Opfer statt Täter in Handschellen

Der Fall sorgte in Großbritannien für enorme Aufmerksamkeit, weil die Polizei zunächst nicht dem schwer verletzten Opfer, sondern dem Täter Glauben schenkte. Henry Nowak war im Dezember vergangenen Jahres nach einem Abend mit Freunden auf dem Heimweg zu seiner Studentenunterkunft, als es zu der tödlichen Begegnung kam. Digwa attackierte den Erstsemesterstudenten mit einem rund 21 Zentimeter langen Zeremonialmesser und fügte ihm mehrere Stichverletzungen zu.

Täter behauptete rassistischen Angriff

Wie der Telegraph berichtete, behauptete Digwa unmittelbar nach Eintreffen der Beamten, selbst Opfer eines rassistischen Angriffs geworden zu sein. Die Polizisten legten daraufhin dem schwer verletzten Nowak Handschellen an, obwohl dieser bereits stark blutete und um Hilfe flehte. Weniger als eine Stunde später starb der 18-Jährige noch am Tatort. Seine letzten Worte sollen laut Gerichtsunterlagen gewesen sein: „Bitte, Bruder, ich kann nicht atmen.“

Keine Beweise für Digwas Darstellung

Im Prozess bestritt Digwa die Mordvorwürfe bis zuletzt. Er erklärte, Nowak habe ihn rassistisch beleidigt, angegriffen und ihm den Turban vom Kopf gerissen. Für diese Darstellung konnten jedoch keine Beweise erbracht werden. Zudem ergaben toxikologische Untersuchungen, dass Nowak deutlich weniger Alkohol im Blut hatte als für das Autofahren erlaubt gewesen wäre. Die Staatsanwaltschaft sprach deshalb von einer gezielten Falschdarstellung, mit der Digwa die Beamten bewusst täuschen wollte.

Polizeiaufsicht ermittelt

Besonders brisant: Laut Sky News verschwieg der Täter den Polizisten zunächst auch, dass er selbst zugestochen hatte. Erst als Nowak bewusstlos zusammenbrach, begannen die Beamten mit Erste-Hilfe-Maßnahmen. Inzwischen ermittelt die britische Polizeiaufsicht IOPC gegen die zuständigen Beamten wegen ihres Umgangs mit dem Opfer.

Polizei entschuldigt sich bei Familie

Der stellvertretende Polizeichef Robert France entschuldigte sich nach dem Urteil öffentlich bei der Familie des Getöteten. „Es tut mir leid, dass Henry nicht gerettet werden konnte. Und es tut mir leid, dass er in den letzten Momenten seines Lebens festgenommen und in Handschellen gelegt wurde“, erklärte er.

Debatte über Tatwaffe

Zusätzliche Diskussionen löste die Tatwaffe aus. Digwa trug neben einem kleineren kirpan – einem religiösen Dolch, den praktizierende Sikhs in Großbritannien legal bei sich führen dürfen – offenbar auch ein größeres Zeremonialmesser. Die Sikh Federation distanzierte sich nach dem Schuldspruch ausdrücklich von der Tat und betonte, religiöse Ausnahmen würden nicht gelten, sobald eine Klinge als Angriffswaffe verwendet werde.

Politische Kritik am Polizeieinsatz

Der Fall löste auch politische Debatten aus. Konservative Politiker kritisierten das Vorgehen der Polizei scharf und warfen den Behörden vor, vorschnell von einem rassistischen Motiv ausgegangen zu sein. Selbst Tech-Milliardär Elon Musk meldete sich zu Wort und bezeichnete das Verhalten der Beamten als „unentschuldbar“.

Familie trauert um Henry Nowak

Für die Familie von Henry Nowak endet der Prozess dennoch nicht mit Erleichterung. Angehörige beschrieben den Studenten als friedliebenden jungen Mann, der „jeden Raum erhellte“. Seine Schwester erklärte nach seinem Tod, er sei „der am wenigsten gewalttätige Mensch der Welt“ gewesen.