Für Millionen Betroffene weltweit gehört Insulin zum Alltag: Mehrfach täglich müssen sie ihren Blutzucker kontrollieren und Insulin spritzen oder über Pumpen zuführen. Typ-1-Diabetes gilt bislang als unheilbar, da das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört.

Genau hier setzt die neue Therapie an – allerdings auf völlig andere Weise als bisherige Behandlungen. Statt Insulin von außen zuzuführen, soll der Körper selbst wieder zum Produzenten werden.

Muskelzellen als „Insulin-Fabrik“

Die experimentelle Behandlung mit dem Namen KRIYA-839 nutzt eine spezielle Gentherapie. Dabei werden genetische Baupläne in Muskelzellen eingeschleust, sodass diese beginnen, Insulin und weitere blutzuckerregulierende Stoffe herzustellen.

Entscheidend: Die DNA der Patienten wird dabei nicht verändert. Vielmehr erhalten die Zellen zusätzliche „Anweisungen“, die langfristig aktiv bleiben sollen.

Laut dem Fachportal Medscape wird die Therapie im Rahmen einer ersten klinischen Studie getestet. Erwachsene Patienten erhalten dabei eine Injektion in den Oberschenkel – ein einmaliger Eingriff, der ambulant durchgeführt werden kann.

Wirkung könnte jahrelang anhalten

Nach der Behandlung dauert es etwa zwei bis drei Monate, bis sich die volle Wirkung entfaltet. Danach könnten die veränderten Muskelzellen über Jahre hinweg Insulin produzieren – im Idealfall sogar lebenslang.

Bereits in Tierversuchen zeigte die Methode vielversprechende Ergebnisse: Der Blutzucker blieb über mehrere Jahre stabil, ohne dass eine dauerhafte Unterdrückung des Immunsystems nötig war.

Experten sprechen von möglicher „funktioneller Heilung“

Unter Fachleuten sorgt die Entwicklung für vorsichtigen Optimismus. Der britische Diabetes-Experte Partha Kar bezeichnete den Ansatz als „wirklich aufregend“ und sieht das Potenzial für eine sogenannte funktionelle Heilung – also eine Situation, in der die Krankheit praktisch keine Einschränkungen mehr verursacht.

Auch der Endokrinologe Jeremy Pettus betonte laut Medscape, dass sich die Forschung in einer neuen Phase befinde: Was früher als Zukunftsmusik galt, werde nun konkret erprobt.

Noch viele offene Fragen

Trotz der Euphorie mahnen Experten zur Zurückhaltung. Unklar ist unter anderem, wie viel Insulin die Therapie tatsächlich produzieren kann – und wie lange die Wirkung anhält.

Der slowenische Diabetologe Tadej Battelino warnt davor, vorschnell von einer Heilung zu sprechen. Sollte es jedoch gelingen, den Blutzucker dauerhaft stabil zu halten, könne die Therapie im Alltag durchaus einer Heilung gleichkommen.

Wendepunkt in der Diabetes-Behandlung?

Die geplante Studie läuft zunächst über ein Jahr. Bei Erfolg könnten weitere Untersuchungen folgen – auch mit Patienten, die bislang klassische Insulinspritzen verwenden.

Sollte sich die Methode bewähren, könnte sie einen Paradigmenwechsel einleiten: weg von der täglichen Behandlung hin zu einer einmaligen Therapie mit langfristiger Wirkung.