Viele denken: Licht aus, ein paar Stunden warten. Herbert Saurugg, Experte für Blackout- und Krisenvorsorge und Co-Autor des Buchs „Blackout Das Notfallvorsorgebuch für Österreich“, korrigiert das sofort.
Ein Blackout ist ein plötzlicher, überregionaler und länger andauernder Stromausfall, sagt er auf exxpressTV. Er betreffe mehrere Staaten gleichzeitig. Hilfe von außen sei nicht zu erwarten – die betroffene Fläche sei schlicht zu groß.
Danach folge das eigentliche Problem: Kommunikation, Verkehr, Versorgung, Logistik, Gesundheitsdienste – alles hängt am Strom.
Drei in zwei Jahren – das System wird fragiler
2024 Blackout am Balkan. April 2025 auf der Iberischen Halbinsel. Drei Wochen danach in Nordmazedonien.
In den 60 Jahren davor gab es genau zwei: 1976 (auch Österreich betroffen) und 2003 in Italien.
Saurugg ist skeptisch, dass das Zufall war. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema – und ist überrascht, dass es bisher nicht größer getroffen hat. Das System werde fragiler.
Österreich sitzt mittendrin
Energiewirtschaftlich sei Österreich gut aufgestellt, räumt Saurugg ein. Aber: Das Land ist Teil eines Verbundnetzes aus 40 Ländern – von Portugal bis in die Ostukraine. „Wenn das größer schiefgeht, sind wir ziemlich sicher mitgefangen.“

Die Energiewende als Stressfaktor
Photovoltaik wächst massiv. Die Netze wachsen nicht mit. Speicher fehlen. Neue Verbraucher kommen dazu: Wärmepumpen, E-Autos, KI-Rechenzentren.
Dazu kommt Gas. Fällt die Gasversorgung aus, fehlt Strom zur Netzstabilisierung – gerade im Winter. Saurugg: „Gas und Strom hängen sehr eng zusammen.“
Auch die Austrian Power Grid weise selbst auf zu langsamen Leitungsausbau und fehlende Speicher hin.
Was passiert in den ersten 30 Minuten?
Festnetz und Internet könnten rasch ausfallen. Beim Mobilfunk rechnet Saurugg oft nur mit kurzer Restlaufzeit – in Großstädten wie Wien noch kürzer, technisch oder durch Überlastung.
Vier Indikatoren helfen, einen Blackout zu erkennen: Strom weg, Ampeln ausgefallen, kein Mobilfunknetz, Ö3 berichtet über österreichweite Ausfälle. Wer kein batteriebetriebenes Radio hat: Das Autoradio funktioniert auch.
Wichtig: Wer am Arbeitsplatz ist, kann seine Familie möglicherweise nicht mehr erreichen. Wer Hilfe braucht, kann unter Umständen keinen Notruf absetzen.
Nicht kopflos nach Hause laufen
Sauruggs wichtigster Praxisrat: Nicht sofort fluchtartig den Arbeitsplatz verlassen.
Im Großraum Wien könnte der öffentliche Verkehr rasch stillstehen. Auch der Individualverkehr wäre problematisch – Ampeln fallen aus, Straßen sind überlastet. Im Winter kommt frühe Dunkelheit dazu. Wer dann unterwegs verunfallt, kann keinen Notruf absetzen.
Daher empfiehlt Saurugg: Vorab mit der Familie besprechen, was im Ernstfall passiert. Wer holt die Kinder ab? Was macht die Schule? Wo trifft man sich, wenn niemand telefonieren kann? Solche Absprachen kosten nichts. Im Ernstfall können sie Panik verhindern.
Der Staat ist überfordert – das ist keine Kritik
Alle Soldaten des Bundesheers inklusive Miliz zusammengezogen? Sie fänden im Happelstadion Platz. Und sollten neun Millionen Menschen versorgen.
„Das geht sich nicht aus“, unterstreicht Saurugg. Der Rechnungshof habe die fehlende gesamtstaatliche Blackout-Strategie bereits bemängelt. Saurugg zufolge sei seitdem wenig passiert.
Warum Vorräte zu Hause wichtiger sind als Lagerhäuser
Deutschland hat staatliche Lebensmittelreserven. Die Schweiz auch. Österreich nicht.
Saurugg relativiert: Wenn die Logistik ausfalle, nützten Lagerhäuser wenig – weil man sie nicht erreichen könne. Die beste Reserve sei jene zu Hause.
Wer vorbereitet ist, muss im Ernstfall nicht sofort in den Supermarkt. Er blockiert keine Versorgung. Er entlastet das System. Vorsorge ist nicht egoistisch. Sie ist solidarisch.
Was jetzt jeder tun kann
Drei Säulen der Eigenvorsorge empfiehlt Saurugg: Wasser, Medikamente, Lebensmittel.
Beim Wasser reiche zunächst zumindest ein Sechserträger Mineralwasser. Dazu Medikamente und Erste-Hilfe-Ausrüstung. Bei Lebensmitteln empfiehlt er Haltbares für 14 Tage: Nudeln, Reis, Konserven, Hülsenfrüchte.
Kosten: rund 100 Euro. Als Einzelperson reiche das für eine, eher zwei Wochen. Gestaffelt einkaufen – nicht alles auf einmal.
Wien hat einen Vorteil – aber nicht überall
Die Hochquellwasserleitungen wurden noch vor dem Strom gebaut. Sie funktionieren ohne Pumpen – in Wien großteils bis zum vierten oder fünften Stock.
In Hochhäusern mit Drucksteigerungsanlage im Keller kann das Wasser hingegen ausfallen, wenn diese nicht notstromversorgt ist. Auch in anderen Regionen und höhergelegenen Gebieten sei die Lage unsicherer.
Vorsicht: Campingkocher können töten
Von offenem Feuer in der Wohnung warnt Saurugg ausdrücklich.
Campingkocher, Brennpaste, Griller – wer damit nicht umgehen kann, riskiert Brand und Kohlenmonoxid-Vergiftung. In einem Blackout ist weder Rettung noch Feuerwehr zuverlässig erreichbar. Saurugg: Ein bis zwei Tage hält man auch ohne warme Mahlzeit aus.
Wenn der Strom zurück ist, ist nicht alles vorbei
Viele stellen sich vor: Strom da, alles normal. Das ist ein Irrtum.
Logistik, Supermärkte, Tankstellen und Lieferketten laufen nicht sofort wieder. Kühlketten können unterbrochen sein. Und auch jene, die Lkw fahren oder Supermärkte öffnen sollen, müssen selbst versorgt sein.
Genau deshalb empfiehlt Saurugg Eigenvorsorge für 14 Tage – nicht weil Österreich so lange ohne Strom sein müsse, sondern weil der Wiederanlauf Zeit brauche.
Plünderungen? Experte widerspricht dem Hollywood-Bild
Chaos, Plünderungen, totaler Zusammenbruch – das seien Hollywood-Szenarien, sagt Saurugg. Alle realen Krisen zeigten: Menschen halten zunächst zusammen. Auch beim viertägigen Berliner Stromausfall Anfang 2026 eskalierte nichts.
Das Risiko steige erst, wenn die eigene Vorsorge fehle und der Magen zu knurren beginne. „Wir können es nur gemeinsam schaffen – und durch Vorsorge.“
Herbert Saurugg ist Blackout- und Krisenvorsorgeexperte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge und ehemaliger Berufsoffizier. Seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt er sich mit der wachsenden Verwundbarkeit moderner Gesellschaften und berät Gemeinden, Unternehmen und Organisationen bei der Blackout-Vorsorge. Auf seinem Fachblog saurugg.net publiziert er regelmäßig zu Krisenszenarien und Prävention.

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