Eine Milchkiste. Ein Pfandautomat – und plötzlich fehlen 25 Cent.

So banal zeigt sich derzeit bei Hofer, wie kompliziert die neue Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel in der Praxis wird. Wer alte Milchflaschen, Joghurtgläser oder Milchkisten vor dem 1. Juli gekauft hat und erst danach zurückbringt, bekommt am Automaten weniger Pfand zurück, als er ursprünglich bezahlt hat. Das ist eine – vermutlich unbeabsichtigte – Folge von Bablers Mehrwertsteuersenkung.

Bei einer Milchkiste waren es beispielsweise bisher 5,50 Euro Pfand. Seit 1. Juli sind es nur noch 5,25 Euro. Macht 25 Cent Unterschied. Brisant ist das vor allem aus einem Grund: Die Senkung sollte Kunden entlasten. Jetzt müssen sie aufpassen, beim Pfand nicht draufzuzahlen.

Der Aushang in der Filiale

Hofer selbst informiert seine Kunden mit einem Aushang bei der Filiale über die Veränderung. Überschrift: „Information zu Mehrweg-Pfand“.

Der Hofer informiert die Kunden über die Nebenwirkungen von Bablers Mehrwertsteuersenkung.
Der Hofer informiert die Kunden über die Nebenwirkungen von Bablers Mehrwertsteuersenkung.

Die Botschaft: Mit 1. Juli 2026 tritt die von der Bundesregierung beschlossene Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Artikel in Kraft. Betroffen sind bei Hofer auch bestimmte Mehrweggebinde. Konkret nenne der Aushang vier Artikel:

Die Milch-Glasflasche 1 Liter sinke beim Pfand von 0,22 Euro auf 0,21 Euro. Die Milchkiste sinke von 5,50 Euro auf 5,25 Euro. Das Joghurtglas sinke von 0,17 Euro auf 0,16 Euro. Das Fruchtjoghurtglas sinke ebenfalls von 0,17 Euro auf 0,16 Euro.

Der entscheidende Satz stehe darunter: Bei einer Rückgabe nach dem 1. Juli komme es bei diesen Artikeln zu einer Pfanddifferenz. Diese Differenz werde am Pfandautomaten nicht automatisch ausgewiesen.

Wer den Bon nicht hat, hat ein Problem

Für Kunden heißt das: Der Automat zahlt offenbar nur den neuen, niedrigeren Pfandbetrag aus.

Hofer verweist laut Aushang auf eine Übergangsfrist. Bis 31. Juli 2026 werde die Pfanddifferenz auf Wunsch an der Kassa erstattet – allerdings gegen Vorlage des Pfandbons. Nur: Wer hebt schon wochenlang einen Pfandbon für eine Milchkiste oder ein Joghurtglas auf? Und was passiert, wenn Kunden den Bon nicht mehr haben? Was gilt nach dem 31. Juli? Bleibt es dann endgültig beim niedrigeren Betrag?

Warum die Steuersenkung sogar das Pfand senkt

Es ist kurios: Wegen der Mehrwertsteuersenkung bekommen Kunden bei bestimmten Hofer-Artikeln nun auch weniger Pfand zurück.

Eigentlich klingt Pfand ganz einfach. Man zahlt beim Einkauf einen Betrag für Flasche, Glas oder Kiste. Später bringt man das Leergut zurück und bekommt denselben Betrag wieder.

Bei Mehrwegpfand ist es steuerlich aber komplizierter. Das Pfand gilt nicht völlig getrennt vom Produkt. Es hängt am Hauptprodukt – also etwa an der Milch in der Glasflasche oder an der Milchkiste.

Sinkt nun die Mehrwertsteuer auf Milch, sinkt auch der Brutto-Pfandbetrag für die dazugehörige Flasche oder Kiste. Genau deshalb werden aus 5,50 Euro Pfand für eine Milchkiste plötzlich 5,25 Euro. Aus 22 Cent für die Milchflasche werden 21 Cent. Aus 17 Cent für das Joghurtglas werden 16 Cent.

Andreas Babler schreibt sich die Mehrwertsteuersenkung auf die Fahnen.
Andreas Babler schreibt sich die Mehrwertsteuersenkung auf die Fahnen.

Für Kunden wirkt das absurd: Die Steuer soll den Einkauf billiger machen. Wer altes Leergut zurückbringt, kann am Automaten aber weniger Geld bekommen als ursprünglich bezahlt.

Die WKO erklärt dazu, dass Mehrwegpfandsysteme wie neu befüllbare Glasflaschen als einheitliche, umsatzsteuerbare Leistung gelten. Das Pfandgeld zählt dabei als Teil des Entgelts beim Kauf.

Mit anderen Worten: Die Steuer sinkt also nicht nur auf die Milch. Sie zieht auch das Pfand mit nach unten. Genau deshalb wird aus der Entlastung plötzlich ein Problem am Pfandautomaten.

Bablers Entlastung trifft den Automaten

Die neue Steuerregel gilt seit 1. Juli 2026. Für bestimmte Grundnahrungsmittel wurde die Umsatzsteuer von 10 Prozent auf 4,9 Prozent gesenkt. Betroffen sind etwa Milch, Butter, Eier, Reis, Weizenmehl, Nudeln, Brot sowie viele Gemüse- und Obstsorten.

Politisch ist die Maßnahme eng mit Vizekanzler Andreas Babler verbunden. Die SPÖ schrieb selbst, Babler habe die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel „durchgesetzt“. Im Nationalrat bezifferte Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl die Ersparnis für einen durchschnittlichen Haushalt mit rund 100 Euro pro Jahr.

Doch der Hofer-Aushang zeigt nun die Kehrseite: Aus einer Entlastungsmaßnahme wird im Alltag ein Bürokratieproblem.

Der Kunde muss wissen, dass altes Leergut betroffen sein kann. Er muss den alten Pfandbon haben. Er muss erkennen, dass der Automat die Differenz nicht ausweist. Und er muss aktiv zur Kassa gehen, um wenige Cent oder bei der Milchkiste 25 Cent zurückzubekommen.

Eine Senkung mit Nebenwirkungen

Das Problem ist nicht nur der mögliche Verlust für einzelne Kunden. Der größere Punkt ist der Aufwand dahinter.

In der Praxis müssen Kassen, Preise, Warengruppen, Regaletiketten, Automaten, Aushänge und Kundeninformationen angepasst werden. Bei Hofer betrifft das nun sogar das Mehrwegpfand.

Die Kunden sehen am Ende nur: Früher gab es 5,50 Euro für die Milchkiste. Jetzt gibt es 5,25 Euro am Automaten. Die Differenz ist klein, die Wirkung ist groß. Denn kaum etwas ist im Supermarkt so einfach verständlich wie Pfand: Man bringt etwas zurück und bekommt sein Geld wieder. Genau diese Erwartung wird durch die Steuerumstellung plötzlich gebrochen.

Somit gilt: Die Steuer sinkt. Das Pfand sinkt mit. Und der Kunde braucht plötzlich den Bon.