Bei Social Media ist Europa abgehängt. Bei künstlicher Intelligenz dominieren erneut die USA und China. Doch bei der nächsten Schlüsseltechnologie könnte es anders laufen. Im Quantenbereich spielt Österreich ganz oben mit.

Der Jurist im Quantenlabor

Der Rechtswissenschaftler Prof. Matthias Kettemann lehrt an der Universität Innsbruck Innovation und Philosophie des Rechts, und leitet gleichzeitig das Innsbruck Quantum Ethics Lab – aus Begeisterung. Seine Aufgabe dort kreist unter anderem um die Frage, wie man diese Innovationen schützt.

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Er erhebt einen Vorwurf an die eigene Zunft. Juristen regulierten meist nur die Probleme von heute, sagt der Innsbrucker Professor. „Das führt dazu, dass man manchmal zu spät ist.“ Sein Ansatz: schon jetzt an die Probleme von morgen denken.

Im Quantum Ethics Lab geht es genau darum: Welche Regeln braucht eine Technologie, die in zehn oder 20 Jahren Medizin, Sicherheit, Kommunikation und Wirtschaft verändern könnte?

Quantencomputer könnten Passwörter knacken

Eine Anwendung beschäftigt Kettemann besonders: Künftige Quantencomputer könnten heutige Verschlüsselungsmethoden unterlaufen.

Auf die Frage, ob Quantencomputer künftig Passwörter in kürzester Zeit knacken könnten, antwortet Kettemann: „Sie könnten sehr schnell alles entschlüsseln, wenn wir nicht gleichzeitig die Kommunikation quantensicher gestalten.“

Seine Warnung: Wenn man nicht rechtzeitig aufrüstet, könnten Quantencomputer „sämtliche aktuell laufenden Verschlüsselungen leicht durchbrechen“. Das sei „offensichtlich ein großes Sicherheitsproblem“.

Das betrifft nicht nur IT-Experten. Wenn heutige Verschlüsselung eines Tages unsicher wird, geht es um Banken, Spitäler, Energieversorgung, Behörden und militärische Kommunikation – also um die gesamte kritische Infrastruktur.

Seine Forderung: Der Staat müsse schon heute in quantensichere Kommunikation investieren. Sicherheit im Quantenzeitalter müsse komplett neu gedacht werden – bevor die Technologie massentauglich ist.

Warum Österreich ganz vorne liegt

Dass Österreich hier mitreden kann, ist kein Zufall. 2022 holte Anton Zeilinger den Physik-Nobelpreis. Vor kurzem wurde der Innsbrucker Peter Zoller in die altehrwürdige Royal Society aufgenommen.

„Das sind Signale dafür, dass Österreich im Bereich der Quantenforschung ganz großartig aufgestellt ist“, sagt Kettemann. Und zwar nicht nur in der Theorie.

Als Deutschland einen großen Quantencomputer in Hamburg bauen wollte, holte es sich mit ParityQC ein Innsbrucker Uni-Unternehmen an Bord. Kettemann verweist außerdem auf starke Hardware-Entwickler, kreative Köpfe und ein florierendes Ökosystem aus Forschung und Entwicklung.

„In vielen Bereichen Weltmarktführer“

Sein Fazit ist deutlich: „Nach allem, was ich von meinen Kollegen höre, ist Österreich in vielen Bereichen Weltmarktführer.“ Viele Studien in Top-Magazinen wie Nature und Science stammten aus heimischer Forschung.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Österreich habe früh investiert, sagt Kettemann. Dazu kämen herausragende Forscher, gute Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie sowie eigene Förderlinien.

In der Wissenschaftspolitik habe Österreich vieles richtig gemacht. Jetzt müsse man bei Sicherheits-, Entwicklungs- und Standortpolitik nachziehen.

Was die Wundermaschine kann

Quantencomputer sind keine schnelleren Laptops. Sie arbeiten grundsätzlich anders und dienen als hochspezialisierte Werkzeuge für extrem komplexe Probleme. Sie könnten künftig bestimmte Aufgaben viel schneller und genauer lösen als klassische Computer.

Das eröffnet enorme Möglichkeiten: maßgeschneiderte Krebsmedikamente, früher erkannte Gesundheitsrisiken, präzisere Wettervorhersagen für die Landwirtschaft, stabilere Finanzmodelle. Oder Sensoren, die ein U-Boot im Mittelmeer und einen Riss in einer Brücke aufspüren.

Dazu kommt das Quanteninternet: besonders sichere Kommunikation, an der Forscher bereits arbeiten. Innsbrucker Forscher testen solche Möglichkeiten auch Richtung Weltraum. Auf der Nordkette über der Stadt steht dafür ein eigens gebautes Teleskop.

Keine Alltagsgeräte

Kettemann bremst aber überzogene Erwartungen.

Heutige Quantencomputer funktionierten nur bei sehr speziellen Aufgaben. Er vergleicht sie mit dem frühen Internet: nutzbar, aber noch lange nicht so einfach wie das spätere World Wide Web.

Die bestehenden Geräte seien vor allem „Proof of Concept“ – Beweise, dass etwas funktioniert.

Der große Durchbruch dürfte eher in 10 bis 20 Jahren kommen. Auf genaue Jahreszahlen will sich Kettemann aber nicht festlegen. Gerade deshalb müsse man jetzt handeln. Er vergleicht es mit der Altersvorsorge: Man kümmere sich besser früh, auch wenn das Problem noch fern wirkt.

Die dunkle Seite: der gläserne Mensch

So groß die Chancen, so real die Risiken.

Brisant wird es, wenn Quantencomputer auf künstliche Intelligenz treffen – Kettemann nennt das „Quantum AI“. KI wird besser, je mehr Daten sie verarbeitet und je schneller sie rechnet. Bei beidem könnten Quantencomputer eine Rolle spielen.

Verbinden Staaten oder Konzerne riesige Datenmengen mit dieser Rechenkraft, könnte daraus ein „perfektes Überwachungssystem“ entstehen, das vorhersagt, was Menschen tun werden. So beschreibt es ein von Kettemann erwähnter Datenschützer aus Rheinland-Pfalz.

Doch der Experte verschiebt den Fokus. Die größte Gefahr für unsere Bürgerrechte sei heute nicht der Staat. Es seien „übergriffige private Unternehmen“, die unsere Daten nutzen und mit unserer Aufmerksamkeit viel Geld machen.

Die Lehre aus dem Social-Media-Desaster

Genau hier zieht Kettemann die Linie zu den Fehlern der Vergangenheit. Zu lasche Regeln bei Social Media hätten wenige US- und China-Konzerne übermächtig gemacht. Macht, die man ihnen heute nur mühsam wieder abringe.

Warum habe Europa nicht auf eigene Firmen gesetzt – etwa auf Skype statt Zoom?

Die großen Plattformen sammelten über Jahre Daten und sind heute auch im KI-Bereich übermächtig.

Bei Quantum sei die Lage noch offen. Keine übermächtigen Giganten – sondern „viele kleine, clevere und coole“ Start-ups aus Europa und Österreich. „Und die müssen wir schützen“, sagt Kettemann.

Die entscheidende Frage

Damit steht die eigentliche Gretchenfrage im Raum: Schafft Österreich aus seiner Forschung eigene Unternehmen, Produkte und Standards? Oder liefern heimische Forscher wieder nur die Grundlagen – während andere daraus die Weltkonzerne bauen?

Geld sei aktuell nicht das Hauptproblem, sagt Kettemann. In der Grundlagenforschung zählten kluge Köpfe. Doch sobald aus Forschung Anwendungen werden, wird Kapital entscheidend. Eine Finanzbasis wie das Silicon Valley habe Österreich nicht.

Besonders gefährlich: „Was wir verhindern müssen, ist, dass Firmen dem Ruf des Geldes nachgeben“ und den Kontinent wechseln.

Exportkontrollen, Beschaffung, Quantenfonds

Was kann die Politik tun?

Kettemann nennt mehrere Hebel: gezielte Exportkontrollen für sicherheitsrelevante Technologien, öffentliche Aufträge bevorzugt an heimische und europäische Firmen, Schutz vor Übernahmen aus dem Ausland – alles im Rahmen des EU-Rechts.

Es gehe nicht um neuen Protektionismus. Aber: „Es gibt eine staatliche Verantwortung, Innovation zu fördern.“

Den Mangel an Wagniskapital, die Fragmentierung und die fehlende Aufbruchsstimmung in Europa hatte zuletzt auch Ex-EZB-Chef Mario Draghi angeprangert. Europa müsse sich schon heute auf einen europäischen Quantenfonds vorbereiten.

Statt mehr Bürokratie brauche es die richtige Regulierung – und Freiräume zum Experimentieren, sogenannte Sandboxes. Kettemanns Beispiel: ein Quanten-Start-up, das mit einer Klinik bessere Vorhersagen über Krankheitsverläufe testet. „Alles, was es wert ist, ausprobiert zu werden, hat Risiken.“ Entscheidend seien Begleitforschung und Kontrolle.

Österreich hat keine Ölquellen – nur Köpfe

Sein eindringlichstes Argument hebt sich Kettemann für den Schluss auf.

Europa müsse jungen Forschern und Gründern wieder das Gefühl geben, etwas bewegen zu können. Viele Studenten suchten heute vor allem die sichere Karriere – verständlich, aber fatal für einen Kontinent, der nur über kluge Köpfe gewinnen könne. „Wir werden keine neuen Ölquellen in der Wachau finden. Österreich und Europa können nur über unsere Köpfe gewinnen.“

Vieles laufe schon gut, etwa die „Quantendiplomatie“ des Außenministeriums. Jetzt müsse Österreich rasch mit anderen EU-Staaten gemeinsame Zusagen schmieden – und den Menschen nicht vergessen.

Denn eine Sache dürfe man nie aus den Augen verlieren: Am Ende soll der Mensch profitieren. Das gehe nicht, wenn man die Entwicklung einigen wenigen Firmen überlasse.

Genau das ist bei Social Media und KI schiefgelaufen. Bei Quantum hat Österreich noch eine Chance – aber nur, wenn es sie nutzt.