Polit-Beben in London: Der britische Premierminister Keir Starmer hat am Montag seinen Rücktritt angekündigt. Der Labour-Politiker trat gemeinsam mit seiner Ehefrau Victoria vor die Downing Street – und erklärte, er werde als Vorsitzender der Labour-Partei zurücktreten. Bis zur Wahl seines Nachfolgers bleibt Starmer im Amt.

Der Absturz ist spektakulär. Erst im Juli 2024 war Starmer mit einem Erdrutschsieg in die Downing Street eingezogen. Labour beendete damals 14 Jahre konservative Regierung. Nicht einmal zwei Jahre später ist der Premier politisch am Ende.

Babler feierte Starmer noch als „politische Wende“

Auch in Österreich war die Freude über Starmers Sieg zunächst groß. SPÖ-Chef Andreas Babler jubelte nach dem Labour-Triumph auf X: „Großbritannien hat die politische Wende gewählt!“ Er gratulierte Starmer und schrieb, mit Labours „Plan und Gestaltungswillen“ werde das Land „endlich wieder besser und gerechter“.

Nun sieht die Realität anders aus: schlechte Umfragen, schwere Verluste bei den Kommunalwahlen, Rücktritte im Kabinett, massive Kritik am Führungsstil – und schließlich der offene Machtkampf in der Labour-Partei.

„Ich habe die Antwort gehört“

Starmer sagte in seiner Rücktrittsrede, seine Partei habe sich die Frage gestellt, ob er noch der richtige Mann sei, um Labour in die nächste Unterhauswahl zu führen. Er habe die Antwort gehört – und akzeptiere sie „mit Anstand“.

Jede Entscheidung, die er getroffen habe, sei davon geprägt gewesen, „das Land, das ich liebe“, an erste Stelle zu setzen. Nun werde er alles tun, um eine geordnete Übergabe sicherzustellen. Seinem Nachfolger sicherte Starmer seine volle Unterstützung zu.

Starmer sprach mit König Charles

Der scheidende Premier erklärte, er habe König Charles III. bereits am Morgen telefonisch über seine Entscheidung informiert. Der Monarch hielt sich zu diesem Zeitpunkt auf seinem Landsitz Highgrove in Gloucestershire auf.

Die Labour-Partei soll nun den Zeitplan für die Nachfolge festlegen. Die Nominierungen für den Parteivorsitz sollen am 9. Juli beginnen. Ziel ist, dass ein neuer Labour-Chef feststeht, bevor das Parlament im September wieder zusammentritt. Bis dahin bleibt Starmer Premierminister.

Tränen bei Worten über Ehefrau und Kinder

Besonders emotional wurde Starmer am Ende seiner Rede. Nach dem „größten Job im Land“ wolle er nun mehr Zeit für den „wichtigsten Job“ haben: ein guter Ehemann und Vater zu sein.

Er dankte seiner Ehefrau Victoria. Sie sei in guten wie in schlechten Zeiten „ein Fels“ an seiner Seite gewesen. Auch seine Kinder nannte er seinen „Stolz und seine Freude“. Mehrere britische Medien berichteten von einem sichtlich bewegten Premier, der bei diesen Worten mit den Tränen kämpfte. Danach umarmte Starmer seine Frau vor Nummer 10 und ging zurück in die Downing Street.

Briten haben genug vom Premier-Karussell

Scharfe Kritik kam von den Liberaldemokraten. Parteichef Ed Davey erklärte, die britische Öffentlichkeit habe genug davon, immer wieder von wechselnden Premierministern enttäuscht zu werden, während sich im Land kaum etwas ändere.

Es dürfe nun nicht nur darum gehen, wer in Nummer 10 einziehe, sagte Davey sinngemäß. Großbritannien brauche eine Veränderung seiner „kaputten Politik“, damit das Land wieder in Ordnung gebracht werden könne.

Tatsächlich setzt sich mit Starmers Rücktritt der dramatische Verschleiß an britischen Regierungschefs fort. Seit dem Brexit-Referendum 2016 reiht sich in London Krise an Krise. Auf David Cameron folgten Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak und Keir Starmer. Nun kommt der nächste Premier.

Labour stürzte in den Umfragen ab

Zuletzt kämpfte Starmer mit historisch schlechten Umfragewerten. Bei den Kommunalwahlen im Mai musste Labour schwere Verluste hinnehmen. Dazu kamen Rücktritte führender Kabinettsmitglieder und massive Kritik an Starmers Führungsstil.

Burnham steht bereit

Besonders brisant: Am Freitag gewann sein parteiinterner Rivale Andy Burnham einen Sitz im Parlament. Damit kann der frühere Bürgermeister von Greater Manchester formal für den Labour-Vorsitz kandidieren – und damit auch Premierminister werden.

Burnham gilt als einer der aussichtsreichsten Nachfolger. Doch der Wechsel ist riskant: Großbritannien steht wirtschaftlich unter Druck, die Lebenshaltungskosten bleiben hoch, die Stimmung im Land ist gereizt. Gleichzeitig profitiert Nigel Farages Reform UK vom Frust vieler Wähler über Labour und die Konservativen.

Starmer verteidigt seine Bilanz

Starmer verteidigte in seiner Rede dennoch seine politische Bilanz. Er habe eine Labour-Partei übernommen, die „politisch, finanziell und moralisch bankrott“ gewesen sei. Viele hätten Labour damals abgeschrieben. Er habe diese Leute widerlegt.

Besonders betonte Starmer, er habe den „Giftstoff des Antisemitismus“ aus der Partei herausgerissen. Außerdem habe er Vertrauen in Wirtschafts-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik wiederhergestellt.

Doch das reichte nicht. Aus dem Mann, der Großbritannien Stabilität bringen wollte, wurde selbst ein Symbol der Instabilität. Aus dem gefeierten Labour-Triumph von 2024 wurde eine Führungskrise. Und aus der damals bejubelten „politischen Wende“ wurde ein weiteres Kapitel im britischen Premier-Karussell.