Die UNO hat sich zum Ziel gesetzt, Zwangsehen von Minderjährigen bis 2030 global zu beenden. Im Gespräch mit der APA mahnt James Gray, Senior Advisor für Kinderschutz bei UNICEF: “Leider sind wir vom Kurs abgekommen.” Auch in Österreich seien Mädchen gefährdet. Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) warnte zum Start der Sommerferien einmal mehr vor Zwangsehen. Die schulfreien Monate seien “Hochrisikozeit”, meinte Bauer am Rande ihrer USA-Reise gegenüber Medienvertretern.
“Zwangsehen sind ein globales Problem”, betonte Gray. Betroffen seien weltweit rund 650 Millionen Frauen und Mädchen, zwölf Millionen unter 18-Jährige werden jedes Jahr verheiratet. Die höchste Dichte an Kinderehen weisen Länder in Sub-Sahara-Afrika auf. 31 Prozent der 20 bis 24-jährigen Frauen wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Auch Burschen sind vor Kinderehen nicht sicher, wenngleich Mädchen sechsmal so häufig betroffen sind. Krisen wie etwa der Bürgerkrieg in Syrien würden zusätzliche Treiber darstellen. Wenn Haushalte mit Vertreibung und Verlust von Lebensgrundlagen zu kämpfen haben, greifen manche Familien darauf zurück, ihre Töchter vor dem 18. Lebensjahr zu verheiraten, um wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bewältigen.
Die Liste der Folgen für die Betroffenen ist lang: Schwangerschaften in jungen Jahren und die damit einhergehenden gesundheitlichen Risiken, häusliche Gewalt durch den Ehemann sowie ein Verlust an Bildung, da die verheirateten Mädchen oftmals zu Hause bleiben müssen. Die Mädchen werden zudem häufig gänzlich von ihrer Familie, Freunden und dem gewohnten Umfeld isoliert. Gray betont, dass der Weltwirtschaft durch Kinderehen jedes Jahr 175 Milliarden Dollar Schaden durch verlorengegangene Einkünfte, verringerte Produktivität und Gesundheitskosten entstehen.
Weibliche Genitalverstümmelung sinkt nicht
In 92 Ländern verbreitet sei nach wie vor die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM), die meisten davon in Afrika, Asien und der arabischen Welt. Die Zahlen sinken zwar in einigen der 92 Länder, nicht aber in allen. Die Genitalverstümmelung von Mädchen ging bei 15- bis 19-Jährigen von 35 auf 25 Prozent zurück, der größte Teil dieses Rückgangs ereignete sich im letzten Jahrzehnt. In sieben Ländern, darunter Niger, Benin oder Uganda, wird erwartet, dass die Praxis bis 2030 endet. In anderen Ländern wie Somalia und Guinea ist sie noch weit verbreitet, erklärte Cécile Mazzacurati, Programme Adviser Gender beim Bevölkerungsfonds der UN (UNFPA) bei einem Gespräch in New York.
Motive für die schädliche Praxis gebe es einige, etwa als “Übergangsritus” in der Frauwerdung, zur Heiratsfähigkeit oder aufgrund eines vermeintlichen religiösen Gebots. Viele Eltern würden “nicht versuchen, ihrer Tochter zu schaden”, sondern versuchen, soziale oder religiöse Normen zu erfüllen. Man beobachte derzeit eine “Medikalisierung” des Eingriffs, also, dass dieser öfter von medizinischem Personal durchgeführt werde. Außerdem wird FGM immer früher durchgeführt. Etwa die Hälfte der rund vier Millionen jährlich betroffenen Frauen würden vor ihrem fünften Geburtstag Opfer des Eingriffs, viele innerhalb der ersten Woche ihres Lebens. Neben Aufklärung der Mädchen sei es daher besonders wichtig, Eltern und Führungspersonen, etwa religiöse Führer, aufzuklären.
Auch in Österreich Betroffene
Im Vorjahr wurde das Mindestalter für Eheschließungen auf 18 Jahre angehoben. Bisher galt eine Ausnahme ab 16 Jahren, wenn ein Gericht die Person auf Antrag für ehefähig erklärte. Genauso wie Kinderehen sind auch FGM strafbar. Ebenso ist es verboten, ein Mädchen ins Ausland zu bringen, um es dort zwangszuverheiraten oder einer Genitalverstümmelung zu unterziehen. Laut aktuellen Schätzungen des Bundeskanzleramts könnten jedoch bis zu 5.000 Frauen von Zwangsheirat betroffen oder bedroht sein. Zudem leben in Österreich rund 11.000 von FGM betroffene Frauen, bis zu 3.000 Mädchen gelten als gefährdet.
Vor einigen Wochen warnte das Familienministerium daher mit einer Broschüre, die in “Brennpunktschulen” an Mädchen ausgehändigt wurde. Die Aufklärung und die Dokumentation von FGM sollen zudem im kommenden Untersuchungsprogramm des Eltern-Kind-Passes verankert werden. Gearbeitet wird zudem an einem “Schutzbrief” nach internationalem Vorbild. “Entscheidend ist, dass rechtzeitig erkannt wird, wenn Mädchen gefährdet sind, denn gerade jetzt Richtung Sommerferien steigt die Gefahr wieder massiv”, betonte Bauer.

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