Drei Opfer in zwei Stunden.
Kurz nach drei Uhr morgens. 28. Februar 2026. Rotterdam-Agniesebuurt, Schoterboshof. Ein 22-jähriger Mann geht mit seiner Freundin die Straße entlang. Dann soll der Verdächtige zugeschlagen haben. Laut Staatsanwaltschaft hat er den Mann mit einem Würgegriff zu Boden gebracht — so lange, bis das Opfer das Bewusstsein verlor. Dann soll er ihm mehrfach ins Gesicht getreten haben.
Die 24-jährige Begleiterin flieht. Er hetzt ihr nach. Er soll versucht haben, sie zu vergewaltigen. Die Frau kann entkommen. Der Angreifer flieht.
„It is okay if you listen to me"
Zwei Stunden später, anderer Stadtteil. Auf einem zuvor gestohlenen Lastenfahrrad ist der Verdächtige laut Anklage nach Schiebroek gefahren. Dort folgt er einer 19-jährigen Studentin auf dem Heimweg. Er holt sie auf der Ringdijk ein, greift sie von hinten. Messer. Er soll ihr auf Englisch zugeflüstert haben: „It is okay if you listen to me“ – „Es ist okay, wenn du auf mich hörst.“
Anschließend rügte er sie schlug sie gegen eine Wand, berichtet das Opfer. Schließlich verliert die Studentin laut Polizei kurz das Bewusstsein. Als sie schreit, wird ein Nachbar wach. Er kommt heraus. Der Angreifer flieht — wieder.
Die Studentin kommt verletzt ins Krankenhaus.
Seine eigene Unterkunft verriet ihn
Nach den Attacken nimmt der Verdächtige den Zug. Kameras filmen ihn um sechs Uhr am Rotterdamer Hauptbahnhof. Um 6.20 Uhr steigt er in Zwijndrecht aus. Tagelang fehlt jede Spur.
Dann verbreitet die Polizei Fahndungsfotos. Mehrere Mitarbeiter der staatlichen Asylbehörde COA erkennen in dem Abgebildeten einen Bewohner ihrer eigenen Einrichtung — und rufen die Polizei. Am 4. März wird der 22-Jährige am Bahnhof Dordrecht verhaftet.
In seinem Zimmer: Tatkleidung und Rucksack, beides auf Überwachungsbildern zu sehen. DNA des Verdächtigen werden auf Wange und Kleidung der Studentin gefunden.
Der Marokkaner hat bisher kein Geständnis abgelegt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Asylboot „Bellriva“ – 200 Bewohner
Der Verdächtige war auf dem Asylschiff „Bellriva“ in Hendrik-Ido-Ambacht untergebracht, einer Gemeinde südöstlich von Rotterdam. Das Schiff liegt am Citadelterrein, dient seit 2023 als Unterkunft — Platz für rund 200 Menschen in Zwei- und Dreibettzimmern.
Bürgermeister Patrick van der Giessen reagierte mit ungewöhnlich scharfen Worten. Er sprach von Missbrauch der Gastfreundschaft. Sein Appell an Den Haag: „Das Maß ist voll. Die Regierung muss Verantwortung übernehmen.“ Das Grundproblem aus seiner Sicht: Die Gemeinde muss nationale Vorgaben erfüllen, kann aber nicht selbst bestimmen, wer aufgenommen wird. Die Gemeinde trägt die Folgen. Die Kontrolle liegt woanders.
Kein Geständnis. Rückfallrisiko hoch.
Am 12. Juni fand in Rotterdam die erste vorbereitende Verhandlung statt. Der Verdächtige erschien nicht: Laut niederländischen Medien war die Gegensprechanlage im Zellentrakt ausgefallen — das technische Kommunikationssystem, über das Aufseher und Häftlinge koordiniert werden. Solange es nicht funktioniert, können Gefangene nicht vorgeführt werden. An diesem Tag traf das offenbar auf den gesamten Trakt zu. Sein Anwalt war anwesend und erklärte, sein Mandant habe bisher kein Geständnis abgelegt.
Ein psychiatrisches Gutachten stellt keine psychische Störung fest. Die Rückfallgefahr schätzt der Sachverständige dennoch als „mittel bis hoch” ein.
Exakt am Verhandlungstag: EU erklärt Marokko für sicher
Der Asylwerber stammt aus einem Land, dessen Bürger in der Regel kaum Aussicht auf Schutzstatus haben, berichten die Medien. Die Niederlande hatten seit September 2025 keine eigene nationale Liste sicherer Herkunftsländer mehr. Am 12. Juni 2026 — dem Tag der ersten Gerichtsverhandlung — trat laut Rijksoverheid die neue EU-Liste in Kraft. Darauf stehen unter anderem Bangladesch, Ägypten, Indien, Tunesien — und Marokko.
Für die drei Opfer dieser Nacht kommt das zu spät.
„Das Maß ist voll“
Rotterdams Bürgermeisterin Carola Schouten erklärt offen: „Mit Abscheu habe ich von diesem schweren Delikt Kenntnis genommen.“
Der Gemeinderat von Hendrik-Ido-Ambacht stimmte einstimmig dafür, alle Pläne zur dauerhaften Erweiterung der Asylunterkunft auf Eis zu legen. Die Forderung: erst Klarheit über den Umgang mit Asylwerbern, die kaum Aussicht auf Schutzstatus haben.
JA21-Chef Joost Eerdmans forderte die Abschaffung der Spreidingswet, die Gemeinden zur Aufnahme von Asylwerbern verpflichtet.
Einzelfall — aber Systemfrage
Juristisch ist der Fall offen. Politisch ist der Schaden längst da.
Der Fall zeigt ein Problem, das viele europäische Länder kennen: Asylverfahren dauern, währenddessen müssen Gemeinden die Asylwerber unterbringen. Am Ende tragen Bürger das Risiko und die Kosten. Die Verantwortung verschwindet irgendwo zwischen Behörden, Gesetzen, Politik und Zuständigkeiten.
Der Fall in Kürze
3:00 Uhr, 28.2. — Mann bewusstlos gewürgt, ins Gesicht getreten; Begleiterin verfolgt, Vergewaltigungsversuch scheitert.
5:00 Uhr, 28.2. — 19-jährige Studentin mit Messer bedroht, gewürgt, geschlagen, Vergewaltigungsversuch; Anwohner greift ein.
März — Polizei veröffentlicht Fotos; Verhaftung am Bahnhof Dordrecht.
März — OM erweitert Anklage: versuchter Totschlag + zweiter Vergewaltigungsversuch; U-Haft um 90 Tage verlängert.
Juni — Erste Verhandlung: DNA-Spur (laut AD), kein Geständnis, keine psychische Störung festgestellt, Rückfallrisiko „mittel bis hoch”.
September — Hauptverhandlung geplant.

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