Mit mehr als 1,13 Milliarden Euro Jahresumsatz und rund 4.000 Beschäftigten zählt der ORF zu den größten Medienunternehmen des Landes. Dennoch liegt die Verantwortung laut ORF-Gesetz in den Händen eines einzigen Generaldirektors.

Dieser entscheidet über Programm, Finanzen, Personal, Strategie und vertritt den gesamten Konzern nach außen. Die Direktorinnen und Direktoren werden auf seinen Vorschlag bestellt und sind ihm weisungsgebunden – ein Modell, das in der Privatwirtschaft kaum noch anzutreffen ist, berichtet der Kurier.

„Brandgefährliche Machtkonzentration“

Für Thomas Stummer ist diese Struktur ein erhebliches Risiko. Nach seiner Einschätzung fehlt ein echtes Vier-Augen-Prinzip auf oberster Führungsebene.

„Eine Milliarde Euro Umsatz in der Hand einer einzigen Person, ohne gleichberechtigtes Kontrollsystem – das ist kein modernes Führungsmodell, sondern ein Konstruktionsfehler“, kritisiert der Personalberater.

Besonders problematisch sei, dass im Fall eines Ausfalls des Generaldirektors die gesamte Führungsstruktur ins Wanken geraten könne. Zudem sei es deutlich einfacher, Einfluss auf eine Einzelperson auszuüben als auf einen mehrköpfigen Vorstand.

Zwar verfügt der ORF über zahlreiche Tochtergesellschaften mit eigenen Geschäftsführungen und Aufsichtsräten, doch auch diese würden das Grundproblem nicht beseitigen.

Denn die Besetzung der Führungspositionen erfolgt letztlich wieder durch den Generaldirektor in Abstimmung mit dem Stiftungsrat. Dadurch werde die bestehende Machtstruktur lediglich verlängert, nicht aber aufgebrochen.

Kritik auch am Stiftungsrat

Ebenso kritisch beurteilt Stummer den 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat. Das Gremium sei zwar formal mit einem Aufsichtsrat vergleichbar, funktioniere seiner Ansicht nach aber eher wie ein kleines Parlament.

Vor allem die parteipolitische Zusammensetzung sorgt aus seiner Sicht für Probleme. Freundeskreise innerhalb des Gremiums widersprächen dem Gedanken unabhängiger Kontrolle.

Auch mögliche Geschäftsbeziehungen zwischen Stiftungsräten und dem ORF würden zumindest den Anschein von Interessenkonflikten erzeugen. Gerade dieser Eindruck könne bereits ein erhebliches Compliance-Risiko darstellen.

Ein Vergleich mit anderen europäischen Rundfunkanstalten zeigt, dass Österreich mit seiner Organisationsstruktur eher eine Ausnahme bildet.

Die britische BBC setzt auf ein Board mit geschäftsführenden und unabhängigen Mitgliedern. In der Schweiz führt eine kollegiale Geschäftsleitung die SRG SSR, während France Télévisions über einen Verwaltungsrat verfügt. Auch beim deutschen ZDF wird der Intendant von einer mehrköpfigen Geschäftsleitung unterstützt.

Damit setzen viele öffentlich-rechtliche Sender auf Führungsmodelle, bei denen Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird.

Die Kritik an der Organisationsstruktur des ORF ist nicht neu. Immer wieder werden Reformen der Unternehmensführung und des Stiftungsrats gefordert. Ob sich am derzeitigen Modell tatsächlich etwas ändern wird, bleibt jedoch offen.

Fest steht: Die Diskussion über Macht, Kontrolle und politische Einflussnahme im ORF dürfte nach den jüngsten Aussagen des Personalexperten erneut an Fahrt aufnehmen.