Sie waren am 7. Oktober in Jerusalem. Hat das Ihre Arbeit verändert?
Bischof Robert Stearns: Absolut. Ich glaube, der 7. Oktober hat die ganze Welt verändert – ob sie das schon verstanden hat oder nicht.
Ich war die ersten acht bis zehn Tage des Krieges in Israel, meine Familie und ich reisten über Jordanien aus. In New York erfuhr ich von einer propalästinensischen Kundgebung am Times Square, die mir pro-Hamas geprägt erschien, und ging selbst hin.
Eine Woche nach dem größten Massaker an Juden seit dem Holocaust schrien dort Tausende gegen Amerika, gegen Juden, gegen Israel. Seither sind die Unterschiede glasklar. Man kann nicht mehr grau in der Mitte stehen. Man steht entweder für das Gute – oder auf der Seite des Bösen.
„Solche Demonstrationen entstehen nicht innerhalb weniger Stunden“
Schon unmittelbar nach dem 7. Oktober gab es weltweit massive Proteste gegen Israel. Wie erklären Sie sich das?
Das wirft die Frage auf, ob diese Reaktionen vorbereitet und organisiert waren. Solche globalen Demonstrationen entstehen nicht innerhalb weniger Stunden spontan. Das zeigt: Wir haben es mit einem globalen Problem zu tun.
„Industrialisierte emotionale Manipulation“
Warum wenden sich nicht nur Islamisten gegen Israel, sondern auch westliche Progressive – und teils auch Rechte?
Zwei Antworten. Religiös: Die Bibel beschreibt einen Zustand, in dem Menschen das Böse gut und das Gute böse nennen, wenn sie von den göttlichen Grundprinzipien abkommen. Genau diesen Zustand erleben wir gerade.
Praktisch: Wir leben in einer Welt sozialer Medien, der es nicht um Fakten geht, sondern um Emotionen. Der Algorithmus zeigt ein Bild eines Kindes in Gaza – egal ob echt oder KI-generiert. Sobald er Ihr Herz erreicht hat, zieht er Sie in eine Erzählung hinein.
Jeder Mensch sollte Mitgefühl mit Unschuldigen haben. Auch ich empfinde großes Leid für die Unschuldigen in Gaza. Aber genau dieses Mitgefühl kann manipuliert werden: Erst wird eine starke Emotion ausgelöst, dann wird sie in eine politische Richtung gelenkt.
Ich nenne das industrialisierte emotionale Manipulation, betrieben unter anderem von Akteuren aus Katar und anderen Orten. Damit gewinnt man die nächste Generation.
Stearns über Teheran: „Ein Todeskult“
Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für diese beständige Feindseligkeit gegenüber Israel?
Das Böse existiert. Man kann den Nationalsozialismus politisch nennen, aber im Kern war er religiöser Fanatismus. Einen solchen Fanatismus sehen wir heute im Regime in Teheran und bei seinen Stellvertretern: Hamas, Hisbollah und den Huthis. Heute verbinden sich diese Kräfte auch mit radikalen Linken und Progressiven an Universitäten.
Es ist dieselbe Weigerung, die Existenz des jüdischen Volkes und des jüdischen Staates anzuerkennen.
Wie Churchill sinngemäß sagte: Ein Beschwichtiger füttert das Krokodil in der Hoffnung, als Letzter gefressen zu werden. Das war Chamberlains Fehler – und davor fürchte ich mich heute.
Der Iran hat gezeigt, dass wir es mit einem bösen Todeskult zu tun haben, der nicht an echter Koexistenz mit dem Westen interessiert ist.
Erst kürzlich sagten uns Dutzende Muslime aus den Vereinigten Arabischen Emiraten: Warum hört der Westen nicht auf uns, wenn wir vor Muslimbruderschaft, Hamas und Hisbollah warnen? Das sind Muslime aus dem Nahen Osten, die Angst vor radikalisiertem Islam haben. Und doch werde ich als islamophob bezeichnet, wenn ich das anspreche.
Das heißt nicht, dass Israel perfekt ist. Die israelische Regierung macht Fehler, und man kann ihr widersprechen. Aber jeder Israeli, den ich seit 32 Jahren kenne, will nur Frieden mit den Nachbarn. Der Iran will nur die Zerstörung Israels. Zwei völlig unterschiedliche Denkweisen.
„Schweigen angesichts des Bösen ist selbst böse“
Hat Sie das Ausmaß des Antisemitismus nach dem 7. Oktober überrascht?
Ja. Ich wusste, dass es existiert, aber das Ausmaß war schockierend. Die Antwort liegt letztlich im freien Willen, den Gott dem Menschen gegeben hat.
Ein berühmter Satz lautet: Alles, was das Böse zum Triumphieren braucht, ist, dass gute Menschen nichts tun. Wir dürfen nicht neutral bleiben. Ein Satz, der häufig Dietrich Bonhoeffer zugeschrieben wird, bringt es für mich auf den Punkt: Schweigen angesichts des Bösen ist selbst böse.
Hat das auch Menschen aktiviert, die vorher nicht engagiert waren?
Ich habe beides erlebt: Manche, die vorher zurückhaltend waren, engagieren sich jetzt. Andere ziehen sich zurück und sagen, Israel würde überreagieren – aus Unwissenheit. Deshalb sollte jeder einmal selbst nach Israel reisen: Distanz verursacht Verzerrung, Nähe schafft Verständnis.
„Gott liebt alle Menschen“
Sie sind ein christlicher Leiter, der sich stark für die jüdischen Wurzeln des Christentums und für Israel einsetzt. Wie kam es dazu?
Ich bin ein Christ, der sich den Menschenrechten und dem Frieden für die ganze Welt verpflichtet fühlt – ausgehend von der Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes.
Von dort komme ich zur Frage Israels und des jüdischen Volkes. Die Geschichte lehrt uns: Wo Totalitarismus aufsteigt, wird zuerst das jüdische Volk angegriffen. Rassismus jeder Art ist ein Übel. Und der älteste Rassismus der Welt ist jener gegen Juden. Ich bin ein Freund des jüdischen Volkes und Unterstützer Israels – aber ebenso ein Christ, der für die Grundfreiheiten aller Menschen eintritt.
Gott liebt auch die Palästinenser. Gott liebt alle Menschen. Genau das bringt mich dazu, gegen Totalitarismus und Rassismus in jeder Form zu kämpfen.
„Zionismus ist für mich eine universelle Frage“
Ist christlicher Zionismus für Sie als Christ eine Wahl – oder eine Verpflichtung?
Zunächst meine Definition: Zionismus bedeutet, dass ein Volk in seinem Land leben und selbst über sein Schicksal entscheiden darf – die Italiener in Italien, die Guatemalteken in Guatemala. Am 29. November 1947 stimmte die UN-Generalversammlung für den Teilungsplan: einen jüdischen und einen arabischen Staat. Die jüdische Seite akzeptierte ein sehr kleines Stück Land – und wurde sofort angegriffen. Seitdem hat sich dieser Konflikt in wiederkehrenden Wellen fortgesetzt.
Zionismus ist für mich keine rein jüdische oder israelische Frage. Es ist eine universelle Frage: Jedes Land sollte innerhalb seiner Grenzen in Sicherheit leben und seine eigenen Regeln bestimmen können. Mit dieser Definition ist Zionismus für mich eine Verpflichtung, denn es geht um grundlegende Menschenrechte. Die Bibel sagt, dass Gott die Grenzen bestimmt, dass Gott die Völker hervorgebracht hat.
Deshalb ist es falsch, einzelnen Staaten oder Völkern Totalitarismus oder eine globalistische Agenda aufzuzwingen. Jedes Volk sollte innerhalb seiner Grenzen frei und selbstbestimmt über seine Angelegenheiten entscheiden können.
Wenn hingegen Land gewaltsam genommen oder Menschen vertrieben werden, ist das eine andere Frage – eine Frage globaler Moral. Aber das ist nicht Zionismus. Zionismus bedeutet, im eigenen Land in Frieden leben zu wollen.
Doch Israel lebt seit 80 Jahren mit Krieg, Angriffen und permanenter Bedrohung. Welche andere Volksgruppe musste das so lange ertragen? Das ist es, wogegen Israel kämpft.
„Wir erleben ungewöhnliche Freundschaften“
Sind Christen und Juden heute einander näher als früher?
Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Viele Juden sagen mir, sie fühlten sich unter christlichen Unterstützern wohler als bei manchen Menschen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Zugleich gibt es Teile des Christentums, die ich kaum wiedererkenne – so weit nach links gerückt, dass sie mit ihrer Social-Justice-Agenda die Wahrheit der Schrift verlassen haben.
Das Bündnis verläuft heute zwischen jenen, die an biblischen Grundwerten und an der westlichen Zivilisation festhalten – ob Christen oder Juden. Leider gibt es in beiden Gemeinschaften auch Menschen, die aus der Quelle radikal linker Ideologie trinken. Das führt uns an gefährliche Orte.
Wir erleben eine Zeit ungewöhnlicher Freundschaften und ungewöhnlicher Allianzen.
Die Konfliktlinie verläuft also nicht mehr zwischen Juden und Christen, sondern zwischen Menschen mit biblischen Grundwerten und radikal-progressiven Ideologien?
Genau. Es geht um universelle, transzendente Freiheiten: Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Schutz von Minderheiten. All das geht aus der Tora hervor. Die Tora fragt: Wie behandelst du den Fremden in deinem Land? Wie sorgst du für die Minderheit? In biblischer Zeit hat die Tora auch die Stellung der Frau im Vergleich zur damaligen Umgebung erhöht.
Das Bündnis besteht heute zwischen jenen, die an grundlegenden Werten und gesundem Menschenverstand festhalten – gegen den Totalitarismus ultraprogressiver Bewegungen.
„Christlicher Zionismus ist heute ein globales Phänomen“
Sie sind seit rund 30 Jahren in diesem Bereich tätig. Was hat sich verändert?
Alles. Christlichen Zionismus gab es in der Kirchengeschichte immer, oft nur in kleinen Kreisen oder bei einzelnen Leitern. Aber als globales Phänomen ist er etwa 150 Jahre alt, als organisierte Bewegung etwa 40 bis 50 Jahre.
Verändert hat sich vor allem: Das jüdische Volk war christlicher Freundschaft gegenüber lange sehr misstrauisch. Das ist verständlich angesichts der Geschichte christlicher Verfolgung und der Bekehrungsversuche.
Heute entsteht Vertrauen – ein Gespräch, eine Freundschaft, eine Reise nach der anderen. Nie gab es mehr Zusammenarbeit zwischen der globalen jüdischen und der christlichen Gemeinschaft als heute.
„Sehr viel Antisemitismus ist durch das Christentum geflossen“
Antisemitismus gab es schon in sehr früher Zeit. Zugleich hat auch das Christentum über Jahrhunderte Antijudaismus hervorgebracht. Tragen Christen dafür ebenfalls eine Verantwortung?
Ja. Antisemitismus reicht sehr weit zurück, man kann schon auf die biblische Geschichte von Esther und Haman verweisen. Aber Sie haben recht: In den vergangenen 2000 Jahren ist sehr viel Antisemitismus durch das Christentum geflossen – obwohl Jesus Jude war, Paulus Jude war und alle ersten Nachfolger Jesu Juden waren.
Jeder aufrichtige Christ trägt daher Verantwortung: Reue für die Vergangenheit – und Einsatz gegen Antisemitismus in der Gegenwart.
Ursprünglich bewegte sich die Jesus-Bewegung vollständig im jüdischen Kontext. Die Apostelgeschichte berichtet, dass die ersten Christen weiter im Tempel zusammenkamen. Erst später kam es zur scharfen Abtrennung von den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens – mit sehr negativen Folgen. Ich bin hier aber kein Experte.
„Über 40.000 Menschen nach Israel gebracht“
Können Sie abschließend etwas über Ihre Arbeit erzählen?
Wir haben über 40.000 Menschen aus 40 Nationen nach Israel gebracht, mit Büros unter anderem in Korea, Brasilien, Deutschland und Großbritannien. Über tausend Pastoren und Social-Media-Influencern haben wir Stipendien für Israel-Reisen ermöglicht.
Sind das nur Christen einer bestimmten Konfession?
Nein, wir stehen allen offen – katholischen, lutherischen und orthodoxen Freunden ebenso wie Evangelikalen, aus deren Reihen ich selbst komme. Wir erzählen einfach, was wir mit eigenen Augen sehen. Und wir legen Zeugnis ab für die Wahrheit, die wir sehen.
Vielen herzlichen Dank für dieses Interview.
Zur Person
Robert Stearns gründete Anfang der 1990er-Jahre in Clarence, New York, die Organisation Eagles’ Wings. Seit 2013 ist er zudem Bischof der historischen Tabernacle Church in Orchard Park, New York. Er initiierte den „Global Day of Prayer for the Peace of Jerusalem“ – den weltweit größten christlich-zionistischen Gebetstag, an dem jährlich Kirchen in rund 175 Ländern teilnehmen. Das Interview entstand am Rande der konservativen ARC-Konferenz in London.

Kommentare
Lädt Kommentare...