ORF-Moderator Klaus Webhofer hielt Babler in „Journal zu Gast“ am Wochenende vor, die Reformpartnerschaft bleibe hinter den Erwartungen zurück. Auch SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil nennt den Gipfel eine „Inszenierung“. Babler blieb demonstrativ ruhig. gelassen. „Großartige Leistung“, sagte er. „Große Würfe.“ Beim Thema Gesundheit wurde es dann eng. Hier wurde aus der großen Reform-Erzählung eine offene Kostenfrage.
„Ja, es wird teurer“
Webhofers Frage war einfach. Wenn immer nur ausgebaut, aber nie zurückgefahren wird – wird das System dann nicht automatisch teurer? Babler wehrte sich zuerst: „Sie framen das ein bisschen negativ.“ Dann bestätigte er die Frage selbst: „Ja, es wird teurer.“
Das klingt sozialdemokratisch konsequent. Doch es bleibt die zentrale Frage offen: Wer bezahlt die Rechnung?
Die Zahlen dazu liefert Statistik Austria. 61,3 Milliarden Euro wurden 2025 in Österreich insgesamt für laufende Gesundheitsleistungen ausgegeben – von öffentlicher und privater Seite zusammen, rund 21 Milliarden Euro mehr als noch 2018. Die öffentliche Hand trug davon 46,4 Milliarden Euro. Insgesamt entsprach das 11,9 Prozent des BIP – ein Plus von 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit deutlich mehr als die Inflation. Das Wachstum hat sich damit zwar gegenüber dem Vorjahr abgeschwächt, 2024 waren es noch 8,3 Prozent. Damit wurde aber erstmals die 60-Milliarden-Marke überschritten.
Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Der Fiskalrat rechnet damit, dass allein die öffentlichen Gesundheitsausgaben von 7,7 Prozent des BIP im Jahr 2023 auf 8,9 Prozent im Jahr 2040 und 10,3 Prozent im Jahr 2070 steigen – stärker als bei Pensionen oder Pflege.
Die Gründe sind aus Bablers Sicht: ältere Menschen, teure Therapien, Krebsmedikamente über 100.000 Euro. Keine neuen Sozialstaatsbeiträge. Keine zusätzlichen Steuermittel. Keine Debatte über Hebesätze. Wer die Rechnung zahlt, sagt er nicht.
Keine Gebühren. Keine Selbstbehalte. Punkt.
Ambulanzgebühren? Höhere Selbstbehalte? Babler legte sich fest: keine Ambulanzgebühren, keine höheren Selbstbehalte. Sein Grundsatz: „Man soll keine Kreditkarte brauchen – die E-Card muss reichen.“
Der Rechnungshof setzt genau dort an. In seinem Reformpapier „Gesundheitssystem 2040“ von Mai 2026 hält die Kontrollbehörde eine Kostenbeteiligung der Patienten für „zweckmäßig“ – zu prüfen unter finanziellen, administrativen, versorgungspolitischen und sozialen Aspekten.
Der Rechnungshof fordert also nicht plump neue Gebühren. Aber er öffnet genau jene Tür, die Babler politisch zuschlägt.
Die E-Card schafft noch keinen Termin
„Die E-Card muss reichen“ erklärt Babler. Das ist sein stärkster Satz – und sein angreifbarster.
Rund ein Viertel der Gesundheitsausgaben zahlen die Österreicher schon jetzt privat. 2025 waren das laut Statistik Austria 15 Milliarden Euro, 24,4 Prozent der Gesamtausgaben.
Der Rechnungshof legt nach: Bei den ärmsten Haushalten hat sich der Anteil „ruinöser“ privater Gesundheitsausgaben zwischen 2005 und 2020 verdoppelt – von 1,3 auf 2,6 Prozent. Als ruinös galten Ausgaben von 40 Prozent oder mehr der gesamten Haushaltsausgaben.
Auch bei Fachärzten hakt es. Gynäkologie und Kinderheilkunde seien in manchen Regionen laut Rechnungshof „fast nur mehr bei Wahlärzten“ zu bekommen. Dort reicht die E-Card längst nicht mehr.
Die E-Card-Rhetorik ist stark. Aber sie schafft noch keinen Kassenarzttermin.
Dazubauen statt umbauen
Werden Spitäler geschlossen? Babler weicht aus: Das habe die Ministerin ausgeschlossen. Sein Plan: ein „Versorgungsatlas“, der Lücken zeigt – etwa bei Gynäkologie oder Kassen-Kinderärzten. Dort sollen neue Fachärztezentren entstehen.
Das klingt angenehm. Nur: Eine echte Strukturreform funktioniert nicht nur durch Zubau.
Der Rechnungshof warnt genau davor. Sein Prinzip: Wer ausbaut, braucht mehr Geld. Wer zurückfährt, muss mit weniger auskommen. Beides gehört zusammen.
Der Fiskalrat wird noch deutlicher. Sein Reformpapier vom Juni 2026 nennt explizit eine „Redimensionierung der stationären Versorgung“ – also weniger Spitalslastigkeit, mehr ambulante Versorgung. Redimensionierung heißt nicht automatisch Schließung. Es kann auch weniger Betten, andere Aufgaben oder neue Standortrollen bedeuten. Babler beruhigt trotzdem mit dem Hinweis: Schließungen habe die Ministerin ausgeschlossen.
Aus einer Hand – nur wenn's passt
Ein Widerspruch, den Babler selbst liefert. Bei der Bildungsreform lobt er die Zusammenlegung des Lehrpersonals „aus einer Hand“ als jahrzehntelangen Erfolg. Er habe nie verstanden, warum es in Volksschulen mehrere Dienstgeber gebe, sagte er.
Genau dieses Prinzip fordert der Fiskalrat auch für die Gesundheit: Finanzierung und Planung aus einer Hand. Der ORF-Bericht zur Reformpartnerschaft ist eindeutig: „Eine große Reform bleibt aber aus: Die Spitäler bleiben bei den Ländern, von einer gesamthaften Finanzierung aus einer Hand ist keine Rede mehr, auch in die Patientensteuerung wird nicht eingegriffen.“ Bei neuen Facharztzentren soll es laut Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) immerhin „eine Finanzierung aus einer Hand“ geben – NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger sprach von einer „Finanzierung aus einer gemeinsamen Hand“.
Babler feiert das Prinzip beim Lehrpersonal. Ausgerechnet im teuersten Reformbereich bleibt er dazu still.
Weniger Ambulanz – ohne harte Lenkung
Babler will, dass weniger Patienten in Spitalsambulanzen landen. Seine Lösung: bessere Angebote. 1450, Telemedizin, Fachärztezentren. Das trifft einen realen Punkt. Menschen gehen oft in Ambulanzen, weil sie rasch Sicherheit brauchen und keine andere Anlaufstelle finden.
Aber ohne Gebühren, ohne Selbstbehalte und ohne verbindliche Patientensteuerung bleibt offen, wie schnell sich das ändert. Babler will Entlastung. Aber er vermeidet die Zumutung.
Große Worte, offene Rechnung
So entsteht Bablers Gesundheits-Wunderland: mehr Versorgung, keine Gebühren, keine höheren Selbstbehalte, keine Spitalsschließungen, keine harte Lenkung – aber ein System, das trotzdem teurer wird.
Rechnungshof und Fiskalrat sagen sinngemäß: Ohne Strukturwandel wird es nicht gehen. Verbindlich wird vieles ohnehin erst bei den nächsten Finanzausgleichsverhandlungen.
Nur eine Frage beantwortete Babler nicht: Wer bezahlt das alles – und was wird wirklich reformiert?

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