Ein großer Teil der Verdächtigen arbeitete laut dem öffentlich-rechtlichen Sender SVT in der häuslichen Pflege oder in Pflegeheimen. Besonders häufig geht es um die sogenannte „hemtjänst“ – also jene Betreuung, bei der Pflegekräfte alte Menschen direkt in deren Wohnungen besuchen.

Nicht alle Fälle gehören allerdings in den Pflegebereich: 32 Anzeigen betrafenFrauen zwischen 60 und 70 Jahren, bei denen unbekannte Männer die Frauen nach Feiern nach Hause begleitet haben sollen. Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte liegt dennoch auf Pflege und Betreuung – weil dort die Täter ausgerechnet über Vertrauen und beruflichen Zugang zu den Opfern verfügten.

Opfer waren oft wehrlos

Viele Betroffene waren hochbetagt, krank, dement oder körperlich eingeschränkt. Die Täter nutzten offenbar nicht nur ihre körperliche Überlegenheit aus, sondern auch das Vertrauen, das Pflegekräfte automatisch genießen.

Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele ältere Opfer könnten sich nicht erinnern, könnten sich nicht mitteilen oder würden aus Scham und Angst schweigen. Andere würden möglicherweise gar nicht ernst genommen.

Täter kamen in die Wohnung

Besonders heikel ist die Rolle der häuslichen Pflege. Dort kommen Mitarbeiter regelmäßig direkt in die Wohnungen alter Menschen. Sie helfen beim Waschen, Anziehen, Essen oder bei Medikamenten. Für Täter bedeutet das: Sie sind mit dem Opfer oft allein.

In Uppsala wurde ein Pfleger zu einer langen Haftstrafe verurteilt, nachdem er mehrere ältere Frauen sexuell missbraucht und seine Taten teilweise gefilmt hatte. Die Frauen waren ihm anvertraut. Er hatte durch seine Arbeit Zugang zu ihren Wohnungen.

In Stockholm berichtete Aftonbladet über einen besonders schockierenden Fall: Ein irakischer Staatsbürger, der als Pflegehelfer arbeitete, wurde wegen Vergewaltigung einer 100-jährigen Frau verurteilt. Die Tat ereignete sich in ihrer eigenen Wohnung.

Auch Pflegeheime betroffen

Nicht nur die häusliche Pflege ist betroffen. Auch in Pflegeheimen kam es zu schweren Übergriffen.

In Timrå wurde ein Mann verurteilt, der eine demente Frau vergewaltigt hatte. Laut SVT gab es bereits frühere Vorwürfe gegen ihn in anderen Demenz-Einrichtungen. Die Kommune räumte später Fehler bei der Anstellung ein.

Es geht nicht nur um die, sondern auch um Kontrolle, Auswahl, Personalprüfung und die Frage, wie gut Pflegebedürftige tatsächlich geschützt werden.

Kaum frühere Verdachtsmomente

Bemerkenswert ist allerdings: Laut dem Polizeikriminologen Anders Östlund waren nur sehr wenige der nun angezeigten Verdächtigen zuvor bereits strafrechtlich auffällig.

Das macht die Debatte für Schweden noch schwieriger. Denn einfache Sicherheitschecks allein reichen offenbar nicht immer aus, um solche Täter rechtzeitig zu erkennen. Umso stärker rücken Ausbildung, Kontrolle, Meldepflichten und der Umgang mit Warnsignalen in den Fokus.

Herkunft in mehreren Fällen Thema

Schwedische Medien nennen in mehreren verurteilten oder angeklagten Fällen Täter mit Herkunft oder Staatsbürgerschaft aus Afrika oder dem arabischen Raum. In einem Fall berichtete Aftonbladet von einem irakischen Staatsbürger. In weiteren Fällen wurden laut schwedischen Medien Namen und Herkunft aus Ländern wie Eritrea, Somalia, Afghanistan oder Irak genannt.

Eine offizielle Gesamtstatistik zur Herkunft der Verdächtigen gibt es in der 143er-Auswertung nicht. Die Polizei führt diese Information in der veröffentlichten Darstellung nicht als eigene Kategorie. Öffentlich wurde die Herkunft daher vor allem durch konkrete Medienberichte über einzelne Gerichts- und Ermittlungsfälle.

Regierung prüft neue Regeln

Die schwedische Regierung reagiert in der Zwischenzeit. Nach mehreren bekannt gewordenen Übergriffen sollen ältere Menschen künftig wählen können, ob sie von Männern oder Frauen gepflegt werden.

Älterenministerin Anna Tenje sagte dazu: Keine Mutter, Großmutter oder Ehefrau solle sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigung in der Altenpflege ausgesetzt sein.

Der Vorschlag zeigt, wie ernst die Lage in Schweden in der Zwischenzeit genommen wird. Denn die Frage berührt einen sensiblen Punkt: Sicherheit der Pflegebedürftigen auf der einen Seite, Gleichbehandlung des Personals auf der anderen.

Kommunen unter Druck

Die Debatte trifft auch Städte und Gemeinden. Denn sie tragen in Schweden eine zentrale Verantwortung für die Altenpflege. Nach den bekannt gewordenen Fällen geht es nun darum, wie rasch Verdachtsfälle gemeldet werden, wie genau Bewerber geprüft werden und ob Angehörige rechtzeitig informiert werden.

Für viele Familien ist der Gedanke unerträglich: Sie geben Mutter, Vater oder Großmutter in Betreuung – und müssen fürchten, dass gerade diese Nähe zur Gefahr wird.

Schweden steht nun vor einer schwierigen Aufarbeitung. Im Zentrum stehen Personalprüfung, Meldewege, Kontrolle und der Schutz jener Menschen, die sich selbst oft kaum noch wehren können.