Samstag, 11 Uhr, Calle Joan Miró: Es ist Samstagvormittag in Esplugues de Llobregat, einem Vorort von Barcelona, wenige hundert Meter neben dem Kinderkrankenhaus Sant Joan de Déu. Eine Frau geht durch die Straße. Ein Mann zieht ein großes Messer und sticht zu. Ein Passant, der ihr zu Hilfe eilen will, wird leicht verletzt. Die Frau stirbt am Tatort. Die katalanische Regionalpolizei (Mossos d’Esquadra) nimmt den mutmaßlichen Täter eine Stunde später im Barceloneser Viertel Les Corts fest — Identität und Motiv stehen unter Ermittlungsgeheimnis.

Was wir wissen, beruht auf Berichten spanischer Medien und offiziellen Einlassungen. Konservative Medien wie El Debate und Libertad Digital berichten unter Berufung auf Augenzeugen, der Angreifer habe beim Zustechen religiöse Rufe ausgestoßen — konkret „Allahu Akbar“. Offiziell bestätigt ist das nicht. Die katalanische Innenministerin Núria Parlon von den Sozialdemokraten erklärte tags darauf, ein dschihadistischer Hintergrund werde nach bisherigem Stand nicht angenommen; die Ermittler prüften vielmehr die Hypothese eines akuten psychotischen Ausbruchs. Auch eine Beziehungs- oder Familientat wurde im Lauf der Ermittlungen ausgeschlossen, nachdem der Fall anfangs in diese Richtung eingeordnet worden war. Der Fall steht weiterhin unter Justizgeheimnis.

Klar ist nur eines: Eine Frau ist auf offener Straße erstochen worden. Es ist nicht der einzige Vorfall an diesem Wochenende.

Vier Messerangriffe in 24 Stunden

Laut Antena 3, El Debate und mehreren weiteren spanischen Medien registrierten Polizei und Rettungsdienste im Großraum Barcelona an diesem Wochenende vier Messerangriffe mit zwei Toten und mehreren Verletzten. Antena 3 sprach von vier Attacken in nur 24 Stunden, El Debate von einem „schwarzen Wochenende“. Betroffen waren neben Esplugues auch das Stadtviertel Raval mitten in Barcelona, die Nachbarstadt L’Hospitalet de Llobregat und das Hafenareal Fórum. Im Raval tötete in der Nacht zum Sonntag ein Minderjähriger einen Mann auf offener Straße. Die katalanische Opposition fordert seither die Vorladung von Regierungschef Salvador Illa – ebenfalls Sozialdemokrat – ins Regionalparlament.

Die Häufung der Vorfälle ist belegt. Was nicht belegt ist: ein gemeinsames Motiv. Auf den sozialen Netzen häufen sich unterdessen Vorwürfe gegen Migration, den linken Ministerpräsident Pedro Sánchez und die EU.

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„Wir trauen uns nicht mehr raus" — zwei Frauen erheben ihre Stimme

Während Polizei und Politik nach Erklärungen suchen, läuft auf X, Instagram und Facebook ein anderes Video heiß. Zwei junge Spanierinnen stehen vor der Kamera. Sie reden nicht über Parteiprogramme, nicht über Ideologie, nicht über abstrakte Statistiken. Sie sagen nur: „Wir haben Angst.“ Angst vor Gruppen junger Männer, vor Belästigung, Diebstahl, sexueller Gewalt. Deshalb wollen sie nicht mehr auf die Straße gehen.

Veröffentlicht hat das Video die Plattform La Derecha Diario – ein konservatives Medienprojekt um den spanischen Journalisten Javier Negre und den argentinischen Kommunikationsstrategen Fernando Cerimedo. Negre erwarb 2024 fünfzig Prozent der ursprünglich argentinischen Plattform, die bei linken spanischen Medien wie Público und El Plural hochumstritten ist.

Eine der Frauen schildert Gruppen von 20 bis 30 Männern, die Frauen anstarrten, belästigten, verfolgten. Eine andere sagt direkt in die Kamera: „Man kann nicht mehr auf die Straße. Ich habe Angst. Sie stehlen, vergewaltigen, begehen Straftaten. Raus, in ihr Land — sofort!“ Diese Mischung aus Angst und Wut trifft offensichtlich einen Nerv.

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Massiver Anstieg bei Sexualstraftaten

Wer die Stimmungslage am Schreibtisch wegmoderieren will, stößt schnell auf einen Befund, der sich nicht wegmoderieren lässt.

Im ersten Quartal 2025 sank die Gesamtkriminalität in Spanien laut Innenministerium um 2,8 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Sexualdelikte um 3,8 Prozent. Vergewaltigungen und vergleichbar schwere Sexualstraftaten legten sogar um 7,6 Prozent zu. Für das Gesamtjahr 2025 wurden 21.659 Delikte gegen die sexuelle Freiheit registriert, 2,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Noch deutlicher wird das Bild bei den Verurteilten. Das spanische Statistikamt INE meldete für 2024 insgesamt 3.936 erwachsene verurteilte Sexualstraftäter — 37,3 Prozent mehr als ein Jahr davor. Dazu kamen 550 verurteilte Minderjährige, ein Plus von 29,7 Prozent. Der Sprung bei den Delikten selbst ist außergewöhnlich: Die Zahl der von Erwachsenen begangenen Sexualstraftaten stieg laut INE 2024 um 50,8 Prozent auf 5.230.

Bei Vergewaltigung, Menschenhandel und Prostitution Minderjähriger explodieren die Zahlen

Innerhalb dieser Gesamtzahl stechen einzelne Kategorien noch heraus. Sexuelle Aggressionen mit körperlicher Gewalt verdoppelten sich auf 1.389 Fälle (+105,5 Prozent). Verurteilungen für die schwerste Subkategorie — die seit der Reform 2022 als „Violación“ geführte Vergewaltigung — stiegen von 30 auf 90 Fälle, ein Plus von 200 Prozent. Verurteilungen wegen Menschenhandels zu sexueller Ausbeutung legten um 248,9 Prozent zu (157 Fälle). Bei den Minderjährigen explodierten die Verurteilungen wegen Prostitution und Verführung Minderjähriger um 615,6 Prozent auf 229 Fälle. Auch wenn die absoluten Zahlen in den Subkategorien teils klein sind: Die Steigungsraten sind eine Größenordnung jenseits des üblichen.

Das INE selbst mahnt zur vorsichtigen Interpretation: Die Urteile des Jahres 2024 betreffen auch Taten aus früheren Jahren, zudem wirken die Reform des Sexualstrafrechts und veränderte Anzeigebereitschaft in die Statistik hinein. Das Innenministerium führt den Anstieg ausdrücklich teilweise auf politische Kampagnen gegen Sexualgewalt zurück, durch die mehr Betroffene Anzeige erstatten. Die offiziellen Zahlen sagen also nicht zwingend, dass real mehr passiert — sie sagen, dass mehr aktenkundig wird. Beruhigend ist das nicht. Ein Trend bleibt es trotzdem.

Der unbequeme Befund: Ausländer sind überrepräsentiert

Politisch heikel wird es beim Blick auf die Täterstruktur. Das INE weist die Nationalität sowohl bei den allgemeinen Verurteiltenzahlen als auch bei den Sexualdelikten gesondert aus.

Bei allen erwachsenen Verurteilten hatten 2024 rund 71,4 Prozent die spanische Staatsbürgerschaft. Bezogen auf die Bevölkerung kippt das Bild: Die Verurteiltenrate ausländischer Erwachsener lag laut INE bei 15,7 pro 1.000 Einwohner, jene spanischer Staatsbürger bei 6,2 — also rund das 2,5-Fache. Diese Rate bezieht sich auf alle Verurteilungen, nicht spezifisch auf Sexualdelikte. Auch bei Minderjährigen ist die Überrepräsentation Ausländischer in den allgemeinen Zahlen messbar (10,9 zu 5,8 pro 1.000).

Speziell für Sexualdelikte enthält die INE-Pressemitteilung keine Nationalitätsaufschlüsselung; sie liegt nur in den dahinterliegenden Datenbanktabellen des Statistikamts.