Fast 500.000 Euro Steuergeld für eine Organisation, die seit Jahren für Debatten sorgt: In der vergangenen Gesetzgebungsperiode flossen 492.589 Euro an die „Muslimische Jugend Österreich“ (MJÖ). Das geht aus einer parlamentarischen Anfrage an das Sport- und Kulturministerium von Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hervor – der exxpress berichtete. Laut Ministerium wurden damit Projekte, darunter auch Wintercamps, im Bereich der „Extremismusprävention“ gefördert.
Genau das ist der brisante Punkt. Denn die MJÖ ist seit Jahren umstritten. Die Organisation ging aus einer 1996 in Linz gegründeten islamischen Jugendgruppe hervor, wurde bald österreichweit aktiv und ist seither öffentlich präsent. Nach außen präsentiert sie sich als moderne Jugendorganisation für Dialog, Teilhabe und Prävention. Gleichzeitig werden ihr in Medienberichten und Studien seit Jahren Kontakte und ideologische Berührungspunkte zu einem Muslimbruderschaft-nahen Umfeld zugeschrieben – vor allem mit Blick auf ihre Frühphase. Dass ausgerechnet in diesem Umfeld staatlich finanzierte „Extremismusprävention“ betrieben wird, sorgt daher nicht erst seit heute für Kritik.
Fast 500 000 Euro Steuergeld Fuer Camps Der Muslimischen Jugend
„Mit Islamisten gegen Dschihadisten?“
Schon 2015 stellte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) die zugespitzte Frage, ob hier „die Regierung ausgerechnet mit Islamisten gegen Dschihadisten“ arbeite. Die Zeitung verwies dabei unter anderem auf Einschätzungen des Extremismusforschers Lorenzo Vidino, wonach es „organisatorische, ideologische und persönliche Verbindungen“ zwischen der MJÖ und einem Muslimbruderschaft-nahen Umfeld gebe. Zugleich betont Vidino, die MJÖ sei weder eine Organisation noch ein Ableger der Muslimbruderschaft, stehe aber „zweifellos in gewissem Maße unter dem Einfluss der Bruderschaft“.

Die MJÖ selbst bestritt die Vorwürfe schon damals entschieden. Gegenüber der NZZ erklärte sie: „Die MJÖ war nie, ist nicht und wird nie in der Nähe der Muslimbrüder sein.“
Prof. Aslan: „Politik sollte deutlich genauer prüfen“
Für Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien, bleibt der Fall dennoch heikel. Er sagt dem exxpress: „Ich würde sagen, dass die Regierung die Hintergründe sowie die politische Ausrichtung der MJÖ deutlich genauer prüfen sollte. Spätestens im Kontext des Gaza-Krieges sind die Vorwürfe hinsichtlich der politischen Gesinnung solcher Organisationen sichtbarer geworden, weshalb hier eine intensivere Auseinandersetzung notwendig erscheint.“

Ein Blick in historische Quellen zeigt, warum die Debatte bis heute anhält. So verweist die „Islam-Landkarte“ – ein Online-Forschungsprojekt der Universität Wien in Kooperation mit der Dokumentationsstelle Politischer Islam – auf zahlreiche Hinweise aus frühen Publikationen der Organisation selbst. Grundlage sind unter anderem Ausgaben der damaligen Gemeindezeitschrift „Lisan ul Umma“ sowie archivierte Website-Einträge der MJÖ.
Missionierung und Organisation in Kleingruppen
Der heutige Islamophobie-Forscher Farid Hafez, damals aktives MJÖ-Mitglied, berichtete 1999 über ein internationales Leadership-Training in Ungarn, das von der Da’wah Academy Pakistan bezahlt und gemeinsam mit der deutschen Muslimischen Jugend Deutschland organisiert wurde. Ziel sei es gewesen, Muslime „in der Da’wah“ – also in religiöser Missions- und Überzeugungsarbeit – auszubilden und internationale Verbindungen aufzubauen.
Laut dem damaligen Bericht wurden die Teilnehmer in „Usras“, also streng organisierte Kleingruppen, eingeteilt – ein Modell, das die Islam-Landkarte ausdrücklich im Umfeld der Muslimbruderschaft verortet.

Der Bericht schildert zudem ein dichtes Programm mit Morgengebet, Koranunterricht, Vorträgen und Workshops; als Referenten werden unter anderem Ahmad von Denffer vom Islamischen Zentrum München und Anis Ahmad, Gründer der International Islamic University Islamabad, genannt. Die Analyse verweist in diesem Zusammenhang auch auf Einschätzungen des Europäischen Parlaments, wonach Hafez Verbindungen zu entsprechenden Netzwerken zugeschrieben werden.
Text-Sammlung vom Gründer der Muslimbrüder
Auch auf einer anderen Ebene sieht die Islam-Landkarte Hinweise auf ideologische Berührungspunkte. So verweist sie auf die Verwendung der „Ma’thurat“, einer von Hasan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft, zusammengestellten Sammlung von Gebeten, Koranversen und Überlieferungen. Laut dem Bericht waren bei einer Spanienreise der MJÖ im Jahr 2005 entsprechende Booklets im Umlauf, die teilweise von Wolfgang Bauer, einem Mitbegründer der MJÖ, übersetzt worden seien. Zu den Texten in dem Buch zählen unter anderem das „dua al-rabita“, ein Gebet zur Stärkung der Gemeinschaft, sowie ein „Zehn-Punkte-Vermächtnis“, das als eine Art religiös geprägter Verhaltenskodex verstanden wird.

Die MJÖ widersprach daraus gezogenen Schlussfolgerungen allerdings ausdrücklich und erklärte, aus der Verwendung solcher Gebete lasse sich keine politische oder dschihadistische Ideologie ableiten.

Brisante Netzwerke In Europa
Auch frühere Kontakte zum europäischen Netzwerk FEMYSO („Forum of European Muslim Youth and Student Organisations“) sorgen bis heute für Gesprächsstoff. Der in Brüssel ansässige Dachverband muslimischer Jugendorganisationen ist seit Jahren umstritten. Die MJÖ bezeichnete sich Anfang der 2000er-Jahre auf ihrer Website selbst als Teil dieses Netzwerks und betonte den Austausch mit anderen muslimischen Jugendorganisationen in Europa.
FEMYSO steht seit Jahren im Fokus von Studien und Berichten von Sicherheitsbehörden, in denen der Verband teils einem Umfeld zugeordnet wird, das Verbindungen zur Muslimbruderschaft aufweisen soll. FEMYSO weist solche Einordnungen zurück. Auch die MJÖ ging später juristisch gegen Darstellungen vor, sie sei reguläres Mitglied gewesen, und erreichte eine Richtigstellung, wonach lediglich eine zeitlich begrenzte, außerordentliche Mitgliedschaft bestanden habe. Eine ideologische oder organisatorische Nähe zur Muslimbruderschaft bestreitet die Organisation bis heute.
Der exxpress konfrontierte die MJÖ mit den Berichten über ihre mutmaßlichen Kontakte zu einem Umfeld mit Nähe zur Muslimbruderschaft. Bis Redaktionsschluss wollte die Jugendorganisation dazu keine Stellungnahme abgeben.
Fragen zu den Mitgliederzahlen
Prof. Aslan hat noch weitere Anfragen an die MJÖ: „Aus meiner Sicht ist es zudem unklar, wie viele Mitglieder diese Organisation tatsächlich hat und inwieweit die Vereinsstrukturen den angegebenen Zahlen entsprechen. Wenn eine angeblich große Organisation ihre Landesvereine teilweise auf Privatadressen registriert, sollte die tatsächliche Größe sowie ihr Anspruch auf Repräsentation kritisch hinterfragt werden.“
Wo die MJÖ im muslimischen Umfeld heute verortet ist, sei ebenfalls die Frage: „Darüber hinaus stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis eine muslimische Jugendorganisation zur IGGÖ steht. Es wäre notwendig, dass hier ein klarer und wirksamer Bezug besteht. Ebenso bleibt unklar, in welchem Ausmaß die IGGÖ die Aktivitäten der MJÖ kennt, begleitet oder verantwortet.“

Kommentare
Lädt Kommentare...