In Wien sind „nicht genug Arbeitsplätze“, sagt AMS-Chef Johannes Kopf in einem Interview mit Selektiv. Viele Flüchtlinge ziehen in die Hauptstadt – doch Jobs finden sie in den restlichen Bundesländern eigentlich deutlich öfter.
Jede vierte arbeitslose Person in Wien ist ein Geflüchteter, sagt Kopf. Insgesamt 32.000 arbeitslose Flüchtlinge zählt das AMS allein in der Hauptstadt. Zum Vergleich: In Salzburg und Kärnten sind es laut Kopf jeweils unter 1000, in Oberösterreich und der Steiermark jeweils gut 2000.
Doch der Druck auf Wien beginnt nicht erst am Arbeitsmarkt. Er beginnt schon in der Schule.
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Fast jeder zweite Erstklässler ohne ausreichend Deutsch
Im heurigen Schuljahr 2025/26 hatten 8408 Erstklässler in Wien außerordentlichen Status – sprich: Sie konnten dem Unterricht wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht ausreichend folgen. Das entspricht 45,7 Prozent.
Rechnet man die Vorschüler dazu, lag der Anteil sogar bei 50,9 Prozent – insgesamt 10.931 Kinder. Vor fünf Jahren waren es inklusive Vorschüler noch 41 Prozent.
Die zuletzt verfügbare bundesweite Vergleichszahl lag 2024/25 bei 23,2 Prozent außerordentlichen Schülern in der ersten Volksschulklasse. Wien lag damit zuletzt fast doppelt so hoch.
Auffällig: Rund 60 Prozent der betroffenen Wiener Erstklässler wurden bereits in Österreich geboren. Das verweist auf ein Problem vor dem Schuleintritt: In vielen Familien wird zu Hause kaum Deutsch gesprochen, manche Kinder besuchen den Kindergarten zu kurz oder nicht regelmäßig genug.
Auch die langfristige Entwicklung zeigt klar nach oben: 2014/15 hatten an Wiener Pflichtschulen noch rund 12.090 Kinder außerordentlichen Status, etwa 12 Prozent. Mit Stand 1. Oktober 2025 waren es an öffentlichen Wiener Pflichtschulen bereits 18.284.
Wegen geänderter Erhebungsmethoden und unterschiedlicher Schulgruppen sind die Werte nicht 1:1 vergleichbar. Die Tendenz ist aber unmissverständlich.
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49 Prozent ohne deutsche Umgangssprache
Auch bei der Alltagssprache zeigt sich Wiens Sonderstellung. Im Schuljahr 2023/24 hatten österreichweit 26 Prozent der Schüler eine nicht-deutsche Umgangssprache. In Wien waren es 49 Prozent. Dahinter folgten Vorarlberg mit 25 Prozent sowie Salzburg und Oberösterreich mit jeweils 21 Prozent. Wien liegt also nicht knapp vorne – Wien ist ein Fall für sich.
In einzelnen Wiener Bezirken ist der Abstand noch größer: In Favoriten lag der Anteil bei 72 Prozent, in Ottakring und Simmering bei jeweils 67 Prozent. Die niedrigsten Werte hatten die Innere Stadt mit 22 Prozent und die Josefstadt mit 25 Prozent.
Eine andere Umgangssprache bedeutet nicht automatisch mangelnde Deutschkenntnisse. Sie zeigt aber, wie stark Wiens Schulen durch Migration geprägt sind.
Islam ist größtes Bekenntnis an Wiener Pflichtschulen
Verändert hat sich auch die religiöse Zusammensetzung. 2016/17 waren laut damaligen Stadtschulratsdaten 28 Prozent der Wiener Volksschüler muslimisch. 2024/25 waren es bereits 37,7 Prozent.
An öffentlichen Wiener Pflichtschulen insgesamt liegt der muslimische Anteil bei 41,2 Prozent. Damit ist der Islam dort heute das größte Religionsbekenntnis. Christen kommen zusammen auf 34,5 Prozent, Schüler ohne Bekenntnis auf 23 Prozent.
Flüchtlinge ziehen nach Wien – Jobs gibt es woanders
Was im Klassenzimmer beginnt, setzt sich am Arbeitsmarkt fort. Eine aktuelle Auswertung des Integrationsfonds zeigt: Außerhalb Wiens finden Personen mit Schutzstatus deutlich häufiger Arbeit. In Wien liegt die Erwerbsquote von Flüchtlingen nach zehn Jahren bei rund 60 Prozent. In anderen Regionen liegt sie dagegen bei rund 80 Prozent. Auch die Einkommen sind außerhalb der Hauptstadt höher.
Damit entsteht ein paradoxer Effekt: Viele ziehen nach Wien, weil sie dort bessere Chancen erwarten. Die Daten zeigen oft das Gegenteil.
AMS-Chef Kopf benennt den Mechanismus klar: Während Asylwerber im laufenden Verfahren regional untergebracht sind, ändert sich das nach einem positiven Bescheid. „An dem Tag, an dem sie Asyl gewährt bekommen, fliegen sie aus ihren Unterkünften und fahren alle nach Wien – das ist schlecht.“
Kopf spricht im Interview allgemein von „Geflüchteten“. Bei den Arbeitsmarktzahlen gemeint sind vor allem Personen mit Schutzstatus – also Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte –, teils wohl auch Vertriebene aus der Ukraine.
Wiens Sozialmodell als jahrelanger Pull-Faktor
Die Gründe für den Zug nach Wien sind vielfältig: Verwandte, Communities, Beratungsstellen, Deutschkurse, Schulen, öffentlicher Verkehr, Anonymität. Wien wirkt wie der naheliegende Ort für einen Neustart – auch wenn die Arbeitsmarktrealität anders aussieht.
Doch auch finanzielle Anreize spielten lange eine maßgebliche Rolle. Subsidiär Schutzberechtigte konnten in Wien lange Mindestsicherung beziehen, während sie in vielen anderen Bundesländern auf Grundversorgungsniveau blieben. Dieser Sonderweg wurde mit 1. Jänner 2026 beendet: Subsidiär Schutzberechtigte haben seither keinen Anspruch mehr auf Wiener Mindestsicherung und fallen grundsätzlich in die Grundversorgung zurück.
Für anspruchsberechtigte Familien bleibt Wien aber weiterhin attraktiv: In der Wiener Mindestsicherung werden pro Kind 332,07 Euro angesetzt – unabhängig davon, wie viele Kinder im Haushalt leben. In anderen Bundesländern sinkt der Betrag pro Kind, je größer die Familie ist. In Niederösterreich etwa erhält eine Familie mit fünf Kindern pro Kind nur noch 147,59 Euro. Der Unterschied macht bei fünf Kindern allein bei den Kinderbeträgen mehr als 900 Euro pro Monat aus.
Kurz: In Wien zählt jedes Kind gleich viel. In anderen Bundesländern bringt jedes weitere Kind weniger. Genau deshalb kann die Wiener Mindestsicherung für kinderreiche Familien weiter deutlich attraktiver sein.
22 Prozent Bevölkerung – 73 Prozent Sozialhilfe
Die Schieflage zeigt sich auch in den Sozialdaten. Im Jahr 2024 stellte Wien rund 22 Prozent der österreichischen Bevölkerung – aber rund 73 Prozent aller Sozialhilfe- und Mindestsicherungsbezieher. Drei von vier Fällen konzentrieren sich damit in einem einzigen Bundesland.
Fast jeder zweite Mindestsicherungsbezieher in Wien ist laut früheren Auswertungen ein Asyl- oder subsidiär Schutzberechtigter.
Damit geht es bei der Debatte nicht nur um Jobs, sondern ebenso um Schulen, Sozialhilfe, Wohnen und Integration.
Kopfs Forderung: Residenzpflicht für zwei Jahre
Kopf fordert deshalb seit Jahren eine Residenzpflicht. Schon im Herbst 2016 schlug er vor, Asylberechtigte zumindest zwei Jahre lang im jeweiligen Bundesland zu halten. In dieser Zeit sollten die Länder versuchen, die Menschen vor Ort in Arbeit zu bringen. Die Idee dahinter: Wer in Salzburg, Kärnten, Oberösterreich oder der Steiermark einen Job findet, bleibt eher dort. Dann würde nicht automatisch alles nach Wien weiterwandern.
Die politische Realität ist eine andere. „Acht Bundesländer sind froh, dass die Geflüchteten alle nach Wien fahren“, sagt Kopf. „Acht Bundesländer sind gegen eine Residenzpflicht, nur eines dafür.“ Die anderen Länder profitieren, wenn die Belastung nach Wien wandert. Gleichzeitig muss sich Wien fragen lassen, ob die Stadt mit ihren eigenen diesen Zuzug jahrelang verstärkt hat.
Wien verändert sich – schneller als seine Systeme: Wien zieht seit jeher Menschen an. Wie viel Zuzug verkraftet die Stadt, wenn Schule, Sozialhilfe und Arbeitsmarkt gleichzeitig unter Druck geraten?

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