Knapp 39 Prozent der Kinder an Wiens Pflichtschulen sind muslimisch – damit sind Muslime erstmals die stärkste Glaubensgruppe. Was dahinter steckt, zeigt eine neue Studie im Auftrag der Stadt Wien aus dem Jahr 2025: Über 1.200 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren aus zehn ethnischen Gruppen wurden befragt. Vertreten sind Österreicher, Serben, Polen, Rumänen, Bosnier, Türken, Kurden, Syrer, Afghanen und Tschetschenen. Die Ergebnisse sind, so Studienleiter Kenan Güngör gegenüber der Tageszeitung Der Standard, „sehr bedenklich”.

Religiöser statt säkularer
73 Prozent der schiitischen und 68 Prozent der sunnitischen Muslime bezeichnen sich als sehr oder eher religiös – bei katholischen Christen sind es nur 41 Prozent. Und der Trend geht in Richtung mehr, nicht weniger Religion: Ein Drittel der muslimischen Jugendlichen gibt an, in den vergangenen drei bis fünf Jahren religiöser geworden zu sein. Nur 16 Prozent sagen das Gegenteil. Zudem wird die eigene Identität deutlich stärker über die Religion definiert als bei christlichen Gleichaltrigen. Bei den Österreichern gaben 15 Prozent an, religiöser geworden zu sein, 29 Prozent sind weniger religiös geworden.
Afghanen, Türken und Syrer bezeichnen sich am meisten als „sehr religiös“
Die Frage „Und bist Du religiös?“ beantworten 34 Prozent der schiitischen Moslems und 33 Prozent der sunnitischen mit „Ja sehr“. Bei den katholischen Jugendlichen sind es 20 Prozent. Männliche Jugendliche definieren sich grundsätzlich etwas religiöser als weibliche: 28% der männlichen und 22% der weiblichen Jugendlichen bezeichnen sich als „sehr religiös“. Gereiht nach ethnischer Zugehörigkeit ergibt sich folgendes Bild: Afghanische, türkische und syrische Jugendliche bezeichnen sich am meisten als „sehr religiös“. Das Schlusslicht machen Österreicher und Rumänen.
Für 41 % ist Islam wichtiger als Gesetze
Auch der Aussage „Für mich stehen die Vorschriften meiner Religion über den Gesetzen in Österreich“ stimmen 16% der muslimischen Jugendlichen „voll und ganz“ und weitere 25% „eher“ zu. Unter christlichen Jugendlichen liegen diese Zustimmungswerte um knapp die Hälfte niedriger: 6% „voll“ und 15% „eher“. „Diese Zahlen verdeutlichen eine Spannbreite von fundamentalistisch geprägten Haltungen, die bei einem Teil der muslimischen Jugendlichen stärker verankert sind“, heißt es in der Studie.

Islamische Jugendliche praktizieren Religion intensiver
Unter christlichen (katholischen und orthodoxen) Jugendlichen liegen die Werte bei allen abgefragten religiösen Praktiken im Vergleich zu den muslimischen Jugendlichen niedriger: 20% besuchen „oft“ ein Gotteshaus, 24% beten regelmäßig, 18% halten Speisegebote ein und 22% befolgen Fastengebote häufig.
Ganz anders bei muslimischen Jugendlichen: Hier liegen viele Werte über dem Gesamtdurchschnitt, insbesondere bei den Speise- (58%) und Fastengeboten (61%). Auch das regelmäßige Beten (42%) und der häufige Besuch eines Gotteshauses (34%) liegen deutlich über dem Gesamtdurchschnitt.
Kampfbereit für den Glauben
46 Prozent der muslimischen Jugendlichen sind „voll und ganz” oder „eher” bereit, für die Verteidigung ihres Glaubens zu kämpfen und zu sterben. Bei Christen sind es 24 Prozent. 36 Prozent der Muslime finden, alle Menschen sollten sich an die Regeln ihrer Religion halten – doppelt so viele wie bei den Christen.

53 Prozent der muslimischen Befragten wollen jede Muslimin in der Öffentlichkeit mit Kopftuch sehen, 65 Prozent sagen, islamische Vorschriften gelten für alle Bereiche des Alltags und seien streng einzuhalten. Güngör kommentiert das im Standard klar: „Es gibt sozialen Druck.” Gleichzeitig warnt er vor voreiligen Schlüssen – wer in einer Umfrage markige Aussagen mache, sei nicht automatisch ein potenzieller Jihadist.
Demokratie als beste Staatsform? Nur für manche
Güngörs Bilanz ist eindeutig: Antidemokratische, abwertende und gewaltaffine Haltungen sind unter muslimischen Jugendlichen deutlich mehr verbreitet als in anderen Gruppen.

84 Prozent der Polen und 82 Prozent der Österreicher halten die Demokratie für die beste Staatsform. Bei Afghanen sind es nur 61 Prozent, bei Türken 57 Prozent, bei Tschetschenen 50 Prozent – und bei Syrern gerade einmal 47 Prozent.
Dazu kommen patriarchale Wertvorstellungen: Fast die Hälfte der Befragten findet, der Mann soll die wichtigen Entscheidungen treffen. Ein Viertel will keine Frau als Chefin. Nur knapp ein Drittel empfindet Homosexualität als in Ordnung. Besonders ausgeprägt sind diese Werte bei Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien.
Vereinsamung und Algorithmen als Brandbeschleuniger
Die Erklärungen sind vielschichtig. Niedrige Demokratiequalität in den Herkunftsländern der Eltern, geringes Bildungsniveau, autoritäre Erziehung – all das befördert problematische Einstellungen. Mehr als die Hälfte der tschetschenischen Befragten darf den Eltern nicht widersprechen. Jeder zehnte junge Afghane berichtet von Gewalt im Elternhaus.
Besonders gefährlich: Hohe Religiosität kombiniert mit intensiver Online-Nutzung. Algorithmen servieren Propaganda – und vereinsamte, orientierungslose Jugendliche sind dafür besonders anfällig. Güngör sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Die Stadt Wien hat die Studie bisher kaum publik gemacht – veröffentlicht wurde sie still und leise per Freitagnachmittags-Aussendung.

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