Drei Tage vor ihrem Tod veröffentlichte Jamey Carney auf Instagram ein gemeinsames Foto mit jenem Mann, den mehrere Medien in der Zwischenzeit als Ahmad Alsaqer beziehungsweise Ahmed Al-Saqar bezeichnen. Die irische Polizei hat seinen Namen bisher nicht offiziell bestätigt.

Auf dem Bild stehen beide vor einer künstlich wirkenden Times-Square-Kulisse. Sie trägt ein Knicks-Shirt, er ein Giants-Shirt. Dazu schrieb Carney: „Happy 4th y’all“ – ein Gruß zum amerikanischen Unabhängigkeitstag.

Kurz darauf war die Mutter einer 13-jährigen Tochter tot.

Auf Pro-Palästina-Kundgebung kennengelernt?

Carney zeigte sich öffentlich als Pro-Palästina-Unterstützerin. Auf ihren Instagram- und Facebook-Profilen stand „Free Palestine“. Laut Irish Times war sie in der lokalen Gruppe „Killarney For Palestine“ aktiv und besuchte auch Kundgebungen in Dublin und Cork.

Ein Instagram-Reel zeigt Carney und den gesuchten Mann offenbar gemeinsam bei einer Pro-Palästina-Demonstration. Genau dort könnte auch ihre Beziehung begonnen haben: Laut Irish Sun prüft die Polizei die Theorie, dass die beiden einander bei einer Pro-Palästina-Kundgebung kennengelernt haben könnten. Die New York Post schreibt konkreter, Carney habe ihn vor rund eineinhalb Jahren bei einer Anti-Israel-Demonstration kennengelernt.

US-Mutter tot in Killarney

Carney wurde in ihrem Haus im irischen Touristenort Killarney im County Kerry gefunden. Sie stammte ursprünglich aus Westchester County nördlich von New York City und war 2021 nach Irland gezogen. Laut Irish Times sollen zwei ihrer Großeltern aus County Kerry stammen.

Die 43-Jährige lebte mit ihrer Tochter in einem gemieteten Haus im Homeland Estate an der Muckross Road. Sie arbeitete seit rund viereinhalb Jahren für das Gesundheitsunternehmen RelateCare in Tralee. Zuvor war sie in den USA unter anderem als Versicherungsagentin und Immobilienmaklerin tätig gewesen.

In Killarney galt Carney als gut integriert und beliebt. Ein Cousin berichtete, sie habe ein schönes Land gesucht, um dort ihre Tochter aufzuziehen. Sie habe ein „Herz aus Gold“ gehabt.

Tochter schlug Alarm

Die Gardaí, die irische Polizei, haben eine Mordermittlung eingeleitet. Nach bisherigen Erkenntnissen dürfte Carney bereits in der Nacht auf Dienstag getötet worden sein. Ihre Leiche wurde aber erst am Dienstagmittag entdeckt.

Besonders brisant: Zu diesem Zeitpunkt soll der Mann, den die Ermittler befragen wollen, Irland bereits verlassen haben. Nach Angaben der Polizei reiste eine „Person von Interesse“ in den frühen Morgenstunden aus – noch bevor Carneys Tod entdeckt und den Behörden gemeldet wurde.

Wie genau der Alarm ausgelöst wurde, schildern irische Medien nicht einheitlich. Nach übereinstimmenden Berichten machte sich Carneys 13-jährige Tochter Sorgen um ihre Mutter. Die Irish Times schreibt, ein Familienmitglied habe die Leiche gefunden. Andere berichten, die Tochter habe zunächst eine Vertrauensperson verständigt beziehungsweise die Entdeckung gemacht.

Ein leitender Ermittler wurde eingesetzt, in der Polizeistation Killarney wurde ein eigener Ermittlungsraum eingerichtet. Ein Family Liaison Officer betreut die Angehörigen der getöteten Frau. Das US-Außenministerium bestätigte den Tod der amerikanischen Staatsbürgerin im County Kerry. Man unterstütze die Familie konsularisch.

Gesuchter war ihr Freund

Beim gesuchten Mann handelt es sich laut Medienberichten um einen 28-jährigen Asylwerber aus Jordanien.  Der Mann soll 2024 nach Irland gekommen sein, internationalen Schutz beantragt und in einem IPAS-Zentrum in Killarney gelebt haben. IPAS ist das irische System für staatliche Unterkünfte von Personen, die internationalen Schutz beantragen.

Er soll zuvor in Frankreich und zeitweise auch in Großbritannien gelebt haben. Laut Irish Sun soll er Verbindungen nach Nordirland haben und von dort in die Republik Irland gekommen sein. Sein Antrag auf internationalen Schutz soll noch geprüft worden sein.

Der Gesuchte hielt sich gelegentlich in Carneys Haus auf. Auf Instagram bezeichnete ihn Carnegey als ihren Freund.

Flucht nach Istanbul?

Ermittler gehen davon aus, dass der Mann am frühen Dienstagmorgen einen Bus von Killarney nach Dublin nahm und anschließend einen Flug in die Türkei bestieg. Für die Einreise in die Türkei benötigte er demnach kein Visum.

Unklar ist nun, ob er sich noch in der Türkei aufhält oder von Istanbul aus weitergereist ist. Laut irischen Quellen prüfen die Ermittler mögliche Kontakte des Mannes in der Türkei und in Frankreich. Auch eine Weiterreise nach Jordanien oder Syrien steht demnach im Raum.

Europol und Interpol wurden eingeschaltet.

Rechtlich ist die Lage kompliziert: Nach irischem Recht ist eine Auslieferung bloß zur Befragung nicht möglich. Die Gardaí könnten sie erst beantragen, wenn die Staatsanwaltschaft eine Anklage angeordnet hat.

Romantische Postings auf Instagram

Carneys Instagram-Profil zeigte zahlreiche gemeinsame Fotos und Videos mit ihrem Freund. Die beiden sind auf Spaziergängen, am Strand, beim Kaffee und bei Ausflügen zu sehen. „Die irische Sonne genießen“ („Soaking up the Irish sun“) schreibt Carney kurz vor ihrem Tod zu mehreren gemeinsamen Fotos.

Zu einem Strandvideo schrieb Jamey Carney: „Wir verstehen einander vielleicht nicht immer über die Sprache – aber bei den wichtigen Dingen verstehen wir einander. Und genau das zählt am meisten.“ In einem anderen Video liegt der Mann mit dem Kopf in ihrem Schoß. In einem weiteren Posting umarmen sich die beiden. Carney schrieb dazu: „He continues to show me what safe love is“ – er zeige ihr weiterhin, was sichere Liebe sei.

Arabische Begriffe und religiöse Wendungen tauchten in Carneys Postings wiederholt auf. Ein Kaffeevideo versah sie mit „learning Arabic“ und „alhamdulillah“ – „Gott sei Dank“. In einer Foto- und Video-Zusammenstellung schrieb sie: „I’m his flower/warda and he’s my moon/qamar“ – sie sei seine Blume, er ihr Mond.

Ein weiteres Posting zeigt die beiden vor der berühmten Felsenfassade von Petra in Jordanien, bekannt aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Das Bild ist offenbar montiert. Dazu schrieb Carney: „Soon inshallah“ – „bald, so Gott will“.

Der Mann war auch in Carneys Alltag sichtbar. Ein Foto zeigte ihn mit Carney, ihrer Tochter und dem Hund; auf weiteren Videos sieht man sei bei gemeinsamen Ausflügen und beim gemeinsamen Spielen mit dem Hund.

Todesursache: Ersticken

Vieles deutet auf einen brutalen Angriff hin. Carney soll schwere Kopf- und Halsverletzungen erlitten haben. Nach der Obduktion durch Staatspathologin Dr. Linda Mulligan war die Todesursache jedoch Ersticken.

Es gibt zudem Hinweise, dass die 43-Jährige versucht haben könnte, sich zu verteidigen. Der Raum soll stark blutverschmiert gewesen sein. Carney lag demnach in ihrem Bett, ihr Körper war mit einer Decke bedeckt.

Am späten Montagabend – kurz vor dem tödlichen Angriff – soll ein Streit zwischen Carney und einem Mann im Haus zu hören gewesen sein. Ermittler gehen davon aus, dass Carney bereits spät am Montagabend oder in den frühen Dienstagstunden getötet wurde. Ihre Leiche könnte bis zu 13 Stunden unentdeckt geblieben sein.

Laut TheJournal.ie prüfen die Ermittler mittlerweile auch Social-Media-Spuren. Der Gesuchte soll über mehrere Profile verfügen. Auf mindestens einem Account soll es nach der Tat noch Aktivität gegeben haben; ein Konto sei von öffentlich auf privat gestellt worden.

Killarney unter Schock

Carneys Mutter und Schwester leben in den USA, sind aber mittlerweile nach Irland gereist, um bei der Tochter zu sein. Der Vater starb vor elf Monaten.

Der Fall trifft Killarney mitten in der Tourismussaison. In der Stadt lief gerade das „Summer in Killarney“-Festival. Die Straßen waren voller Besucher, Kutschen und Busse auf dem Weg zu den Seen und zum Ring of Kerry. Dann kam die Nachricht vom Tod der 43-Jährigen.

Vor dem Eingang der Wohnsiedlung lag später ein Strauß aus gelben und roten Rosen. Bürgermeister John O’Donoghue sprach von einem Schock für die ganze Stadt. Eine dunkle Wolke habe sich über den Ort gelegt. Die Luft sei aus der Stadt gewichen.

Gemeinderat Martin Grady, der Carney persönlich kannte, beschrieb sie als liebevolle und fürsorgliche Mutter, die immer gelächelt habe. Die Gemeinde wolle nun hinter der Familie stehen.