Diese Lektion sei etwa für den britischen Premierminister Boris Johnson „sehr wichtig“ gewesen. Nachdem ihn seine Berater von der Dringlichkeit des Klimaproblems überzeugt hatten. Im Jänner 2022 hatten sie ihm Prognosen zur globalen Erwärmung präsentiert.
„Unrealistisch“
Was der Premierminister nicht ahnte: Das präsentierte Extremszenario RCP8.5 hatten Wissenschaftler längst als unrealistisch entlarvt. Trotzdem wurde es von Regierungsstellen genutzt – nicht nur in Großbritannien. Das reißerischste Klima-Narrativ bestimmt seit mehr als einem Jahrzehnt wissenschaftliche Studien, Medien und Politik. Nun ist es Geschichte. In der neuen Sammlung der Klimaszenarien des World Climate Research Programme (WCRP) ist es nicht mehr vertreten. RCP8.5 wird laut der Welt durch mildere Szenarien ersetzt. Auch die anderen etablierten Klimaszenarien werden erneuert.
Energiewende als Faktor
Wenn die Emissionen bis Ende des Jahrhunderts konstant bleiben (was Experten wegen der eingeleiteten Energiewende als pessimistisch erscheint), dann gelangten weitere 3200 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft; nicht einmal die Hälfte des RCP8.5-Szenarios wäre erreicht.
Erste Hinweise 2014
Schon 2014 war dem Klimawissenschaftler Justin Ritchie aufgefallen, dass der Extremfall einen exorbitanten Kohle-Boom voraussetzen müsste. Um das RCP8.5-Szenario zu erreichen, müsste die Menschheit pro Tag mehr als ein Kohlekraftwerk bauen, die Verbrennung von Kohle verfünffachen und ihren jährlichen CO₂-Ausstoß verdoppeln. Das war nie realistisch. Dennoch ist RCP 8.5 im jüngsten UN-Klimareport das am meisten präsentierte Klimaszenario.
Bewusste Panikmache?
Neben RCP8.5 wurden deswegen bald weitere Modelle zur Verfügung gestellt: RCP2.6, RCP4.5 und RCP6.0 – doch die spielten bald eine Nebenrolle. Studien mit RCP8.5 versprachen mehr Aufmerksamkeit und große Schlagzeilen.
Milliardäre als Lobby
Angeführt von den Milliardären Tom Steyer und Michael Bloomberg in den USA, die der Demokratischen Partei nahestehen, nutzte eine einflussreiche Lobby das Szenario: Klimastudien wurden beauftragt, um die Unterstützung für erneuerbare Energien zu erhöhen. Sogar das bedeutende Wissenschaftsmagazin Science präsentierten diese Arbeiten, die beispielsweise für die USA einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zehn Prozent und eine Erwärmung um acht Grad bis Ende des Jahrhunderts in Aussicht stellten.

Gehäufte Kritik
Seit 2020 aber häufen sich Kommentare aus der Klimaforschung, die betonen, RCP8.5 nicht als realistisches Szenario zu behandeln. Nun der Kurswechsel: Klimaforscher um Detlef van Vuuren, führender Szenarien-Entwickler, der schon früh kritisiert hatte, dass RCP8.5 fälschlicherweise als wahrscheinlich präsentiert wurde, erklärte: Das RCP8.5-Szenario sei unplausibel.
Neubewertungen keine Entwarnung
Die Neubewertungen bedeuten mithin keine Entwarnung: Auch neue Extremszenarien würden mit hohen Klimarisiken einhergehen, betont etwa der Szenarien-Forscher Zeke Hausfather vom Klimainstitut „Berkeley Earth”. Dass die Erwärmung drei Grad überschreiten könnte, erscheine weiterhin möglich.
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„Zombie-Szenario“
Aber: Das RCP8.5-Szenario wird die Klimaforschung weiterhin prägen. Jahre dürften vergehen, bis Wissenschaftler Klimafolgen auf die neuen Szenarien umgerechnet haben. Der nächste UN-Klimareport aber soll bereits in zwei Jahren erscheinen – gut möglich, dass RCP8.5 darin wie eine Art „Zombie-Szenario“ weiterlebt.

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