Seit Jahren kursiert der Vorwurf: Zivile Seenotretter arbeiten Schleusern im zentralen Mittelmeer zu und nehmen ihnen damit faktisch einen Teil des Geschäfts ab. Ein Video der EU-Grenzschutzagentur Frontex vom 11. Mai liefert dafür nun das bisher schärfste Bildmaterial. Zu sehen ist keine hektische Rettung. Zu sehen ist eine ruhige, organisierte Übergabe: Bewaffnete Männer mit Sturmhauben reichen Migranten an die Beiboote der „Sea-Watch 5“ weiter.

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Die Szene vor Sabratha

Vor der libyschen Küste wartet an diesem Tag ein Schnellboot mit rund 90 Migranten. An Bord: fünf vermummte Männer in paramilitärischer Kleidung. Das Frontex-Überwachungsflugzeug „Eagle 1“ filmt aus der Luft, wie die „Sea-Watch 5“ zwei orangefarbene Beiboote aussetzt und direkt auf das Schnellboot zusteuert.

Keine Rettung erkennbar

Die Bilder zeigen weder Menschen im Wasser noch ein sinkendes Boot noch erkennbare Panik. Die See ist ruhig. Die Migranten tragen bereits Schwimmwesten und steigen der Reihe nach um. Ein vorheriger Notruf ist nicht dokumentiert. Nichts an diesen Aufnahmen deutet auf eine Rettung in akuter Seenotlage hin, wie die NGO Sea-Watch später behaupten wird.

Carola Rackete, frühere Kapitänin der „Sea-Watch 3“, bei einer Buchpräsentation 2019 in Berlin. Im selben Jahr fuhr sie entgegen einem italienischen Verbot mit Migranten in den Hafen von Lampedusa ein und kollidierte dabei mit einem Boot der Finanzpolizei. Später forderte die Linksextremistin unter anderem die Abschaffung von Grenzen, Frontex und Kapitalismus sowie die Enteignung großer Energiekonzerne.
Carola Rackete, frühere Kapitänin der „Sea-Watch 3“, bei einer Buchpräsentation 2019 in Berlin. Im selben Jahr fuhr sie entgegen einem italienischen Verbot mit Migranten in den Hafen von Lampedusa ein und kollidierte dabei mit einem Boot der Finanzpolizei. Später forderte die Linksextremistin unter anderem die Abschaffung von Grenzen, Frontex und Kapitalismus sowie die Enteignung großer Energiekonzerne.

Daumen hoch, dann Vollgas zurück

Nach der Übergabe winkt einer der Maskierten den Sea-Watch-Helfern zu und hebt den Daumen. Dann beschleunigt das Schnellboot und fährt zurück Richtung Libyen – offenbar ohne jedes Risiko, aufgehalten zu werden. Für die italienische Zeitung Il Giornale, die diese Aufnahmen zuerst veröffentlichte, ist genau das die „pistola fumante“, die rauchende Pistole.

Schnellboot kam aus Sabratha

Nach Informationen von Il Giornale war das Boot zuvor aus der Gegend um Sabratha westlich von Tripolis ausgelaufen, ausgestattet mit zwei starken Außenbordmotoren und einer Starlink-Satellitenanlage. Es soll mit laufenden Motoren gewartet haben, rund 27,7 Seemeilen vor der libyschen Küste, innerhalb der libyschen Such- und Rettungszone. Diese Einzelheiten stammen aus dem Umfeld der italienischen Ermittlungen; unabhängig bestätigt sind bislang vor allem die Frontex-Aufnahmen selbst.

428 Migranten an Bord der „Sea-Watch 3“ vor ihrer Ausschiffung im italienischen Reggio Calabria im September 2022. Sea-Watch hatte nach zehn Tagen auf See die Zuweisung eines sicheren Hafens verlangt.
428 Migranten an Bord der „Sea-Watch 3“ vor ihrer Ausschiffung im italienischen Reggio Calabria im September 2022. Sea-Watch hatte nach zehn Tagen auf See die Zuweisung eines sicheren Hafens verlangt.

Ermittlungen gegen den Kapitän

Das Video stammt nicht von einem politischen Gegner von Sea-Watch, sondern von Frontex – und liegt der italienischen Justiz vor. Die Staatsanwaltschaft Brindisi ermittelt nun gegen den niederländischen Kapitän der „Sea-Watch 5“ wegen des Verdachts der Beihilfe zur unerlaubten Einreise. Das Schiff lief wenige Tage später mit insgesamt 166 Migranten in Brindisi ein. Küstenwache und Polizei gingen an Bord, sicherten Dokumente und Ausrüstung und nahmen zwei Besatzungsmitglieder zur Befragung mit. Eine Anklage gibt es bislang nicht.

Sea-Watchs Verteidigung: akute Seenot

Sea-Watch hat sich für die Vorwürfe eine offizielle Verteidigungslinie zurecht gelegt: Es weist jede Zusammenarbeit mit Schleusern zurück und spricht von einer „Diffamierungskampagne“ der extremen Rechten. Die Crew habe ein überfülltes Boot in Seenot entdeckt, zwei Menschen seien bewusstlos gewesen, mehrere schwer geschwächt, weitere unter Deck eingeschlossen. Rettungs- und Navigationsausrüstung habe gefehlt. Die maskierten Männer seien eine Gefahr gewesen – das ruhige Verhalten der Crew sei bewusste Deeskalation, keine Vertrautheit.

Warum das nicht überzeugt

Diese Version erklärt nicht, wie es zu der auffällig reibungslosen Übergabe kam. Wie fand Sea-Watch das Boot? Gab es vorher Koordinaten oder Funkkontakt? Und warum konnten die mutmaßlichen Schleuser anschließend ungehindert nach Libyen zurückfahren, statt von der Küstenwache oder Behörden gestoppt zu werden?

Bardella und Leggeri sehen sich bestätigt

Ex-Frontex-Chef Fabrice Leggeri sieht seine jahrealten Warnungen bestätigt: Kontakte zwischen NGOs und Schleusern, weitergegebene GPS-Daten, nächtliche Lichtsignale, abgeschaltete Ortungssender. Jordan Bardella, Chef der französischen Oppositionspartei Rassemblement National, spricht von einem Beweis für die Zusammenarbeit migrationsfreundlicher NGOs mit Schlepperbanden. Er fordert den Entzug öffentlicher Gelder und die Beschlagnahmung der Schiffe.

Sea-Watch inszeniert sich als Opfer einer Kampagne der extremen Rechten. Doch die entscheidenden Bilder stammen nicht von einem rechten Blog, sondern von Frontex, und liegen der italienischen Justiz vor. Aus einem jahrealten politischen Vorwurf ist damit erstmals eine konkrete Ermittlungsfrage geworden.