Ein Stein aus der Wüste erzählt eine Milliarden Jahre alte Geschichte. Der Meteorit mit der Bezeichnung NWA 12774 wurde in der Sahara entdeckt. Auf den ersten Blick wirkt er unspektakulär, doch für Forscher könnte er der Schlüssel zu einer längst verlorenen Welt sein. Analysen zeigen, dass das Gestein von einem gewaltigen Himmelskörper stammt, der vor rund 4,5 Milliarden Jahren existierte. Der Protoplanet dürfte die Größe des Mondes erreicht haben, möglicherweise sogar deutlich größer gewesen sein. Irgendwann wurde er vermutlich bei einer gewaltigen Kollision im jungen Sonnensystem zerstört. „Kaum vorstellbar, dass einst ein Himmelskörper dieser Größenordnung existierte“, erklärt Aaron Bell. Nur durch einige wenige Bruchstücke, die später auf der Erde landeten, sei seine Existenz überhaupt nachvollziehbar, berichtet Merkur.de.

Seltene Angrit-Meteoriten geben Rätsel auf

Bei NWA 12774 handelt es sich um einen sogenannten Angrit-Meteoriten. Diese außergewöhnlich seltenen Gesteine gehören zu den ältesten bekannten Materialien des Sonnensystems. Von mehr als 80.000 registrierten Meteoritenfunden weltweit werden lediglich 68 dieser seltenen Gruppe zugeordnet. Entstanden sind sie nur wenige Millionen Jahre nach der Geburt des Sonnensystems vor etwa 4,56 Milliarden Jahren. Besonders faszinierend ist ihre ungewöhnliche chemische Zusammensetzung. Im Gegensatz zu Erde, Mars und anderen Gesteinsplaneten enthalten Angrite nur sehr geringe Mengen an Siliziumdioxid – einem der wichtigsten Bausteine terrestrischer Planeten.

Überraschende Berechnungen verändern bisherige Theorie

Lange gingen Wissenschaftler davon aus, dass Angrite lediglich von relativ kleinen Asteroiden stammen können. Neue Untersuchungen stellen diese Annahme jedoch infrage. Die Analyse des Meteoriten deutet auf Druckverhältnisse hin, die in kleinen Asteroiden gar nicht entstehen können. Den Berechnungen zufolge muss der Ursprungskörper einen Radius von mindestens 1000 Kilometern besessen haben. Weitere Hinweise sprechen sogar für deutlich größere Dimensionen. Die im Gestein erhaltenen Kristallstrukturen legen nahe, dass sie in vergleichsweise geringer Tiefe entstanden sind. Daraus schließen die Forscher, dass der ursprüngliche Himmelskörper erheblich größer gewesen sein könnte.

So groß wie der Mond – vielleicht sogar größer

Nach den aktuellen Modellen könnte der sogenannte Angrit-Mutterkörper einen Radius von mehr als 1800 Kilometern erreicht haben. Damit wäre er in etwa so groß wie der Mond und würde sich den Ausmaßen des Mars annähern. Wie dieser Protoplanet letztlich verschwand, bleibt bislang ungeklärt. Forscher vermuten jedoch eine gewaltige Kollision in den frühen Tagen des Sonnensystems. Die dabei entstandenen Trümmer könnten später Bestandteil anderer Planeten geworden sein – möglicherweise sogar der Erde.

Neue Hinweise auf die Entstehung der Planeten

Die Entdeckung könnte das Verständnis der Planetenbildung grundlegend erweitern. „Die Materialien des Angrit-Mutterkörpers unterscheiden sich fundamental von den Bausteinen von Erde und Mars“, erklärt Aaron Bell. Dies deute darauf hin, dass es in der Frühgeschichte des Sonnensystems unterschiedliche Wege der Planetenentstehung gegeben haben könnte. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass neben den heute bekannten Planeten einst weitere große Himmelskörper existierten, die später vollständig verschwanden. Die Forscher gehen davon aus, dass sich ähnliche Hinweise möglicherweise bereits in wissenschaftlichen Sammlungen befinden. Viele Meteoriten wurden bislang nur oberflächlich untersucht. In Archiven und Museumssammlungen könnten daher weitere Fragmente unbekannter Protoplaneten verborgen sein. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, könnte NWA 12774 erst der Anfang einer Reihe spektakulärer Entdeckungen sein – und neue Kapitel über die turbulente Frühgeschichte unseres Sonnensystems aufschlagen.