten mit Hakenkreuz, Rassenwahn und offenem Judenhass auf. Er arbeitet mit den Umdeutungen des Postkolonialismus.

Aus Juden werden „weiß Gewordene“. Aus Israel wird ein westliches Kolonialprojekt. Aus Zionismus wird Rassismus. Aus jüdischer Selbstverteidigung wird Imperialismus.

Weiß heißt privilegiert

Im postkolonialen Raster wird die Welt häufig in „weiß“ und „nicht-weiß“ sortiert. „Weiß“ bedeutet dabei nicht nur Hautfarbe. Es steht für Macht, Privileg, Kolonialismus, westliche Dominanz und Herrschaft.

„Nicht-weiß“ steht für Unterdrückung, Opferstatus und moralischen Anspruch. Genau hier beginnt die Umdeutung: Juden werden nicht mehr als bedrohte Minderheit gesehen, sondern als Teil, wenn nicht Speerspitze eines weißen westlichen Machtblocks.

Juden als „weiß geworden“

Die kanadisch-US-amerikanische Anthropologin Karen Brodkin vertritt die einflussreiche These, Juden seien in den USA nach 1945 gesellschaftlich „weiß geworden“. Gemeint ist ein sozialer Aufstieg: Aus einer ehemals diskriminierten Minderheit sei eine Gruppe geworden, die Zugang zu weißem Privileg erhalten habe.

Gemäß dieser Sichtweise erscheint heutiger Antisemitismus kaum noch als Antisemitismus, weil Juden angeblich nicht mehr zu den Unterdrückten zählen. Damit aber kehrt der alte Judenhass durch die Hintertür zurück – in neuer Sprache. Denn sein Kern war nie bloß Hass auf arme, ausgegrenzte oder zugewanderte Juden, sondern der Wahn von jüdischer Übermacht.

Der Denkfehler

Antisemitismus funktioniert nicht wie gewöhnlicher Rassismus gegen angeblich „Schwächere“. Der Antisemit sieht Juden – vor wie nach 1945 – nicht primär als unterlegen, sondern als übermächtig.

Der Jude erscheint in antisemitischen Weltbildern als Drahtzieher, Profiteur, Strippenzieher, Lenker von Geld, Medien, Politik und Moral. Erfolg schützt daher nicht vor Antisemitismus. Er kann im antisemitischen Denken sogar als angeblicher „Beweis“ jüdischer Macht gelesen werden.

Genau das übersieht das simple Weiß-Schwarz-Schema linker Postkolonialisten. Es erklärt Juden zu „privilegiert“ – und macht sie damit als Opfer unsichtbar.

Israel als weißer Täterstaat

Aus diesem Schema entsteht der radikale Antizionismus der Gegenwart. Israel gilt dann nicht mehr als jüdischer Schutzstaat nach Pogromen, Vertreibung und Shoah. Es erscheint als „weißer“, westlicher, kolonialer Täterstaat.

Der Zionismus wird nicht als nationale Selbstrettung eines verfolgten Volkes verstanden, sondern als koloniale Expansion. Übrig bleibt ein einfaches Bild: hier die kolonialen Täter, dort die unterdrückten Opfer.

Sowjetische Formeln, neue Begriffe

Diese postkoloniale Umdeutung hat eine Vorgeschichte. Im sowjetischen Antizionismus wurde aus dem Juden der „Zionist“. Zionismus galt als Waffe des Imperialismus. Israel wurde als Agent der USA und als Stützpunkt westlicher Macht diffamiert.

In postkolonialen Milieus kehrt diese Logik in neuer Sprache wieder. Israel wird nicht als konkreter Staat in einem konkreten Konflikt analysiert, sondern als Symbol eines globalen Unterdrückungssystems.

Wenn Opfer nicht mehr zählen

Dieses Weltbild bleibt nicht folgenlos. Die linke israelische Soziologin Eva Illouz, selbst scharfe Kritikerin israelischer Regierungen, beschreibt einen „Empathie-Boykott“, der nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sichtbar wurde.

Mitleid werde nicht mehr universell gewährt, sondern politisch verteilt. Wer als „unterdrückt“ gilt, verdient Empathie. Wer als „weiß“, „privilegiert“ oder „kolonial“ codiert wird, fällt aus dem Kreis der Leidensfähigen heraus.

So konnte das Hamas-Massaker in Teilen progressiver Milieus nicht als Angriff auf Juden erscheinen, sondern als „Widerstand“ gegen einen angeblichen Kolonialstaat. Jüdische Opfer wurden in diesem Raster nicht mehr als Opfer eingeordnet, sondern als Teil eines Machtblocks.

Die linke Gegenkritik

Auch der britische Soziologe David Hirsh, selbst aus dem linken Spektrum kommend, warnt seit Jahren vor diesem Mechanismus. Aus Antizionismus werde eine Erzählung, in der Israel und Juden als mächtiges, vernetztes Kollektiv erscheinen.

Wer diesen Antisemitismus benennt, gilt dann selbst als verdächtig. Der Vorwurf des Antisemitismus wird als angebliche „Waffe“ der Zionisten abgetan. Damit wird der Antisemitismusvorwurf selbst diffamiert: nicht als Warnung vor Judenhass, sondern als angebliches Machtinstrument jüdischer oder zionistischer Interessen.

Alte Muster, neues Gewand

Eine sich radikalisierende Linke unterscheidet immer seltener zwischen legitimer Israelkritik und antisemitischem Verschwörungsdenken. Aus „Zionismus“ wird ein allmächtiges, global vernetztes Prinzip, das angeblich Politik, Medien und Kapital steuert. Israel verschmilzt mit „Imperialismus“, „Kapitalismus“ und „Kolonialismus“ zu einem einzigen Feindbild.

Der neue linke Antisemitismus sagt selten „Juden“. Er sagt „Zionisten“, „Apartheid“, „Kolonialmacht“, „Imperialismus“. Die Begriffe sind neu. Das Muster ist alt.

Diese radikale Linke ist nicht nur eine Gefahr für Juden. Sie ist eine Gefahr für Europa selbst. Getrieben von antiwestlichem Hass sucht sie immer öfter die Nähe zu radikalen Islamisten – und findet in ihnen Verbündete gegen Israel, gegen den Westen und gegen die offene Gesellschaft.