Es klingt wie aus einem Spionagethriller. Doch nach Angaben Israels und Aserbaidschans war es real: In Baku fanden Sicherheitskräfte 7,7 Kilogramm C4-Plastiksprengstoff, dazu bewaffnete Drohnen, Splittervorrichtungen – und eine Zielliste.
Auf dieser Liste standen brisante Ziele: die israelische Botschaft in Baku, eine Synagoge, ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde – und die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline. Diese Pipeline ist einer der wichtigsten Energiekorridore der Region. Sie liefert rund ein Drittel der israelischen Ölimporte.
Doch das ist nicht alles: Mossad, Shin Bet und die israelischen Verteidigungsstreitkräfte sprechen von einem weltweiten iranischen Terrornetzwerk, das sie erstmals in dieser Form offengelegt haben. Es soll israelische Vertreter, jüdische Einrichtungen und westliche Ziele im Ausland ins Visier genommen haben.
Botschaft, Synagoge, Pipeline
Der Anschlag auf die Pipeline hätte Israels Versorgung getroffen. Zugleich wäre es eine Botschaft an Aserbaidschan und die Türkei gewesen: Wer mit Israel kooperiert, kann selbst zum Ziel werden. Weil lokale Helfer eingesetzt worden sein sollen, hätte Teheran seine Rolle leichter abstreiten können.
Das, so erklärten Israels Geheimdienste Mossad und Shin Bet sowie die IDF in einer gemeinsamen Veröffentlichung, mache das geheime Terrornetz Irans besonders gefährlich. Es soll möglichst wenige Spuren nach Teheran hinterlassen. Zurück bleiben lokale Helfer, Kriminelle oder Mittelsmänner, die scheinbar nichts mit dem iranischen Regime zu tun haben.
Ungewöhnlicher Auftritt der Dienste
Am 20. April legten Mossad, Shin Bet und die israelische Armee in einem ungewöhnlichen Schritt gemeinsam Details über das geheime Netzwerk der iranischen Revolutionsgarden offen. Sie nannten Kommandeure, beschrieben Strukturen und erklärten, mehrere führende Köpfe seien bereits bei israelischen Luftangriffen getötet worden.
Die Jerusalem Post bezeichnete die gemeinsame Erklärung von Mossad, Shin Bet und IDF als ungewöhnlich. Normalerweise treten diese Einrichtungen nicht in dieser Form gemeinsam an die Öffentlichkeit. Gemeinsam legten sie ein weltweites iranisches Terrornetzwerk offen, das israelische Vertreter und Einrichtungen im Ausland ins Visier genommen haben soll.
Im Zentrum steht die sogenannte Einheit 4000. Nach israelischer Darstellung handelt es sich um eine verdeckte Struktur innerhalb der Geheimdienstorganisation des IRGC, also der iranischen Revolutionsgarden.
Nicht Hamas, nicht Hisbollah
Viele kennen die Quds-Brigade. Sie ist der bekannte Auslandsarm der Revolutionsgarden. Sie unterstützt Irans Stellvertreter: Hamas, Hisbollah und andere Milizen.
Einheit 4000 soll anders funktionieren. Nicht als sichtbarer Waffenlieferant. Nicht als klassischer Unterstützer von Terrorgruppen. Sondern als geheime Struktur für direkte Operationen im Ausland: Attentate, Bombenanschläge, Sabotage, Ausspähung von Zielpersonen und Angriffe auf israelische und westliche Einrichtungen. Die Abteilung 4000 soll für die Steuerung solcher Terroroperationen außerhalb Irans zuständig sein – sowie für Versuche, fortschrittliche Waffen nach Israel zu schmuggeln.
Einheit 4000 war schon früher Thema
Ganz neu ist der Name Einheit 4000 nicht. Israelische Medien hatten sie bereits früher im Zusammenhang mit iranischen Waffenschmuggelversuchen nach Judäa und Samaria erwähnt.
Die aktuelle Enthüllung zeigt nun aber eine weit größere Dimension: ein internationales Netzwerk. Nicht nur im Nahen Osten. Sondern auch im Südkaukasus, in Europa und darüber hinaus.
Direkte Aktion – mit fremden Händen
Nach israelischer Darstellung arbeitet Einheit 4000 über lokale Helfer, Kriminelle, Mittelsmänner und abgeschottete Zellen. Die eigentlichen Befehlsgeber bleiben im Iran. Die Ausführung übernehmen andere.
Das Gefährliche: Wenn ein lokaler Krimineller in Europa, ein angeworbener Helfer in Aserbaidschan oder ein Mittelsmann in Mexiko festgenommen wird, sieht das zunächst nicht nach einem iranischen Staatsakt aus. Es wirkt wie ein Einzelfall. Wie gewöhnlicher Terror. Wie organisierte Kriminalität.
Laut Israel ist genau diese Tarnung Teil der Methode.
Die Tarnung ist Teil der Waffe
Das ist entscheidend. Teheran kann bei jeder ausgehobenen Zelle behaupten: Wir kennen diese Leute nicht. Das hat mit uns nichts zu tun.
Doch genau diese Strategie wollten Mossad, Shin Bet und IDF offenbar durchbrechen. Indem sie Namen, Methoden und Strukturen öffentlich machten, nahmen sie dem Netzwerk einen Teil seiner Deckung. Künftige Fälle sollen nicht mehr so leicht als isolierte Einzelfälle erscheinen.
Nach Darstellung der Times of Israel führten die Festnahmen in Aserbaidschan auch zur Aufdeckung der Befehlskette hinter dem Netzwerk. Damit wurde der Fall Baku nicht nur zu einer vereitelten Anschlagsserie, sondern zu einem Schlüssel für die Enttarnung der Struktur.
Die Namen hinter dem Netzwerk
Auch die mutmaßlichen Drahtzieher wurden bei der Pressekonferenz genannt. Ganz oben stand laut israelischer Darstellung Majid Khademi, ein hoher Funktionär der IRGC-Geheimdienstorganisation. Unter seiner Verantwortung soll Einheit 4000 operiert haben. Er sei bei einem israelischen Luftangriff getötet worden.
Eine Ebene darunter: Rahman Moqadam, der operative Leiter. Er soll das externe Netzwerk von Einheit 4000 im Alltag geführt haben. Laut Israel war er für Rekrutierung, Ausbildung und Steuerung von Agenten im Iran und in Zielländern zuständig. Auch er soll getötet worden sein.
Hinzu kam Mohsen Suri. Seine Rolle war besonders heikel: Er soll als reisender Feldkontrolleur persönlich Zellen in verschiedenen Ländern getroffen haben.
Der Mann, der Zellen verband
Suri war damit offenbar eine Art menschlicher Knotenpunkt. Er soll nicht nur aus der Ferne kommuniziert haben. Er soll gereist sein, Kontakte gepflegt und Zellen direkt geführt haben.
Genau das machte ihn wichtig. Denn wer einen solchen Mann verfolgt, kann womöglich mehrere Zellen miteinander verbinden. Laut israelischen Berichten wurde auch Suri bei einem Angriff der israelischen Luftwaffe getötet.
Die Jerusalem Post schrieb, führende Köpfe des Netzwerks aus Einheit 4000 seien im Zuge des jüngsten Krieges gegen Iran getötet worden.
Der „Doktor“ und die Spur in die Türkei
Eine weitere Schlüsselfigur soll Mahdi Yekeh-Dehghan gewesen sein, genannt „der Doktor“. Laut israelischen Angaben führte er das Netzwerk in Aserbaidschan und darüber hinaus.
Seine Spur soll bereits zuvor sichtbar geworden sein, als türkische Behörden mehrere Personen wegen Spionage für Iran festnahmen. Nach israelischer Darstellung schleuste das Netzwerk Sprengdrohnen vom Iran über die Türkei nach Zypern.
Besonders brisant: Die Zelle soll dabei Informationen über amerikanische Streitkräfte auf der Incirlik-Basis in der Türkei gesammelt haben. Damit ging es nicht nur um Israel, sondern auch um westliche Militärziele.
Der offene Name: Javad Ghaffari
Ein weiterer Name bleibt brisant: Javad Ghaffari. Derzeit gibt es keinen glaubwürdigen Bericht über seinen Tod. Sollte er tatsächlich weiter aktiv sein, könnte er eine der wichtigsten verbliebenen Figuren dieses Netzwerks sein.
Er soll bis Oktober 2025 eine zentrale operative Rolle in Einheit 4000 gespielt haben. Vorher war er ein wichtiger IRGC-Kommandeur in Syrien. Dort sammelte er jahrelang Erfahrung im Umgang mit Hisbollah, ausländischen Milizen und komplexen Operationen in einem Kriegsgebiet. Das macht ihn für Israel besonders gefährlich.
Zehn Operative, Drohnen, Sprengstoff
Nach Angaben Aserbaidschans war das Material bereits im Land. Sicherheitskräfte stellten nicht nur C4 sicher. Sie beschlagnahmten auch mit Sprengstoff beladene Drohnen und Splittervorrichtungen.
Diese sollen über die iranisch-aserbaidschanische Grenze transportiert worden sein. Die Zelle bestand demnach aus iranischen Staatsangehörigen und lokalen aserbaidschanischen Helfern, die Tarnung und Logistik bereitstellten.
Baku war nur ein Knotenpunkt
Der Fall Aserbaidschan steht nach israelischer Darstellung nicht allein. Israels Außenminister Gideon Sa’ar erklärte im April, israelische Botschaften und Diplomaten seien seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 rund 30 Mal ins Visier genommen worden.
Auch in Europa gab es mehrere Fälle, die in dieses Bild passen: Anschlagspläne gegen israelische oder jüdische Ziele, Überwachung jüdischer Einrichtungen, mutmaßliche iranische Tarnstrukturen.
Die Jerusalem Post berichtete bereits 2024, der Mossad habe seit dem 7. Oktober eine stark gestiegene Zahl iranischer Anschlagspläne gegen Juden weltweit bekämpft.
Nicht alle diese Fälle sind offiziell Einheit 4000 zugeschrieben. Manche könnten auch andere IRGC-Elemente betreffen. Doch sie passen in das Muster, vor dem Israel warnt: iranische Netzwerke, lokale Helfer, kriminelle Kontakte – und jüdische oder israelische Ziele im Ausland.
Warum Mossad und Shin Bet an die Öffentlichkeit gingen
Die Veröffentlichung war selbst Teil der Operation. Normalerweise schweigen Geheimdienste über solche Einsätze. Sie erklären nicht, wen sie im Visier haben. Sie legen keine Strukturen offen. Sie nennen keine Kommandeure.
Diesmal war es anders. Mossad, Shin Bet und IDF machten die Architektur des Netzwerks öffentlich. Damit wollten sie offenbar drei Ziele erreichen: Irans Abstreitbarkeit zerstören, den Wiederaufbau des Netzwerks erschweren – und Teheran zeigen, wie tief israelische Dienste offenbar in die Struktur blicken konnten.
Hinzu kommt ein politischer Punkt: Die Jerusalem Post deutete die Veröffentlichung auch als Signal an die USA und andere Staaten. Irans weltweite Terrorstrukturen sollten bei möglichen Verhandlungen mit Teheran nicht ausgeklammert werden.
Europa ist längst Teil des Problems
Die Botschaft an Teheran lautet: Eure Netzwerke sind nicht unsichtbar. Sie richtet sich aber nicht nur an den Iran. Auch Drittstaaten sollen offenbar gewarnt werden. Denn wenn IRGC-Strukturen auf ihrem Boden operieren, betrifft das ihre eigene Sicherheit.
Für Europa ist der Fall besonders relevant. Der iranische Konflikt mit Israel bleibt nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Er kann Botschaften treffen, Synagogen, jüdische Schulen, Gemeindezentren, Diplomaten – und kritische Infrastruktur.
Wenn ein ausländischer Staat über verdeckte Netzwerke Anschläge auf europäischem Boden vorbereitet, ist das nicht nur Terrorismus. Es ist auch ein Angriff auf die Souveränität europäischer Staaten.
Für jüdische Gemeinden bedeutet das eine dauerhafte Bedrohung. Für Sicherheitsbehörden bedeutet es: Nicht jeder scheinbar lokale Fall ist wirklich lokal.
Die eigentliche Warnung
Mossad, Shin Bet und IDF sprechen von einer schweren Schwächung der Einheit 4000. Mehrere Kommandeure seien tot. Die Zelle in Aserbaidschan sei neutralisiert. Pläne in weiteren Ländern seien vereitelt worden. Die Tarnung des Netzwerks sei beschädigt.
Doch verschwunden ist die Gefahr damit nicht. Solche Strukturen lassen sich umbauen. Namen können wechseln. Mittelsmänner können ersetzt werden. Neue Zellen können entstehen.
Der Fall Baku zeigt, wie weit die Vorbereitungen offenbar bereits waren. Sprengstoff war im Land. Drohnen waren bereit. Ziele waren ausgewählt: Botschaft, Synagoge, jüdischer Gemeindeführer, Öl-Pipeline. Dass der Anschlag verhindert wurde, ist die gute Nachricht. Dass er so weit vorbereitet war, ist die eigentliche Warnung.

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