Während Flugzeuge am Boden bleiben, Behörden Bürger zum Sparen beim Pendeln auffordern und der Iran-Krieg Europas Energierechnung explodieren lässt, steht Brüssel vor einer brisanten Frage: Wie viel Treibstoff hat Europa eigentlich noch? Die Antwort ist erstaunlich: So genau weiß das offenbar niemand.
Wie Politico berichtet, tappen EU-Behörden nicht völlig im Dunkeln — staatliche Öl- und Gasreserven sind grundsätzlich bekannt. Doch bei kommerziellen Lagern, Diesel, Benzin, Flugbenzin, Hafen-Tanklagern, Flughafendepots, Supertankern und laufenden Lieferströmen wird es plötzlich neblig.
Ein hochrangiger europäischer Energiebeamter sagte gegenüber dem Politikmedium: „Wir haben sehr begrenztes Marktwissen und sehr begrenzte Daten zu Gas und Öl.“ Noch deutlicher formulierte es ein anderer Beamter: „Wir wissen, was sie auf Lager haben sollten. Aber was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich haben, können wir nicht wirklich wissen.“
500 Millionen Euro pro Tag: Von der Leyens Energie-Alarm
Der Hintergrund ist dramatisch: Der Krieg im Iran treibt die Preise für fossile Energie nach oben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, der Konflikt koste die EU fast 500 Millionen Euro pro Tag an zusätzlichen Energiekosten.
Gleichzeitig droht die Lage an der Straße von Hormus weiter zu eskalieren. Diese Meerenge ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Gas weltweit. Wird sie blockiert oder dauerhaft gestört, trifft das Europa mitten in einer ohnehin angespannten Versorgungslage.
Besonders heikel: Flugbenzin und Diesel. Genau dort ist der Überblick laut Politico besonders schlecht. Viele Bestände liegen in privaten Lagern. Unternehmen müssen sensible Geschäftsdaten oft nicht melden — und wollen sie auch nicht freiwillig herausgeben.
Nach drei Jahren Energiekrise kommt Brüssel auf die Idee eines Treibstoff-Monitors
Erst jetzt plant die EU-Kommission ein neues „Fuel Observatory“. Es soll Produktion, Importe, Exporte und Lagerbestände von Verkehrskraftstoffen erfassen. Die Kommission selbst bestätigt, dass dieses Instrument mögliche Engpässe schneller sichtbar machen und im Krisenfall eine ausgewogenere Verteilung ermöglichen soll.
Mit anderen Worten: Nach Corona, nach Russlands Angriff auf die Ukraine, nach der Gaspreiskrise und mitten im Iran-Krieg baut Brüssel erst ein System auf, um besser zu wissen, wie viel Treibstoff Europa wirklich hat.
Dabei gibt es längst Pflichtreserven: EU-Staaten müssen Notvorräte an Rohöl oder Erdölprodukten halten — mindestens 90 Tage Nettoimporte oder 61 Tage Verbrauch, je nachdem, welcher Wert höher ist. Außerdem müssen sie der Kommission monatlich statistische Übersichten melden.
Das Problem liegt also nicht darin, dass es gar keine Reserven gibt. Das Problem ist: Brüssel hat offenbar kein krisenfestes Echtzeitbild über die tatsächliche Lage — vor allem nicht bei raffinierten Produkten und privaten Lagerbeständen.
Gas sieht man besser — Diesel und Kerosin verschwinden im Nebel
Bei Gas ist die Lage etwas transparenter. Nach der Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges wurden EU-Regeln verschärft: Die Speicher sollen vor dem Winter zu 90 Prozent gefüllt sein. Doch auch hier bleiben Zu- und Abflüsse, grenzüberschreitende Handelsbewegungen und Marktdynamiken schwerer zu verfolgen.
Noch schwieriger ist es bei Flugbenzin. Laut dem Rohölanalysten Homayoun Falakshahi von Kpler, einem der wichtigsten privaten Datendienstleister für globale Energie- und Tankerströme, sind Jet-Fuel-Bestände „viel schwieriger“ zu verfolgen. Der Grund: Flugbenzin wird meist in Tanks mit festen Dächern gelagert. Anders als bei vielen Rohöltanks lässt sich der Füllstand nicht so leicht per Satellitenbild abschätzen.
Bei Rohöl funktioniert das besser: Spezialfirmen können die Höhe von Schwimmdächern auf Lagertanks über Schattenwürfe auf Satellitenbildern auswerten. Damit kann Kpler auf diese Weise rund 90 Prozent von sechs Milliarden Barrel globaler Lagerkapazität erfassen.
Doch bei Kerosin, Diesel und vielen privaten Beständen bleibt Europa auf freiwillige Angaben angewiesen.
Die EU reguliert — aber sieht zu wenig
Der eigentliche Skandal aber ist: Die EU will Energiepreise abfedern, Unternehmen stützen, Vorräte verteilen, Bürger zum Sparen bringen und die Energiewende steuern. Aber ausgerechnet bei der elementaren Krisenfrage — wie viel Treibstoff ist wirklich verfügbar? — fehlen ihr entscheidende Daten.
Brüssel steht damit wieder vor einem alten Problem: viel Regulierung, viele Gipfel, viele Ankündigungen — aber wenn die Krise kommt, fehlt der operative Überblick.
Die gute Nachricht: Europa hat Pflichtreserven. Die schlechte: In einer echten Versorgungskrise reicht es nicht zu wissen, was theoretisch vorhanden sein sollte. Man muss wissen, was tatsächlich wo liegt, wie schnell es verfügbar ist und wer darauf zugreifen kann.
Nach Ukraine-Invasion, Gaspreisschock und Iran-Krieg wirkt das geplante „Fuel Observatory“ wie ein verspäteter Rauchmelder nach dem dritten Brand.

Kommentare
Lädt Kommentare...