Während in den USA Klimaanlagen so selbstverständlich sind wie fließendes Wasser, schwitzt Europa lieber – und zwar aus Prinzip. Das amerikanische „Wall Street Journal” widmet dem Phänomen nun einen ausführlichen Bericht und kommt aus dem Staunen nicht heraus: Trotz immer heißerer Sommer verweigert sich Europa ausgerechnet jener Technologie, die laut Weltklimarat am wirksamsten gegen tödliche Hitze schützt.

Die Zahlen sind ernüchternd: In Italien verfügen laut dem Bericht rund 56 Prozent der Haushalte über eine Klimaanlage, in Frankreich nur 25 Prozent, in Großbritannien gar nur fünf Prozent. Die Folge: Europas Hitzewellen fordern regelmäßig Zehntausende Todesopfer – deutlich mehr als in den USA. Wissenschaftler führen das auch auf die fehlende Kühlung zurück.

Pflegeheime wie Backöfen – aber Ministerin „entsetzt" über Kühlungs-Rufe

Bei der jüngsten Hitzewelle kletterte das Thermometer in Paris an zwei Tagen über 40 Grad – das gab es seit Beginn der Aufzeichnungen erst an drei anderen Tagen. Spitäler und Pflegeheime ohne Kühlung verwandelten sich in Backöfen, Personal klebte Reflexfolien an die Fenster. „Es ist absolut furchtbar”, schilderte der Notfallmediziner Wilfrid Sammut aus Versailles dem „Wall Street Journal” – selbst Pfleger und Ärzte würden in der unerträglichen Hitze krank.

Die Politik streitet indes ideologisch: Frankreichs Rechtsaußen-Chefin Marine Le Pen fordert einen „großen Klimaanlagen-Plan” und nennt es beschämend, dass Neugeborene, Kranke und Alte solche Hitzewellen ertragen müssen. Frankreichs Klimaministerin Monique Barbut hält dagegen – sie sei „entsetzt” über Menschen, die überall Klimaanlagen installieren wollten. Verhindere das etwa Waldbrände oder Ernteausfälle?

Brisant dabei: Der Weltklimarat IPCC – sonst gern zitierte Instanz der Klimapolitik – stuft Klimaanlagen als hochwirksame Antwort auf Hitzewellen ein. Städtische Begrünung, wie sie Paris und Berlin forcieren, bekommt hingegen nur eine niedrige Wirksamkeits-Bewertung.

Fünf Dezibel als Grenze: Rollstuhlfahrer kämpft seit zwei Jahren vor Gericht

Wie absurd der Kampf gegen die Kühlung mitunter wird, zeigt der Fall des Parisers Luca Funaro: Der weitgehend gelähmte Rollstuhlfahrer, der mit einem Beatmungsgerät lebt, will in seiner Wohnung eine Klimaanlage installieren. Die Nachbarn blockieren – das Gerät sei zu laut. Seit zwei Jahren läuft der Rechtsstreit, die Familie hat bereits Tausende Euro investiert. Während der jüngsten Hitzewelle stand das Gerät unbenutzt am Boden.

Kein Einzelfall: Nach französischem Recht kann die Hausgemeinschaft eine Anlage blockieren, wenn sie tagsüber mehr als fünf Dezibel erzeugt – ungefähr so laut wie eine leichte Brise. In London mussten Hausbesitzer ihre Klimaanlagen sogar wieder abmontieren, weil sie zuvor keine „klimafreundlicheren” Alternativen wie Deckenventilatoren ausprobiert hatten.

Immerhin: Der Widerstand bröckelt. Londons Bürgermeister Sadiq Khan fordert mittlerweile Klimaanlagen für Schulen, Büros und Spitäler.