Ein verlustbringendes Schloss, elf direkte Beteiligungen und Kontrollberichte, die mit bis zu 17,7 Monaten Verspätung kamen: Der Rechnungshof zeichnet ein hartes Bild der Wirtschaftskammer Wien.

Der Prüfzeitraum von 2020 bis 2024 fällt vollständig in die Amtszeit von Präsident Walter Ruck. Auch sämtliche vom Rechnungshof erfassten Zahlungen für Schloss Hernstein seit 2015 stammen aus seiner Ära.

Ein Millionengrab?

Schloss Hernstein ist kein gewöhnliches Hotel. Es gehört zum Beteiligungsgeflecht der Wirtschaftskammer Wien. Über mehrere Tochter- und Holdinggesellschaften betreibt die Kammer dort ein Hotel, ein Seminarzentrum und einen Ausbildungsstandort.

Doch das Haus verschlingt seit Jahren Millionen. Seit 2015 zahlte die WK Wien insgesamt 28,39 Millionen Euro für Verlustabdeckungen und Investitionszuschüsse. Der Betrieb schreibt trotzdem weiter rote Zahlen – und der nächste Millionenausgleich ist bereits budgetiert.

28 Millionen geflossen – Verluste bleiben

Allein 2023 flossen 14,05 Millionen Euro nach Hernstein. Davon entfielen 11,30 Millionen Euro auf den Umbau. 2024 kamen weitere 2,30 Millionen Euro hinzu.

Trotz dieser Zuschüsse schrieb die Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft 2024 erneut einen Verlust von 1,77 Millionen Euro.

Der nächste Zuschuss ist schon eingeplant

Der nächste Zuschuss ist schon eingeplant Ein Ende der Zahlungen ist nicht in Sicht. Die WK Wien erklärte gegenüber dem Rechnungshof, künftig eine jährliche Verlustabdeckung von rund einer Million Euro anzustreben.

Im Voranschlag für 2026 sind sogar 1,7 Millionen Euro für den Ergebnisausgleich des Hotelbetriebs vorgesehen. Der spätere Satz „Schloss Hernstein dient als Hotel, Seminarzentrum und Ausbildungsort“ gehört damit gestrichen. Diese zentrale Erklärung steht nun dort, wo sie hingehört: im Vorspann und unmittelbar am Beginn des Artikels.

Rund 39 Millionen Euro über Budget

Noch brisanter sind die Abweichungen von den eigenen Planungen. Von 2021 bis 2023 budgetierte die WK Wien für verbundene Unternehmen insgesamt 10,07 Millionen Euro. Tatsächlich flossen 49,22 Millionen Euro. Damit wurden rund 39,2 Millionen Euro mehr ausgegeben als geplant.

Besonders drastisch war die Abweichung 2021: Vorgesehen waren 2,06 Millionen Euro, tatsächlich wurden 16,82 Millionen Euro aufgewendet – rund das Achtfache. Hauptgründe waren der Umbau des WKO Campus Wien und Schloss Hernstein.

Schloss Hernstein im Firmengeflecht

Das Firmengeflecht hinter Schloss Hernstein ist schwer zu durchschauen. Schloss, Grundstück und Hotelbetrieb sind auf mehrere Gesellschaften verteilt. Darüber stehen weitere Holding- und Liegenschaftsgesellschaften der Wiener Kammer.

Ende 2024 hielt die WK Wien elf direkte Beteiligungen mit einem Bilanzwert von 226,65 Millionen Euro. Eine Holding verfügte über weitere 16 direkte Beteiligungen, eine zweite über acht Kommanditbeteiligungen.

Der Rechnungshof hält fest, dass sich die wirtschaftliche Lage der Kammer ohne Einbeziehung dieser Gesellschaften „nicht aussagekräftig beurteilen“ lässt.

Fast 64 Millionen Euro Überschuss

Geldmangel herrschte in Rucks Kammer dennoch nicht. Von 2019 bis 2024 schrieb die WK Wien jedes Jahr schwarze Zahlen. Insgesamt blieben 63,75 Millionen Euro Überschuss, die den Gewinnrücklagen zugeführt wurden. 65 Prozent der Erträge stammten aus Kammerumlagen, die von den Mitgliedsbetrieben bezahlt werden müssen.

Gleichzeitig stieg der sonstige betriebliche Aufwand innerhalb von fünf Jahren um 34,2 Prozent auf 72,25 Millionen Euro. Allein für Mitgliederbetreuung, Kommunikation und Büroaufwand wurden 2024 rund 27 Millionen Euro verbucht – sieben Millionen Euro mehr als 2019.

Fast 389 Millionen Euro Rücklagen

Auch die Reserven sind beträchtlich. Die WK Wien und ihre 71 rechtlich selbstständigen Fachgruppen wiesen Ende 2024 gemeinsam Rücklagen von 388,55 Millionen Euro aus. Davon entfielen 272,56 Millionen Euro auf die Kammer selbst und 115,99 Millionen Euro auf die Fachgruppen.

Während die Betriebe Pflichtumlagen zahlten, wuchs das Vermögen. Gleichzeitig flossen Millionen in Beteiligungen, Immobilienprojekte und einen verlustbringenden Hotelbetrieb. Die WK Wien betont, rund 249 Millionen Euro seien in Immobilien und Beteiligungen gebunden.

Keine Interne Revision

Ausgerechnet bei diesen Millionenströmen waren die Kontrollen schwach. Die WK Wien verfügte über keine eigene Interne Revision. Auch ihr Jahresabschluss wurde nicht von einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft und bestätigt.

Die Kontrolle lag beim kammerinternen Kontrollamt. Dort standen neben dem Leiter lediglich acht Prüfer für 693 Kammerkörperschaften und rund 70 weitere Rechtsträger und Beteiligungen zur Verfügung.  Bei Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips entfielen rechnerisch rund 190 Prüfobjekte auf jedes Team.

Berichte kamen bis zu 17 Monate später

Die Kontrollen waren nicht nur dünn besetzt, sondern auch langsam. Endberichte wurden teilweise erst 17,7 Monate nach dem Beschluss der Rechnungsabschlüsse verabschiedet. Im Durchschnitt dauerte es rund ein Jahr.

Eigene Prüfungsschwerpunkte zur Rücklagengebarung oder Sonderprüfungen mit gesonderten Berichten gab es nicht.

Ausgerechnet zu Hernstein schweigt die Stellungnahme

Die Wirtschaftskammer Wien hält dagegen: Der Rechnungshof habe weder die Rücklagen noch das Immobilien- und Beteiligungsvermögen grundsätzlich beanstandet. Die Reserven seien notwendig, um Leistungen in Krisenzeiten abzusichern und langfristige Investitionen zu finanzieren. Sie sollten Beitragserhöhungen und Leistungskürzungen verhindern.

Ausgerechnet zu den 28,39 Millionen Euro für Schloss Hernstein äußert sich die veröffentlichte Stellungnahme der Kammer allerdings nicht gesondert.

Jetzt sollen die Betriebe entlastet werden

Nach der Rechnungshofkritik verspricht die WK Wien Reformen. Die Kammerumlage 2 soll bis 2029 in drei Schritten sinken. Dadurch sollen die Wiener Betriebe jährlich um rund 22 Millionen Euro entlastet werden. Für Rücklagen sollen künftig einheitliche Kriterien und Obergrenzen gelten. Kammerkörperschaften mit besonders hohen Reserven sollen Geld schrittweise an ihre Mitglieder zurückführen.

Walter Ruck steht seit 2014 an der Spitze der WK Wien. Politisch fällt der Befund damit in seine Amtszeit: Millionen für einen weiterhin verlustbringenden Hotelbetrieb, Zahlungen weit über den eigenen Budgets und Kontrollen mit erheblichen Lücken.