Kaum ein Gebiet der Welt wird so laut beurteilt – und so selten wirklich gekannt – wie Judäa und Samaria, meist Westjordanland genannt. Tuvia Tenenbom lebte acht Monate dort, sprach mit Siedlern, Palästinensern, Politikern und Aktivisten. Sein Befund widerspricht fast allem, was westliche Medien gewöhnlich erzählen.
Im Gespräch mit dem exxpress sagt Tenenbom: Die meisten Journalisten blieben nur wenige Stunden, begleitet von Aktivisten und NGOs, und lieferten danach ihre fertige Geschichte ab. „Das ist etwas völlig anderes“, sagt er über seinen eigenen Ansatz. Er und seine Frau Isi hätten geschlafen, gegessen und geredet – acht Monate lang.

Begegnungen abseits der Klischees
Bereits der Beginn seiner Reise sprengt das übliche Raster: Tenenbom landet nicht zuerst bei radikalen Siedlern, sondern bei den Samaritanern auf dem Berg Garizim – einer uralten Gemeinschaft von rund 800 Menschen, deren Mitglieder teils israelische, jordanische und palästinensische Pässe besitzen.
Auch seine erste Begegnung mit der Siedlerwelt ist bezeichnend: Als er in Elon Moreh ein Zimmer mieten will, zieren sich die Verantwortlichen. Bei einer eigens einberufenen Sitzung nehmen ihn die Siedler ins Kreuzverhör: Über sie werde fast nur negativ berichtet, als „gnadenlose Kolonialisten“, klagen sie – von Journalisten, die ohnehin nur ein paar Stunden blieben. Tenenbom überzeugt sie. Schon am nächsten Tag darf er einziehen; zuvor bewirtet ihn der Leiter der Regionalverwaltung mit einer warmen Mahlzeit.
Insgesamt stößt Tenenbom bei den Siedlern auf sehr viel Gastfreundschaft. Viele der Menschen, die im Westen als fanatische Kolonialisten erscheinen, begegnen dem Autor nicht mit Hass, sondern mit Essen, Unterkünften, Einladungen und endlosen Gesprächen.
„Die Siedler“ gibt es nicht
Im Westen gilt „der Siedler“ oft als Karikatur – militant, fanatisch, gefährlich. Tenenbom widerspricht: „‚Die Siedler‘ gibt es nicht.“ Nach seiner Einschätzung sind von insgesamt rund 500.000 Siedlern nur etwa ein Fünftel ideologisch motiviert. Rund 37 Prozent seien Haredim, ultraorthodoxe Juden, für die es schlicht eine Immobilienfrage sei: „Sie bekommen dort eine Wohnung oder ein Haus zu einem Bruchteil dessen, was sie innerhalb Israels zahlen müssten.“ Andere leben in Städten wie Ariel, weil es „bequem, günstiger“ ist. „Der Westen weiß im Grunde nicht, was Siedler sind“, sagt Tenenbom.
Es gibt aber auch den ideologischen Kern. Die stärkste Figur dazu liefert das Buch selbst: Daniella Weiss, frühere Generalsekretärin der Siedlerbewegung Gusch Emunim und Gründerin der Organisation Nachala. „Ich liebe das Wort ‚Siedler‘. Ich liebe es so sehr!“, sagt sie zu Tenenbom. Siedler seien wie Popcorn: Aus wenigen Körnern am Boden des Topfes werde unter Hitze eine Masse, die nach oben drückt. Gemeint ist: Siedlungen sollen wachsen, sich vermehren und politische Tatsachen schaffen.
Im Gespräch ordnet Tenenbom sie präzise ein: Sie sei zwar „eindeutig“ eine ideologische Siedlerin – aber eben Teil eines ideologischen Kerns von rund 100.000, nicht repräsentativ für alle 500.000 Siedler. Weiss begründet ihre Mission nicht mit Immobilienpreisen oder Sicherheit, sondern religiös: „Ich war auf dem Berg Sinai, meine Seele war zugegen, als Gott uns die Thora gab.“
Zugleich stößt Tenenbom bei seiner achtmonatigen Rundreise immer wieder auf Figuren, die in keine Schablone passen: säkulare Bewohner, die wegen günstiger Wohnungen kamen; religiöse Familien, die ihn bewirten; Siedler, die arabische Musik lieben; Winzer, die Araber beschäftigen und sie sogar vor jüdischen Radikalen schützen. Das Buch ist voll solcher Begegnungen – oft komisch, manchmal absurd, aber fast nie so eindimensional, wie man es aus der üblichen Berichterstattung kennt.

Die Radikalen
Radikale gibt es ebenfalls, das verschweigt Tenenbom nicht. Der Autor lässt alle ungeschönt zu Wort kommen. Er dämonisiert nicht, er idealisiert aber auch nicht. Das zeigt eine andere Szene aus Jitzchar: Eine Siedlerin sagt ihm, Araber müssten vor die Wahl gestellt werden, auszuwandern – „oder wir werden euch töten“. Ihr eigener Mann wirkt peinlich berührt.
Auch die sogenannte „Hilltop Youth“ kommt vor. Dabei handelt es sich nicht um eine Organisation, sondern um eine lose Subkultur junger Aussteiger, die sich auf abgelegenen Hügeln niederlassen. Ariel Danino, selbst aus diesem Umfeld, beziffert die Hilltop Youth auf 200 bis 300 Personen; etwa 150 davon seien an Gewalt beteiligt. Eine kleine, aber gefährliche Randgruppe also. Im Gespräch zieht Tenenbom seine schärfste Trennlinie: „Auf israelischer Seite sind die Radikalen eine sehr kleine Minderheit. In der palästinensischen Welt ist das Radikale dagegen normal.“
Tenenboms Abrechnung mit einem Oscar-Film
Scharf geht Tenenbom mit dem Oscar-prämierten Film „No Other Land“ ins Gericht. Selbst die linksliberale Haaretz habe dem Film nur drei von fünf Sternen gegeben und geschrieben, ein Oscar-Gewinn wäre „aus politischen, nicht aus filmischen Gründen“ zu erklären. Tenenbom sah sich den Film viermal an und reiste anschließend an die Drehorte. Sein Befund: „Die Höhlen, die im Film dunkel und arm erscheinen sollten, waren hell und schön.“ Zudem fehle die Vorgeschichte: „Palästinenser dort hatten zuvor Siedler erschossen – ihre Nachbarn. Das erzählt der Film nicht.“ Sein bitteres Fazit: „Schreib ein langweiliges Drehbuch, stütze dich auf fragwürdige Tatsachen, und der Oscar ist dir sicher.“
Antisemitismus, Märtyrerkult und geheime Israel-Liebe
Auch auf palästinensischer Seite findet Tenenbom nicht nur Opfergeschichten. Im Gespräch sagt er, auf Arabisch höre man oft andere Antworten als auf Englisch, Deutsch oder Hebräisch. Wenn Palästinenser unter sich sprächen, heiße es nicht selten, Juden sollten dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen seien – nach Europa, nach Deutschland, nach Polen, in einem Fall sogar: nach Auschwitz.
In palästinensischen Orten – vor allem in Zone A unter palästinensischer Verwaltung – sieht er Bilder von Shahids, Märtyrern, die als Helden verehrt werden. Für Tenenbom ist das eine der Realitäten, die westliche Berichte selten zeigen: Wer Juden tötet oder beim Versuch stirbt, Juden zu töten, wird nicht an den Rand gestellt, sondern in vielen Milieus verehrt. In gewisser Hinsicht gibt es hier auch Apartheid: Schilder, die „Israelis“ den Zutritt verwehren. Gemeint seien in der Praxis aber Juden, sagt Tenenbom, weil arabische Israelis sehr wohl passieren könnten.
Zugleich findet der Autor auf seiner Reise auch andere Palästinenser – aber sie sprechen vorsichtig. Eine Frau, die Israel wohlgesinnt ist, bittet ihn mehrfach, ihren Namen nicht zu nennen und das Aufnahmegerät auszuschalten. Als er sie fragt, wen sie wählen würde, sagt sie nach langem Zögern: Itamar Ben-Gvir. Gerade solche Szenen zeigen, wie eng der Meinungskorridor auf palästinensischer Seite sein kann.
Die EU zahlt – und keiner sieht hin
Im Gespräch wird Tenenbom auch bei der Rolle Europas deutlich: „Die NGOs B’Tselem und Breaking the Silence werden stark unterstützt, auch von Deutschland. Die EU ist in dieser Gegend finanziell sehr involviert.“ Besonders brisant sind laut Tenenbom leerstehende palästinensische Neubauten in Zone C – dem Bereich unter israelischer Verwaltung: ohne Fenster, ohne Bewohner. Solche Bauten würden von der EU finanziert. „Der Zweck ist, Platz zu besetzen – und die EU zahlt dafür.“
Große Worte, keine Annexion
Der politisch brisanteste Teil betrifft ausgerechnet die israelische Rechte. Finanzminister Bezalel Smotrich weicht der Annexionsfrage aus: „Der Ausdruck ‚Annexion’ ist nicht der richtige Ausdruck. Denn wenn man etwas annektiert, dann annektiert man etwas, das einem nicht gehört. Judäa und Samaria gehören uns. Wir müssen es nicht annektieren.“ Auf die Nachfrage, was bei einem Nein aus Washington geschehe, sagt er nur: „Ich möchte diese Frage nicht beantworten.“ Auch Minister Ben-Gvir verschiebt das Thema: „Kommen Sie wieder, wenn ich die 20 Mandate habe.“
Im Gespräch liefert Tenenbom die Erklärung dazu: „Ich habe mit vielen führenden Leuten gesprochen – und sie wollen das Land nicht annektieren.“ Israel habe derzeit die rechteste Regierung seiner Geschichte, und trotzdem rühre sich nichts: „Sie sind bürgerlich geworden. Die Siedlerbewegung hat ihren inneren Boden verloren.“
Die Annexion, die es nie gab
Das Buch endet aktuell wie kaum ein anderes: US-Präsident Donald Trump erklärt laut Nachrichtenagentur AP, er werde Israel nicht erlauben, das Westjordanland zu annektieren – „das wird nicht passieren“. Die Knesset stimmt trotzdem symbolisch mit knapper Mehrheit dafür. Einen Tag später droht Trump im Time-Magazin, Israel würde „die gesamte Unterstützung der Vereinigten Staaten verlieren“. Die Regierung lässt das Vorhaben fallen.
Tenenboms Fazit: „Eine Annexion – wie bequem für die Führungsebene der Siedler – wird es so bald nicht geben, wenn überhaupt je. Sie haben sie nie wirklich gewollt.“
Kein Friedensplan, sondern eine Entzauberung
Eine Lösung liefert Tenenbom nicht. „Ich bin kein Politiker“, sagt er selbst. Aber er zeigt, was der Westen sich seit Jahren erspart: hinzuschauen, bevor man urteilt.
„Wie nennt ihr dieses Land hier?“ ist kein diplomatisches Sachbuch, sondern eine wilde, komische, polemische und extrem kurzweilige Reportage. Tenenbom schreibt konkret, ungeschnörkelt, subjektiv – aber gerade das ist das Wohltuende. Er macht sichtbar, was in vielen vermeintlich ausgewogenen Texten verschwindet: Widersprüche, Absurditäten und Menschen, die in keine Schablone passen.

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